Böses Opfer

Dafür, dass er einen Gegenspieler angezeigt hat, wird Wacker-Thun-Handballer Nicolas Raemy mitunter heftig kritisiert. Es ist eine sonderbare Interpretation der Ereignisse.

Die Aktion, welche die Handball-Schweiz bewegt: Milan Skvaril drückt gegen den Nacken Nicolas Raemys. Foto: Christian Pfander

Die Aktion, welche die Handball-Schweiz bewegt: Milan Skvaril drückt gegen den Nacken Nicolas Raemys. Foto: Christian Pfander

Adrian Horn

Nach Meinung der «Aargauer Zeitung» ist das Handeln des Thuners «in höchstem Grad unsportlich». Und der «Blick» findet, der Wacker-Akteur habe «eine Linie überschritten».

Nicolas Raemy – der Täter? Mitnichten.

Im April ist der HSC Suhr eine Niederlage davon entfernt, im Playoff-Viertelfinal auszuscheiden. Nachdem sie in den vorangegangenen beiden Partien deutlich verloren haben, langen die Aargauer noch ein bisschen kräftiger zu. Gleich zwei von ihnen werden des Feldes verwiesen. Nach einem Drittel Spielzeit reisst Milan Skvaril Raemy um und drückt mit dem Ellenbogen gegen dessen Nacken. Auffallend lang. Leute, welche die Aktion aus nächster Nähe verfolgen und keinem der beiden Clubs zuzuordnen sind, sprechen von klarer Absicht. Auf den Fotoaufnahmen dieser Zeitung ist zu sehen, wie sehr der Aufbauer der Berner Oberländer in jenem Augenblick leidet. Er ist die Schlüsselfigur in den Reihen des Favoriten; ein paar Wochen später wird er zum besten Akteur in der betreffenden Saison gewählt werden.

Handball spielen kann er zu diesem Zeitpunkt erst seit rund einem Jahr wieder, nachdem er im Herbst 2016 während einer Meisterschaftspartie ein Schleudertrauma erlitten hat und in den folgenden 17 Monaten um die Rückkehr auf den Platz bangte, derweil zumeist seinem Alltag nicht nachgehen konnte, auf Reisen weitestgehend verzichten musste, phasenweise heftige Kopfschmerzen verspürte und fortwährende Müdigkeit beklagte.

Als Raemy am Tag danach spazieren geht, wird ihm schwindlig. Die Symptome von einst – sie sind wiedergekehrt. Er setzt zwei Begegnungen aus. In der Zwischenzeit hat das Verbandssportgericht die Strafe gegen Skvaril auf eine Partie reduziert, obwohl es das Verhalten als «sehr rücksichtslos» bezeichnet.

Ein halbes Jahr später wird publik, dass Raemy Skvaril angezeigt hat. Gegen den nicht mehr für Suhr engagierten Tschechen läuft unter anderem wegen versuchter schwerer Körperverletzung ein Verfahren. Für den Gang ans Zivilgericht wird der Student aus der Innerschweiz kritisiert. Weil dieser in derlei Fällen unüblich ist, in der Nationalliga A offenbar gar ein Novum darstellt.

Einen Gefallen hat sich Raemy nicht getan. In der Wahrnehmung vieler ist er nicht länger primär der aussergewöhnlich begabte Handballer mit dem sympathisch-sorglosen Auftreten, sondern der Kerl, welcher auf rechtlicher Ebene gegen einen Gegenspieler vorgegangen ist. Die Sache dürfte ihn eine ganze Weile beschäftigen.

Die Anzeige mag unnötig sein; vielleicht war sie gar unklug, weil sie Raemy bislang vornehmlich Ärger eingebracht hat. «In höchstem Grad unsportlich» aber ist gewiss nicht, was er getan hat. Das war allenfalls die Aktion Skvarils. Das Opfer machte lediglich von seinem Recht Gebrauch.

Wer die Geschichte des Linkshänders kennt, um dessen «Schwachstelle» weiss, die Szene sieht und die Tatsache berücksichtigt, dass der Ausfall Raemys Wackers Chancen nicht unwesentlich schmälerte, der kann sehr wohl glauben, dass nicht ausschliesslich Zufall war, was sich im April ereignete. Gegen eine Absicht Skvarils spricht, dass der Tscheche als Topskorer gleichfalls den Status eines wichtigen Akteurs innehatte und zentrale Kräfte zumeist eher nicht von derlei Spielern ausser Gefecht gesetzt werden.

Einen Fehler begeht Raemy, indem er sich nicht äussert, wenngleich Schweigen während laufender Verfahren Standard ist. Er hätte seine Sicht der Dinge schildern, sich «verteidigen» sollen, als die Angelegenheit notabene in der «Aargauer Zeitung» publik wurde. Damit hätte er selbst bei jenen Leuten Verständnis für sein Vorgehen schaffen können, welche er nicht auf seiner Seite weiss.

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