Holy Shit

Über Romantik in der modernen Zeit von Tinder.

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Mich überfordert das alles. 4000 verschiedene Joghurts im Regal. 2000 Zahnpastamarken. 5000 Biersorten. Die Wahl zu haben, ist für mich mehr als eine Qual. Für mich ist es gar ein Unglück der heutigen Zeit. Das merke ich auch bei übervollen Speisekarten etwa, oder bei Netflix, wenn ich eine halbe Stunde damit verbringe, mir eine Serie auszuwählen, und dann doch ständig an jene denken muss, die ich eben nicht gewählt habe. Deshalb sind auch Datingsites so gar nichts für mich. Da würde ich ganz konfus.

Es gibt aber noch einen anderen Grund, weshalb ich mich nicht auf einer solchen Plattform registrieren würde. Ich bin etwas verschroben romantisch und hätte gerne eine Liebesgeschichte, die in der Wirklichkeit begonnen hat. Nicht so, wie bei der pausbäckigen Frau im geblümten Sommerkleid, die letztens am Nebentisch sass und ihrer kraushaarigen Freundin in Boyfriend-Jeans Weisswein schlürfend ein Geständnis machte. Vorhang auf.

Sie erzähle doch immer, dass sie und Tom* (*Name der Redaktion bekannt) sich an einem Musikfestival kennen gelernt hätten. Das sei aber nicht die ganze Wahrheit, sagte sie, worauf ein komisches Kichern folgte. Eigentlich habe es über Tinder den ersten Kontakt gegeben. «Das ist doch egal», sagte die andere.

Die im Sommerkleid hob die Hand wie ein Verkehrspolizist und sagte: Auch das sei noch nicht die ganze Geschichte. Es sei zwar schon am Festival passiert. Aber... «Ich stand in der Schlange vor der Damentoilette und wischte durch Tinder, um die Zeit zu verkürzen», sagte sie ganz ernst. Damit habe sie aber auch nicht aufgehört, als sie bereits auf dem Topf gesessen sei. «Und da bin ich eben auf Toms Profil gestossen.»

Nur der Zufall habe es gewollt, dass er auch an dem Festival war. Alles, was danach folgte, sei ja sehr romantisch gewesen. «Aber weisch», sagte sie, beugte sich über den Tisch zu ihrer Freundin rüber und flüsterte: «Ich musste gross! Ich war also buchstäblich am Schei... – du weisst schon.»

«Heilige Scheisse», sagte die Freundin auf Englisch. Vorhang. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.09.2018, 10:16 Uhr

Bern! Biel! Burgdorf! Das Leben! Michael Bucher, Martin Burkhalter, Maria Künzli, Mirjam Messerli und Fabian Sommer teilen abwechselnd ihre kleinen und grossen Beobachtungen.

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