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«Für jede Fackel sollte es einen Punktabzug geben»

In der laufenden Fussballsaison steht leider oft nicht der Sport im Mittelpunkt. Pyros und durchgeknallte Hooligans sind allgegenwärtige Themen. Warum ist das so? Was kann man dagegen tun? Darüber wurde am «Forum»-Stammtisch im Berner Restaurant Du Nord diskutiert.

Prost!Vor der Diskussion stösst die Runde erst mal an: Thomas Müller, «Forum»-Redaktor Christian Werder, Christian Haas, Hanspeter Buholzer, Rosmarie Bernasconi und Michel Gygax (von links im Uhrzeigersinn).
Prost!Vor der Diskussion stösst die Runde erst mal an: Thomas Müller, «Forum»-Redaktor Christian Werder, Christian Haas, Hanspeter Buholzer, Rosmarie Bernasconi und Michel Gygax (von links im Uhrzeigersinn).
Stefan Anderegg

Pyros, Petardenwürfe, Massenschlägereien: Wie soll man darauf reagieren? Mit härteren Strafen? Mir rascher Aburteilung der Täter?Hanspeter Buholzer(bekennender FC-Basel-Fan): Das Problem könnte man vielleicht lösen, indem man bloss noch zwei Farben auf dem Spielfeld zulässt: Rot und Blau. Das hätte sicher eine farbtherapeutische Wirkung auf ausfällige Fans. (Die Runde grinst. Doch dann gilts ernst.)Rosmarie Bernasconi:Man muss ganz einfach schneller reagieren. Die Täter gehören im Internet an den Pranger gestellt. Man muss solche feigen Subjekte aus der Anonymität herausreissen. Michel Gygax:Es gibt Leute, die die Grenzen suchen – und denen muss man die Grenzen halt aufzeigen. Mit harten Strafen bis zu einem lebenslangen Stadionverbot. Thomas Müller(wiegt den Kopf hin und her): Klar, es braucht harte Strafen. Aber ein lebenslanges Stadionverbot finde ich doch etwas übertrieben. Man sollte für einen «Seich», den man als Jugendlicher begangen hat, nicht sein Leben lang büssen müssen. Michel Gygax(interveniert sofort): aber da geht es ja nicht einfach um einen «Seich»! Da geht es um gefährliche Aktionen, um Tätlichkeiten. Christian Haas:Genau. Und man darf solchen Typen auch nie das Gefühl geben, sie seien «obergeili Sieche». Den Internetpranger finde ich übrigens ein gutes Mittel. Und was sicher auch nützen könnte: Wenn in einem Fansektor eine Fackel gezündet wird, gibts automatisch einen Punktabzug für die von solchen Fans unterstützte Mannschaft. Und für jede weitere Fackel gibts einen weiteren Abzug. Müller:Ja. Und das würde natürlich auch die Klubs unter Druck setzen. Buholzer: Noch eine Bemerkung zum Internetpranger: Ich bin dafür, dass man für solche Subjekte einen richtigen Pranger direkt vor dem Stadion aufstellt. Dort werden die Täter angekettet, und die Passanten können sie mit Eiern bewerfen. Wie im Mittelalter halt.

(Gelächter am Tisch)

Geht die Politik respektive die Justiz zu lasch um mit Gewalttätern und Fackelwerfern? Haas:Alles geht doch viel zu langsam. Die heute angewandten Massnahmen stammen noch aus den 80er-Jahren. Damals war die Situation aber eine völlig andere. Es ist schon so: Die Justiz hinkt hinterher und geht eindeutig zu lasch um mit den Tätern. Bernasconi:Das denke ich auch. Die Situation in den Stadien hat sich verändert. Man müsste heute schneller und konkreter eingreifen. Buholzer:Es werden unterdessen ja alle erkannt, die Terror machen. Es ist unverständlich, dass jeweils nicht sofort reagiert wird. (nickt): Die Stadien werden schliesslich überwacht. Die Justiz hätte also durchaus eine Handhabe, härter und rascher einzugreifen. Gygax:Leider scheuen sich in diesem Zusammenhang halt auch die Klubs, solche Fans unter Druck zu setzen. Denn die Fans spülen schliesslich Geld in die Klubkassen.

Beim Thema Fans ist immer häufiger die präventive Fanarbeit ein Thema.

Haas(wie aus der Pistole geschossen): also das ist doch völlig lächerlich. Sinnloser Psychoquatsch. Ein Hooligan will einfach prügeln. Der hört sicher nicht auf einen «Fanarbeit-Papi». Müller:Moment, das sehe ich anders. Ich denke, durch die Fanarbeit wurde schon so einiges erreicht. Ich finde Fanarbeit ganz okay. Allerdings nur dann, wenn sie von den Klubs getragen wird und nicht von der Gesellschaft. Gygax:Stimmt. Die Klubs sollten alles bezahlen. Aber wahnsinnig viel bringt Fanarbeit wohl so oder so nicht. Buholzer:Fanarbeit könnte vielleicht ja auch ganz anders aussehen. Man könnte zum Beispiel spezielle Schlägerräume einrichten. Dort dürften sich Hooligans nach dem Match verprügeln.

(Schmunzeln in der Runde. Aber durchaus zustimmend.)

Kommen wir zu den Pyros. Gehören Fackeln wirklich zur Fankultur, wie viele Fans immer wieder betonen?

Bernasconi:Ganz klar nein! Feuerwerk gehört nicht in ein Stadion. Ich sage bloss «schizophrenelis Gärtli», wenn jemand auf Pyros fixiert ist. Mit so einer Person stimmt irgendetwas nicht. Haas:Mit Fankultur hat das doch nichts zu tun. Ich bin bei Pyros für Nulltoleranz. Gygax:Einfach alles verbieten kann aber nicht die Lösung sein. Pyros sind an und für sich ja erst gefährlich, wenn sie in eine Menschenmenge geworfen werden. Müller:und Feuerwerk ist ja eigentlich etwas Schönes. Bloss: In einem Stadion ist das einfach zu gefährlich. Haas:Eben darum: Nulltoleranz! Man muss die Mehrheit von einer rücksichtslosen Minderheit schützen. Müller:klar. Doch führt ein Verbot wirklich zum Erfolg? Buholzer:Aber ein Verbot von Pyros wäre ja nur konsequent: Es herrscht ja auch sonst ein Rauchverbot in den Stadien. Also sollte das genauso für Pyros gelten. So einfach ist das.

Rein hypothetisch: Wäre eine Lösung des Problems, wenn man in den Stadien abgeriegelte Pyrosektoren einrichten würde?

Buholzer:Dann wäre es ja nicht mehr unerlaubt. Gygax:und der Kick wäre weg. Das würde wohl nicht funktionieren. Haas: Die Idee hat durchaus einen gewissen Reiz. Ob sie jedoch umsetzbar ist? Hmm da habe ich so meine Zweifel.

Was denkt ihr: Bekommt man Gewalt, Pyro- und Petardenwürfe in den Stadien innert nützlicher Frist wirklich in den Griff?

Gygax:Ich weiss es nicht. Und ich sehe noch keinen konkreten Weg. Haas:Manchmal habe ich das Gefühl, die zuständigen Stellen wollen das Ganze gar nicht wirklich in den Griff bekommen. Aus welchen Gründen auch immer.

Alle so pessimistisch?

Buholzer:Nein, ich bin eigentlich zuversichtlich. In England hat sich die Situation ja auch beruhigt. Allerdings war ein knallhartes Durchgreifen nötig. Das ging bis zum Ausschluss von englischen Teams an internationalen Wettbewerben. Müller:Also ich denke auch, dass man die Probleme irgendwie in den Griff bekommt. Vielleicht sogar über eine effiziente Fanarbeit. Bernasconi:Ärgerlich ist einfach, dass sich diese Szene immer ein Publikum sucht – und dieses auch findet. Das macht die ganze Sache nicht wirklich einfach. Was empfindet ihr ganz persönlich gegenüber den Krawallmachern?

Buholzer:Das sind schlicht und einfach A. Haas:Ich schliesse mich diesem Kraftausdruck an. Bernasconi:Ich empfinde irgendwie Mitleid. Das sind Leute, die schlicht nichts checken. Gygax:Primitivlinge. Strohdumm. Müller:Bedrohlich, unangenehm. Wie bei Neonazis.

Und was würde es für euch bedeuten, wie würdet ihr reagieren, wenn die eigenen Kinder der Krawallszene angehörten?

Buholzer:Ich hätte ein echtes Problem. Müsste erkennen, dass ich bei der Erziehung versagt habe. Gygax:Ich weiss es schlicht nicht. Ich kannte schon Jugendliche, die trotz liebevoller Erziehung in die rechtsradikale Szene abdrifteten. Müller:Zuerst würde es mich einfach interessieren, warum es so weit kommen konnte. Warum jemand so etwas macht. Haas:Ab ins Internat. Und ein Jahr lang kein Bier mehr.

(Müller verdreht die Augen.)

Bernasconi:Ich würde wohl den Sektenexperten Hugo Stamm engagieren. Gespräch: Christian WerderMitarbeit: Michael Bucher

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