Böse Überraschung im Flugsimulator

Bei Tests wird das Dilemma der Piloten der Lion-Air-Unglücksmaschine deutlich: Eine Software griff deutlicher als erwartet in das Geschehen ein.

Eine Boeing 737 Max 8 von Lion Air in Indonesien. Symbolbild: Reuters

Eine Boeing 737 Max 8 von Lion Air in Indonesien. Symbolbild: Reuters

Um besser zu verstehen, was sich in den letzten Sekunden vor dem Absturz im Cockpit abspielte, haben Piloten im Simulator den Flug der Boeing 737 Max 8 der indonesischen Fluglinie Lion-Air nachgestellt. Die Maschine war im Herbst vergangenen Jahres abgestürzt, weil die Piloten offenbar das neue Software-System nicht in den Griff bekamen. Das sogenannte MCAS soll die 737 Max 8 eigentlich in bestimmten Flugsituationen stabilisieren. Doch bei dem Lion-Air-Flug hat wohl ein defekter Sensor dazu geführt, dass das Gegenteil geschah: Die Maschine spielte verrückt, weil das MCAS keine korrekten Daten über den Anstellwinkel, also die Lage des Flugzeugs im Luftstrom erhielt.

Bei dem Versuch im Simulator zeigte sich nun, dass das MCAS deutlich stärker in die Steuerung eingriff, als es die Piloten erwartet hatten, berichtet die «New York Times» unter Berufung auf zwei Personen, die bei den Tests in den vergangenen Tagen dabei waren. Bei dem simulierten Ausfall eines Sensors blieben den Piloten daher nur wenige Sekunden, um das System auszuschalten. Bislang ist das MCAS so programmiert, dass es sich für zehn Sekunden einschaltet und dann für fünf Sekunden pausiert.

Schalter, die nicht mehr helfen

Piloten haben dann Gelegenheit, mittels eines Schalters am Steuerhorn die Nase des Flugzeugs wieder nach oben zu bringen. Doch weil im Falle des Lion-Air-Flugs der Sensor weiterhin falsche Daten lieferte, griff das MCAS danach wieder ein. In dem Moment hätten die Piloten mit zwei weiteren Schaltern einen Motor deaktivieren können, mit dessen Hilfe das MCAS die Nase des Flugzeugs nach unten drückte. Doch das wussten sie offenbar nicht. Stattdessen sollen sie mehr als zwei Dutzend Mal mit dem Schalter am Steuerhorn versucht haben, das MCAS zu überwinden.

Gegen den drohenden Absturz konnten sie aber damit nichts mehr ausrichten. Unter den speziellen Bedingungen des Lion-Air-Fluges, so schildert es die «New York Times» weiter, sei im Simulator bereits nach drei Eingriffen des MCAS – also etwa nach 40 Sekunden – das Flugzeug nicht mehr kontrollierbar gewesen.

Künftig wolle Boeing den Piloten wieder mehr Handlungsspielraum eingeben, berichtet Reuters unter Berufung auf Insider, die mit den neuen Schulungen vertraut seien. Das Software-Update verhindere den wiederholten automatischen Eingriff des MCAS. Zudem gehe das System künftig anders mit den Daten der Sensoren um: Wichen diese deutlich voneinander ab, solle das MCAS deaktiviert werden.

Bevor das Flugverbot für die 737 Max 8 wieder aufgehoben wird, dürften nach Einschätzung von Experten noch Monate vergehen. Das Update muss nicht nur von der US-Flugbehörde FAA genehmigt werden – andere Aufsichtsbehörden kündigten bereits eigene Prüfungen an. An diesem Mittwoch wird Boeing die Neuerungen erstmals vorstellen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt