Zum Hauptinhalt springen

BAG prüft AnpassungenContact-Tracing mit falschen Annahmen

Eine ETH-Analyse zeigt: Das Schweizer Contact-Tracing basiert auf einer fehlerhaften Studie. Zudem wird nicht einmal jede zweite Corona-Neuansteckung dem Bund gemeldet.

Pendler mit Atemschutzmasken bewegen sich im Hauptbahnhof in Zürich. (6. Juli 2020)
Pendler mit Atemschutzmasken bewegen sich im Hauptbahnhof in Zürich. (6. Juli 2020)
Foto: Ennio Leanza/Keystone

Das Contact-Tracing zur Eindämmung der Corona-Pandemie läuft weiterhin nicht einwandfrei. Neben bereits bekannten Problemen zeigt eine ETH-Analyse nun, dass das Contact-Tracing auf einer fehlerhaften Studie basiert.

Die Grundlage für das Contact-Tracing in den meisten Ländern der Welt – auch in der Schweiz – bildet eine Studie der Universität Hongkong, nach der Infizierte bis zu 48 Stunden vor Krankheitsausbruch ansteckend sind. Wird jemand positiv auf das Coronavirus getestet, wird daher nach Personen gesucht, mit denen der Infizierte bis zu zwei Tage vor Krankheitsbeginn Kontakt hatte.

Doch diese Regel ist laut Forschern der ETH Zürich falsch. «Unsere Analysen zeigen, dass Infizierte das Virus bis zu fünf oder sechs Tage vor Ausbruch der Krankheit weitergeben können», sagte Peter Ashcroft, der den Fehler aufdeckte, der «NZZ am Sonntag». «Will man 90 Prozent der präsymptomatischen Ansteckungen abfangen, müsste man die Kontakte bis zu vier Tage zurückverfolgen.»

Die korrigierte Analyse wurde vergangenen Woche im «Swiss Medical Weekly» veröffentlicht und auch in der Originalpublikation wurde der Fehler inzwischen berichtigt. Beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat man die Korrektur zur Kenntnis genommen.

«Wir sind derzeit dabei, die Studie und ihre möglichen Auswirkungen auf das Contact-Tracing zu evaluieren», teilte BAG-Sprecher Yann Hulmann am Sonntag auf Anfrage zum Bericht der «NZZ am Sonntag» mit. Die Studie werde Thema in den anstehenden Diskussionen mit der Science Taskforce sein. «Im Moment können wir daher noch nicht sagen, ob wir dem Vorschlag folgen werden.»

Ärzte missachten Meldepflicht

Bei der Nachverfolgung der Infektionsketten gibt es aber auch andere Schwierigkeiten: Eine Auswertung des BAG zeigt, dass nicht einmal für jede zweite Corona-Neuansteckung eine ärztliche Meldung vorliegt. Dem Bund fehlen so für die Hälfte der Infizierten wichtige Angaben über Risikofaktoren und Ansteckungsorte. (Lesen Sie hier: Ansteckungszahlen aus den Kantonen – Hohe Dunkelziffer, neue Forderungen)

Hulmann bestätigte eine entsprechende Meldung der «NZZ am Sonntag». Nun nimmt der Bund die Kantone in die Pflicht: Er will die Kantonsärzte auffordern, alle seit dem 20. Juli ausstehenden sowie die künftigen klinischen Befunde einzufordern und dem BAG weiterzureichen. (Lesen Sie auch dazu: Die Kantone müssen endlich ihre Corona-Verantwortung übernehmen)

Auch die Übertragung der Daten aus dem kantonalen Contact-Tracing an den Bund bereitet gemäss einem Bericht des «Sonntagsblick» noch Schwierigkeiten. So arbeiteten viele Kantone mit «handgestrickten» IT-Systemen, und der Austausch über die Kantonsgrenzen hinweg sei fehleranfällig.

Hulmann verwies in diesem Zusammenhang auf die geplante Datenbank und ein neues IT-System von Bund und Kantonen. Diese erlaubten eine einfachere und schnellere Auswertung der Daten aus dem Contact-Tracing, hatte Sang-Il Kim, Leiter Abteilung Digitale Transformation im BAG, Anfang Monat angekündigt.

Sommaruga will bessere Koordination

Um die Koordination in der Corona-Krise zu verbessern, hat Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga die Kantonsvertreter nächste Woche zu einem Treffen nach Bern eingeladen. Sommarugas Sprecherin Géraldine Eicher bestätigte einen entsprechenden Bericht der «Sonntagszeitung».

In der Schweiz und in Liechtenstein wurden dem BAG am Sonntag innerhalb eines Tages 200 neue Coronavirus-Ansteckungen gemeldet. Am Samstag waren es 253 Fälle gewesen. Damit wurden dem BAG in dieser Woche insgesamt 1521 bestätigte Fälle gemeldet, fast 500 mehr als eine Woche zuvor. Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung stieg um einen auf insgesamt 1716.

SDA

16 Kommentare
    Jonas Siegenthaler

    Und wenn schon - die App lade ich sowieso nicht runter. Alles Panikmache.