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«Die Aare ist mein Kraftort»

Passanten schauen ihr bewundernd nach. Oder besorgt: Annemarie Wälti (74) aus Wabern schwimmt in der Aare. Jeden Tag.

«Nein, nein, ich friere nicht», versichert Annemarie Wälti und schaut, als sie den leicht irritierten Blick bemerkt, an sich herunter: «Wirklich nicht. Gut, wegen der angeregten Hautdurchblutung sehe ich zwar ein wenig aus wie ein Krebs, aber kalt habe ich nicht.» Warum denn auch, fügt sie schmunzelnd bei, die Wassertemperatur betrage moderate 13 Grad. Und die Luft sei auch angenehmer als in der Vorwoche: «Da kam wegen der Bise selbst ich ziemlich ins Zittern.»

Ein wenig verrückt?

Annemarie Wälti ist eben gerade beim Marzili nach einem gemütlichen 100-Meter-Schwumm aus der Aare gestiegen. Zugegeben, es ist tatsächlich ein milder Herbsttag. Und die Sonne lässt die Blätter der Bäume am Ufer so schön gelb aufleuchten, dass es einem warm ums Herz wird. Aber trotzdem, es ist Ende Oktober – muss man da nicht ein wenig verrückt sein, in der Aare zu schwimmen? Genau diese Frage scheinen sich zumindest die beiden Jogger zu stellen, die am Uferweg entlang traben und Annemarie Wälti mit einer Mischung aus Bewunderung und Besorgnis anschauen – eine sorgfältig frisierte Dame im Badekleid, tropfnass und freundlich lächelnd.

«Nun ja», erzählt sie auf dem Weg zurück zu ihrem Kleiderdepot im Marzilibad, «jeder spinnt halt so, wie er kann.» Manche Spaziergänger applaudierten, wenn sie sie in der Aare sehen, andere tippten sich mit dem Zeigfinger an die Stirn. «Was solls», sagt Annemarie Wälti, die in Wabern bei Bern wohnt: «Ich brauche das. Denn ich spüre, wie mir diese paar Minuten im kalten Wasser guttun. Die Aare ist für mich ein Kraftort.» Ein Kraftort, der ihr Energie für den Alltag gebe: «Es ist nicht nur so, dass es mich widerstandsfähiger macht – ich weiss zum Beispiel gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal erkältet war. Ich fühle mich nach dem Schwimmen jeweils auch zufriedener, zuversichtlicher, aufgestellter.» Manchmal, sagt sie, habe sie das Gefühl, mit einem Rucksack voller Steine ins Wasser zu steigen – und mit einem entleerten, leichten Rucksack wieder herauszukommen: «Es ist ein sehr angenehmes, aufbauendes Gefühl.»

Eine Herausforderung

Wasser hat auf Annemarie Wälti schon immer eine grosse Anziehungskraft ausgeübt. «Bereits als Mädchen setzte ich mich oft ans Aareufer und liess die Seele baumeln. Und geschwommen bin ich auch immer gerne», erzählt sie. Als vor 15 Jahren ihr Mann nach kurzer Krankheit starb, geriet sie in eine Lebenskrise. Sie fiel «in ein Loch», wie sie sagt: «Ich habe zwar einen Sohn, zu dem ich ein sehr enges Verhältnis habe. Aber ich merkte rasch: Um wieder aus diesem Loch heraus- und über die Runden zu kommen, brauche ich eine neue Herausforderung.» Diese fand sie im täglichen Schwimmen in der Aare. Annemarie Wälti: «Egal, ob es regnet oder schneit, egal, ob nun die Leute in meinem Umfeld Beifall klatschen oder den Kopf schütteln, ich ziehe das durch. Ist das Wetter mal gar zu garstig, nehme ich halt eine Thermoskanne Kaffee von daheim mit.» Ausnahmen gibt es für sie nur, wenn die Wassertemperatur unter 9 Grad fällt. Da verzichte sie schweren Herzens aufs Schwimmen, weil sie keine Muskelkrämpfe riskieren wolle.

Dieses Durchhaltevermögen – «man kann es durchaus auch Starrköpfigkeit nennen», meint sie – entspreche ihrem Charakter und sei gerade in ihrem Alter von Vorteil. Auch wenn man es ihr kaum glauben mag, Annemarie Wälti ist 74 Jahre alt. «Man kann in meinem Alter daheim herumsitzen und warten, bis der Tag vorbei geht oder jemand nach einem schaut. Oder man kann rausgehen, etwas tun, sich einer Aufgabe stellen – und besteht diese auch ‹nur› aus einem täglichen Schwumm in der Aare.»

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