Bluttat von Pfäffikon: Lebenslänglich für Doppelmörder

Der 63-jährige Shani S. muss lebenslänglich ins Gefängnis. Das Obergericht hat die Strafe des Bezirksgerichts bestätigt.

Erster Prozess im April 2013: Der Kosovare (Zweiter von links) musste sich in erster Instanz vor dem Bezirksgericht Pfäffikon verantworten.

Erster Prozess im April 2013: Der Kosovare (Zweiter von links) musste sich in erster Instanz vor dem Bezirksgericht Pfäffikon verantworten.

(Bild: Robert Honegger)

Liliane Minor@MinorLili

Das Obergericht hat Shani S. heute wegen Mordes verurteilt. Der damals 59-jährige Kosovare hatte im August 2011 seine Frau sowie die Leiterin des örtlichen Sozialamts auf offener Strasse erschossen. Das Bezirksgericht Pfäffikon war schon im April letzten Jahres zum selben Schluss gekommen. Shani S. habe aus «krassem Egoismus und in ausserordentlicher Geringschätzung des menschlichen Lebens» gehandelt; getötet habe er, weil seine Frau ihn nach einem gewalttätigen Streit aus der Wohnung geworfen hatte. Sie wollte sich scheiden lassen, was die Sozialarbeiterin unterstützte.

Für seinen Verteidiger Thomas Fingerhuth beging Shani S. keine Morde, sondern vorsätzliche Tötungen. «Er sah sich mit Kontrollverlust konfrontiert und versuchte, seine Ansprüche zunehmend mit brachialer Gewalt durchzusetzen. Das aber brachte ihn in ein unlösbares Dilemma mit seinen sittlich-moralischen Ansprüchen.» Er habe die beiden Opfer nicht bestrafen wollen, sondern aus einer tiefen Angst heraus gehandelt, weil er sich den Anforderungen des Lebens nicht gewachsen sah.

Ausreden, Ausflüchte, Selbstmitleid

Shani S. hinterliess vor Obergericht einen irritierenden Eindruck. Da stand ein Mann, der keine wirkliche Reue oder Einsicht zeigte. Dafür umso mehr Selbstmitleid und eine bemerkenswerte Gabe, Ausflüchte zu finden. Die Berufung erklärte er so: «Ich verdiene keine so hohe Strafe. Ich möchte irgendwann wieder aus dem Gefängnis kommen.» Sein letzter Satz im Schlusswort war: «Ich bin nicht der Einzige, der schuld ist.» Und irgendwann im Verlauf der vierstündigen Befragung sagte er: «Niemand leidet mehr als ich.» Dasselbe hatte er fast wörtlich schon vor anderthalb Jahren dem Bezirksgericht gesagt.

Auch seine Strategie, allen anderen die Schuld zu geben, kannte man bereits von seiner Befragung vor dem Bezirksgericht Pfäffikon. Ebenso seine Neigung, wortreich wie inhaltslos zu antworten. War er damals aber wenigstens noch im Anzug erschienen, so kam er heute in abgewetzten Jeans und einem fadenscheinigen Pullover. Und er gab sich vor Obergericht kaum mehr Mühe, den Tathergang zu erklären. «Ich erinnere mich nicht mehr, ich war wie ein Roboter, mein Finger am Abzug funktionierte selbsttätig», das war alles, was er zur Tötung sagte. Und: «Ich bin wohl mehr erschrocken als meine Frau.»

Hass – oder ein Versehen?

Seine Frau und die Sozialamtsleiterin zu töten, sei aber nie seine Absicht gewesen, beteuerte Shani S. heute. Dass er in den ersten Einvernahmen kurz nach der Tat noch zugegeben hatte, gezielt geschossen zu haben, davon wollte er nichts mehr wissen. Auf die Frage des Richters, warum er das dann so gesagt habe, wich er aus. Er habe die Befragung hinter sich bringen wollen. Die Übersetzung sei fehlerhaft. Er sei depressiv gewesen.

Dafür tischte der Beschuldigte dem Obergericht eine neue Erklärung dafür auf, warum er seine Pistole aus dem Kosovo in die Schweiz mitgenommen hatte, nachdem ihn seine Frau aus der gemeinsamen Wohnung geworfen hatte. «Ich wollte mit ihrem Bruder reden, und das sind Leute, die gehen nicht einmal ohne Waffe auf die Toilette», erklärte er. «Deshalb wollte ich auch bewaffnet sein.» Warum er die Pistole einsteckte, als er sich aufmachte, um seine Frau zur Rede zu stellen, könne er sich nicht mehr erklären – möglicherweise habe er die Waffe mit dem Handy verwechselt. Minuten später war die Frau tot.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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