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Fumetto onlineBotschafter der Vorstadthölle

Simon Hanselmann wäre Artist in Residence am Fumetto Luzern gewesen. Warum man seine abgründigen Comics gerade jetzt lesen muss.

Die grüne Hexe Megg leidet an Depressionen. Und lebt mit einer Katze und einer Eule in einer Dreier-WG.
Die grüne Hexe Megg leidet an Depressionen. Und lebt mit einer Katze und einer Eule in einer Dreier-WG.
Illustration: Simon Hanselmann

Man weiss ja eigentlich nicht, wo man bei einem wie Simon Hanselmann anfangen soll. Bei seinem Comic-Personal? Das besteht beim australischen Autor im Wesentlichen aus einer an Depressionen leidenden grünen Hexe, einer unförmigen Katze und einer Eule mit überlangen Beinen. Das ist komisch, tragisch und trist, wenn man sieht, wie sich diese dysfunktionale Dreier-WG (die Tiere verhalten sich absolut menschlich) durchs Leben quält, wie man sich gegenseitig hintergeht, gelegentlich begehrt und insgesamt ziemlich bescheuerte Dinge tut.

Am liebsten allerdings bleibt dieses Trio zu Hause auf dem Sofa hocken, um die Zeit totzuschlagen. Corona-Krise ohne Corona, könnte man sagen, jedenfalls geht es um Alkohol, Langeweile, Gras und Sex. Wobei noch anzufügen wäre, dass die Hexe Megg, der Kater Mogg und die Eule namens Eule abgewandelte Versionen von Kinderbuchfiguren der Engländerin Helen Nicoll sind.

Start auf Tumblr

Aber vielleicht sollte man ja viel früher anfangen, also bei Hanselmann selbst, der in einer tasmanischen Kleinstadt als Sohn einer drogenabhängigen Mutter und eines Biker-Vaters aufwuchs, wobei sich Letzterer ziemlich bald aus dem Staub machte. Der junge Simon fand dann Halt in TV-Serien und Comics, wobei ihn die englischsprachige Underground-Szene so faszinierte, dass er schon als Achtjähriger Comics zu zeichnen begann und Kopien davon auf Spielplätzen an seine Freunde verkaufte. Und der dann mit seinen biografisch grundierten Geschichten später auf Tumblr für so viel Furore sorgte, dass selbst ausgewiesene Aussenseiter-Spezialisten wie Daniel Clowes («Ghost World») anerkennend nickten.

Neben den Comics um Megg, Mogg und Eule, die auf Deutsch als «Hexe Total» erschienen sind, arbeitet Hanselmann an einem anderen Langzeitprojekt, einer auf ungefähr 1000 Seiten angelegten Graphic Novel namens «Girl Mountain». So heisst auch der gleichnamige Tumblr-Account des Autors. Und man hätte Hanselmann am nun nur online stattfindenden Fumetto-Festival in Luzern gerne zu diesem und anderen Themen befragt – allerdings nicht recht wissend, wie man ihm begegnen soll. Hanselmann tritt gelegentlich als Crossdresser auf und begibt sich in mitunter kompromittierende Situationen – zwecks Recherche angeblich, sonst hätte er nichts zu erzählen, meint der Autor.

Von seinem Werk sagt der Comiczeichner, dass es im Grunde aus Fleisch und Kartoffeln bestehe. Das ist natürlich kein Menüplan, sondern ein Hinweis auf vermeintlich einfach gestrickte Figuren, hinter denen jedoch viel Ungemach lauert.

Der Australier Simon Hanselmann tritt gelegentlich als Crossdresser auf.
Der Australier Simon Hanselmann tritt gelegentlich als Crossdresser auf.
Foto: zvg

Was Hanselmann in seinen Geschichten zeigt, ist kein fröhliches Zusammenleben, sondern eine alltägliche Vorstadthölle. Hexe, Katze und Eule gammeln vor sich hin und treiben ihre kleinen Abscheulichkeiten – niemand geht einer Arbeit nach –, bis der Bogen überspannt ist. Das kann auch ohne eigenes Zutun geschehen, etwa wenn die Hexe Megg bei einem Depressionsanfall in der Tinte von klaustrophisch düsteren Gestalten ersäuft. Und keiner kümmert sich darum.

Aber manchmal, da präsentiert sich diese Hölle auch als Paradies, zum Beispiel wenn das zugedröhnte Trio statt ins Kino für fünf Runden in die Autowaschanlage fährt und das Gebotene dort ganz wunderbar findet. Da mischt sich neben dem Humor auch eine Prise Melancholie in die ganze Ausweglosigkeit. Was soll man auch tun? Und manchmal geht das Ganze hart an die Grenze des Erträglichen, etwa wenn sich ein befreundeter Werwolf mit einer Käsereibe die Hoden blutig schabt. Oder wenn die Eule zum Geburtstag von ihren Freunden vergewaltigt wird – wobei der Autor beteuert, dass auch diese Episode auf einer wahren Begebenheit basiere.

Wenn das Niedliche drastisch wird

Es hat etwas Unverschämtes, etwas Unaussprechliches auch, das Hanselmann zeichnet, gerade weil seine drastischen Geschichten in bildlichen Niedlichkeiten daherkommen, die manchmal gar keine Pointe brauchen. Und genau da zeigt sich, was Perspektivlosigkeit und stille Aggression bewirken können. Wie gehen wir mit unseren Befindlichkeiten um, wenn wir uns zu Hause nur noch auf die Nerven gehen? Corona lässt grüssen.

Aber vielleicht sollte man das aushalten. Megg, Mogg und Eule lassen sich jedenfalls als Spiegelbilder unseres schlechteren Selbst verstehen, so wie wir jeden Tag sind, ob wir wollen oder nicht. Wobei man sich wiederum fragen könnte, wie sich dieser Undergroundkünstler als Artist in Residence in Luzern präsentiert hätte. Vor ein paar Jahren wurde er vom «Guardian» porträtiert: Da hatte er in der Nacht vor dem Interview angeblich sturzbetrunken einen Baukran bestiegen. Hanselmanns Kommentar: «Very, very easily could have died.» Diese Gefahr besteht am abgesagten Fumetto wenigstens nicht mehr.

Simon Hanselmann: Die Bände «Hexe Total 1 + 2» und «Hexe in Amsterdam» sind seit 2015 im Avant-Verlag, Berlin, erhältlich.