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Schall und Rauch – ein Kammerspiel

Eine Geschichte aus dem Fumoir.

Martin Burkhalter

Heutzutage ist man schon randständig, wenn man sich in ein Fumoir setzt. Dabei schreibt das Leben gerade dort die besten Geschichten. Deshalb bin ich regelmässig in einem – irgendwo zwischen dem Schloss Burgdorf und der Langnauer ­Ilfishalle. Das Publikum, bestehend aus einem halben Dutzend Stammkunden: Nennen wir es eigentümlich.

Vorhang auf.

Erster Stammkunde: das Berner Wappen auf den rechten Oberarm tätowiert, schwarze Lederweste, schütteres Haar, kein Schnauz. Er trinkt ein grosses Chübeli und raucht Brunette Doppelfilter. Die Gesinnung ist auch schnell herauszuhören: Mit Nicht-Einheimischem hat er Mühe. Ausser mit Udo Jürgens, den er jetzt übers Handy abspielt. So laut, dass er damit das Gedudel von Radio Swiss Pop übertönt.

Zu laut, findet ein anderer Stammgast zwei Tische weiter. Gut 50 Jahre alt. Grauer Pullover, Jeans, Puma-Sportmütze, Brille, graumelierter Schnauzbart, Stange und eine Packung Marlboro rot vor sich auf dem Tisch. Hautfarbe: dunkel.

«Mach das leiser», sagt der Puma-Bemützte. «Ist ja nicht auszuhalten.» «Was willst du?», erwidert der mit der Lederweste. «Vielleicht deinen Scheiss-Araber-Sound?» «Halt, halt!», sagt der mit dem Schnauz – mit Echo. «Es gibt sehr schöne arabische Musik.»

Die Luft lädt sich elektrisch auf. Stühle werden gerückt. Die anderen Gäste schütteln den Kopf. Beschwichtigende Worte fallen. Der mit der Lederweste bekommt rote Ohren. Dann unangenehmes Schweigen. Dann hustet einer an Tisch eins. An Tisch vier zündet ein anderer eine Zigarette an. An Tisch drei greift eine ältere Dame mit zittriger Hand nach ihrem Ballon Weisswein. Dann verfliegt die Anspannung plötzlich.

«Zeig mir deine Musik», sagt der Udo-Jürgens-Fan und geht rüber zum Puma-Bemützten. «Ich muss das lernen. Ich will deine Musik kennen lernen», sagt er und dann beinahe sanft: «Es tut mir leid. Ich habe nur Angst, weisst du, wegen Syrien, wegen IS und Terror und so.»

Kurze, aber innige Umarmung.

Vorhang.

Im Grossen und Ganzen sind wir im Kleinen doch alle harmoniebedürftig.

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