Zum Hauptinhalt springen

Coiffeurtalk 4: Wer ist Peter Jüni?

Diesmal bin ich stadtabwärts im Berner Mattequartier gelandet. Freundlich aufgenommen haben mich Claudia Tannhäuser, Karin Flükiger und Corinne Williner vom Coiffeur «Hauptsache» beim Mühleplatz, kurz vor der Matte-Post.

«Chasch ruhig no chli meh nä!»: Karin Flükiger schneidet auf Wunsch von Peter Jüni seine «Federn» noch ein bisschen kürzer.
«Chasch ruhig no chli meh nä!»: Karin Flükiger schneidet auf Wunsch von Peter Jüni seine «Federn» noch ein bisschen kürzer.
Urs Baumann

Wie bereits in früheren Coiffeurtalks habe ich keine Ahnung, welche Person mir heute Red und Antwort stehen wird. Als ich eintreffe, sitzt sie bereits auf einem Bänkli im Geschäft und schwatzt mit den «Mädchen», wie sie die Coiffeusen nennt. Aber dies erfahre ich erst später.

Jetzt sitze ich ihm gegenüber, dem «alten Mätteler». Peter Jüni, «Matte-Pesche». «Hallo», sage ich und stelle mich vor. «Tschou», sagt Peter Jüni, denn in der Matte sind alle per Du, «emu die aute Mätteler», wie er ausführt. Wir einigen uns darauf, dass auch wir während des Gesprächs diese direkte Art brauchen. Gibt es einen Unterschied zwischen den alten und den neuen Mättelern? «Sicher, ich bin schliesslich hier geboren», meint der Pensionierte mit Jahrgang 1931. Er sei jetzt bereits ein Barock-Rentner. Das seien die, die über 75 Jahre alt sind. Das sei doch schon recht lange her, die Zeit, als er jung war: Da sei der Gurten noch so klein gewesen (zeigt mit der Hand rund 20 cm über den Boden) und das Grauholz noch grün, meint er verschmitzt.

Ob der «Matte-Pesche» eine bekannte Grösse im Quartier sei, will ich von Peter Jüni wissen. «Grösse nicht, ich bin einen Meter 69 Zentimeter», meint er schmunzelnd. Man ahnt es, hier sitzt einer auf dem Stuhl, der nicht auf den Mund gefallen ist. Spruch um Spruch sowie ungewohnte oder unbekannte Ausdrücke reihen sich aneinander. Ich frage x-fach nach, was er denn mit diesem oder jenem Wort meine. Beispiele gefällig? Was ist ein «Schnurrepullover»? Was meint Peter Jüni mit «Jüni-Egge», was versteht er unter «Coupe Vinelz»? Eine Übersetzung brauche ich auch, als der Mätteler einen Satz auf Matteänglisch zum Besten gibt (siehe Video).

34 Jahre lang hat der Mätteler ein eigenes Maurergeschäft geführt. 50 Jahre wohnt der 79-Jährige bereits in der gleichen Wohnung in der Matte, und wen wunderts, er hat in der Matte seine gesamte Schulzeit verbracht. Im Alter von zwei Jahren war es, als er vom zweiten Stock eines Hauses gefallen ist. Das Geländer hatte nachgelassen. Kein Spitalaufenthalt, kein Doktor, das sei viel zu teuer gewesen. Er habe drei Tage geschlafen, sei dann aufgestanden, habe die Mutter gerufen und nach einem Schoppen verlangt. Das wars.

Heute, mit 79 Jahren, geht der rüstige Barock-Rentner mindestens einmal (quartier-) fremd: Seinen Morgenkaffee trinkt er immer kurz nach 8 Uhr im Migros Winkelried (Wankdorf) mit Fischerkollegen und ihren Frauen. Dort «schleift» er sein Mundwerk beim ersten Schwatz des Tages. Anschliessend kehrt er in die «Heimat» zurück und sortiert seine Post und liest die Zeitung. Dann macht er sich auf den Weg zu seiner Freundin, die ebenfalls in der Matte wohnt. Unterwegs grüsst und winkt er den «Mädchen» (siehe oben) und isst dann zusammen mit seiner Partnerin in deren Wohnung. Beim anschliessenden Mittagsnickerchen auf dem Balkon verdaut er das feine Essen und das Glas Wein, das er jeden Tag trinkt. Da er nach einer Erkrankung Medikamente schlucken muss, verzichtet er seither auf mehr Alkohol.

Ins Schwärmen kommt Peter Jüni, wenn es um Alaska geht. Diese teure Reise hat er sich bereits mehrmals geleistet. Und zwar, um fischen zu gehen. Für die Art und Weise, wie der ehemalige Maurer das Fangen und Herrichten eines Lachses zum Essen beschreibt, fehlt eine angemessenen Sprache (siehe Video). Das möchte er sich gerne noch einmal gönnen, dieses Alaska. Aber da müsste er neben seiner AHV einen Blankocheck des Sozialamtes ausgehändigt erhalten, wie er schlitzohrig feststellt. Vor lauter angeregtem Gespräch haben er und ich beinahe die Hauptsache dieses Coiffeurbesuchs vergessen: der vom «Hauptdarsteller» himself gewünschte und von Karin Flükiger dezent geschnittene Kurzhaarschnitt à la «Coupe Vinelz».

Mit bestem Dank an: Karin Flükiger, Claudia Tannhäuser und Corinne Williner vom Coiffure «Hauptsache». Mehr Infos dazu auf: www.hauptsache.be

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch