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«Onkel Addys» Wohnwagen wurde nachts zum Albtraum

Auf einem deutschen Campingplatz missbrauchte Andreas V. während Jahren Dutzende Kinder. Wie konnte das geschehen?

Der Wohnwagen, in den Andreas V. jahrzehntelang Kinder lockte und wohl hundertfach missbrauchte. Foto: Keystone
Der Wohnwagen, in den Andreas V. jahrzehntelang Kinder lockte und wohl hundertfach missbrauchte. Foto: Keystone

Das Unvorstellbare von Lügde liest sich so: 33 geschändete Kinder, drei mutmassliche Täter, mehr als 450 angeklagte Einzeltaten – und das ist nur der Teil, den die Staatsanwaltschaft glaubt beweisen zu können. Die Ermittler gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Heute beginnt am Landgericht Detmold der Prozess. Wie war es möglich, dass so viele Kinder über gut 20 Jahre hinweg auf einem öffentlichen Campingplatz offenbar zu Opfern werden konnten?

Der Campingplatz Eichwald, abgelegen in einer abgehängten Region des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, funktioniert wie ein Dorf. Die Bewohner leben im oberen oder im unteren Teil, am Rand oder im Zentrum. Andreas V., heute 56 Jahre alt, bewohnte eine Parzelle nahe an der Einfahrt. Er ist ledig und kinderlos, aber seine Wohnwagenwelt in den Hügeln zwischen Teutoburger Wald und Weserbergland war jahrelang ein wahres Spielparadies für Kinder. Kinder anderer Eltern. Kinder aus schwierigen Verhältnissen. Kinder ohne Väter. Kinder, denen etwas fehlte. Der Kümmerer vom Campingplatz gab es ihnen: Aufmerksamkeit, Abwechslung, Abenteuer. Aber für welchen Preis?

Andreas V. kommt in den Achtzigerjahren zum ersten Mal auf den Campingplatz, er ist damals Mitte zwanzig und macht Ferien mit den Eltern. Die Familie lebt in Duisburg. Addy, wie ihn alle bald nennen, hat eine Schreinerlehre abgebrochen, arbeitet mal als Lastwagenfahrer, mal am Hochofen, nach einem Arbeitsunfall gar nichts mehr. Als der Vater einen Herzinfarkt erleidet, zieht die Familie ganz auf den Campingplatz – in zwei Wohnwagen. Die Luft dort, sagen Mitcamper, tat dem Vater von Addy gut.

Die Eltern finanzieren dem Sohn das Leben von ihrer Rente. Von der Mutter, Mama Else, schwärmen die Camper heute noch. Sie sei die gute Seele des Platzes gewesen. Bei ihr habe es Lagerfeuerabende mit geröstetem Brot gegeben und eigentlich immer Kuchen oder Kekse. Schon damals, sagen Zeugen, seien die Kinder vom Platz gerne dort gewesen. So fängt es an.

Nach dem Tod des Vaters pflegt Andreas V. seine Mutter, bis auch sie stirbt; ab den frühen 2000er-Jahren wohnt er allein auf dem Campingplatz. Er lebt von der Sozialhilfe. Andreas «Addy» V. wird eine Art Hilfsplatzwart, er bekommt dafür sogar Geld vom Campingchef. Er schneidet die Hecken, packt bei An- und Abreisen mit an, repariert kleinere Sachen. Er wird zu dem, der immer da ist – und fast jeder auf dem Platz glaubt, ihn zu kennen. Sie seien ja alle Freunde gewesen, sagt ein Camper, abends habe man die Klappstühle rausgestellt und zusammen gegessen. Das Campen ist die Gemeinsamkeit, die Vertrauen schafft, ohne etwas dafür tun zu müssen. Was man im Wohnwagen macht, geht niemanden etwas an.

Auf dem Campingplatz Eichwald kennen sich alle. Was hinter verschlossenen Türen passiert, scheint aber niemand zu interessieren. Foto: Keystone
Auf dem Campingplatz Eichwald kennen sich alle. Was hinter verschlossenen Türen passiert, scheint aber niemand zu interessieren. Foto: Keystone

Viele fragen sich nun, was sie wirklich von Andreas V. wussten. Was sie hätten bemerken können. Vielleicht auch, was sie nicht haben sehen wollen. Woran sich fast alle erinnern: wie gut Addy schon immer mit Kindern konnte. Super sei er mit denen gewesen, sagt ein Zeuge. Gemocht hätten sie ihn, wie früher schon die Mama Else. Andreas V. wurde mit der Zeit eine Art Animator für die Kleinen auf dem Platz und bald auch schon für Kinder aus der Umgebung. Addy, der Gute.

Andreas V. soll schon Kinder missbraucht haben, als seine Eltern noch lebten. Die erste mutmassliche Tat in der Anklage stammt aus dem Jahr 1998. Heute weiss man, dass Andreas V. zu jeder Zeit alles zuzutrauen gewesen sein dürfte. Zweimal gerät er sogar aufgrund von Hinweisen in die Akten der Polizei Detmold, bleibt aber unbehelligt. Immer kommt der nach aussen so harmlose Mann durch, auch wenn er die Maske fallen lässt. «Hurenkinder» und «kleine Nutten» soll er die Mädchen einmal gerufen haben.

Es ist nicht so, dass man nichts sehen konnte, all die Jahre. Es ist lediglich so, dass niemand etwas getan hat. Das wird 2017 nochmals deutlich, als Andreas V., dem kinderlosen, ledigen, kranken Dauercamper ohne festes Einkommen, ein Kind zur Pflege anvertraut wird. Maja. Niemand, den man heute spricht, kann wirklich erklären, wie das passieren konnte.

«Schenkungsurkunde»

Die Mutter von Maja (Name geändert) hatte der gute Onkel vom Campingplatz schon kennen gelernt, da war diese selbst noch ein Kind. Es war bei einem seiner Ausflüge ins Schwimmbad, fortan verbrachte sie viel Zeit auf dem Eichwald-Gelände. Mit 16 bekam sie ein Baby, nicht von ihm. Sie sagt heute, Andreas V. habe sie nie angefasst. Damit die junge, überforderte Mutter feiern gehen konnte, soll Addy ihr Geld zugesteckt haben. Er passte dann auf das Baby auf, wie ein Ersatzpapa eben.

Im Jahr 2016 überträgt die junge Mutter das Aufenthaltsbestimmungsrecht für Maja an Andreas V., behält aber das Sorgerecht. Bei einem Termin im Jobcenter prahlt er angeblich vor einer Mitarbeiterin mit einer «Schenkungsurkunde» für das Mädchen. Maja ist dabei, sie soll bei der Gelegenheit gesagt haben, «Männerschweiss nicht mehr riechen» zu können, worauf Andreas V. gesagt habe: «Frauen sind manchmal schwierig, aber für Süssigkeiten tut sie alles.» Maja ist da sieben Jahre alt. Nach der gruseligen Begegnung meldet die Frau vom Jobcenter den Camper bei der Polizei. Doch es passiert nichts. In ihrer Verzweiflung wendet sich die Frau, nun völlig aufgelöst, auch noch an den Kinderschutzbund.

Auch der Vater eines anderen Kindes und eine Kita-Psychologin äussern den Verdacht auf sexuellen Kindesmissbrauch, noch während das Jugendamt die Eignung von Andreas «Addy» V. als Pflegevater prüft. Die Psychologin gibt ein «ungutes Gefühl» zu Protokoll, da könne «Pädophilie im Spiel sein». Die Hinweise sind alle in den Akten vermerkt. Eine Jugendamtsmitarbeiterin erstellt sogar ein Genogramm von Andreas V., eine Art Stammbaum, der im besten Fall das gesamte soziale System eines Menschen veranschaulicht und Rückschlüsse auf Verhaltensmuster zulässt. Sie erkennt einen Lehrbuchhinweis auf Pädophilie: «V. hat über Jahre immer wieder Kontakt zu jüngeren Mädchen gesucht und sie dann in ein Abhängigkeitsverhältnis gebracht», notiert sie in der Akte, löscht den Eintrag aber kurz vor der Beschlagnahmung der Unterlagen durch die Staatsanwaltschaft.

Erst sechs Wochen nach der Anzeige wird Andreas V. auf dem Campingplatz verhaftet. Foto: Keystone
Erst sechs Wochen nach der Anzeige wird Andreas V. auf dem Campingplatz verhaftet. Foto: Keystone

Der Leiter des Jugendamts manipuliert die Akte von Maja, offenbar, um zu vertuschen, dass Andreas V. und sein Pflegekind vier Monate nicht vom sozialpädagogischen Dienst auf dem Campingplatz besucht worden waren. Es ist wie so oft in solchen Fällen, die in Katastrophen münden: Alles bleibt im Ansatz stecken. Viele Informationen waren den verschiedenen Behörden bekannt, ein hohes Risiko für das Kind unübersehbar – wenn die Informationen damals nur geteilt und irgendwo gebündelt worden wären.

An Maja, seinem Pflegekind, vergeht sich Andreas V. offenbar so oft wie an keinem anderen. Er setzt sie als Lockvogel ein, schreibt Briefe in Majas Namen an andere Eltern und Kinder, wie toll sie es fände, wenn auch mal andere Mädchen mit zum Schwimmen kämen. Er geht mit Maja zu Kindergeburtstagen und bietet sich dort gestressten Müttern als Kinderhüter an. Er sucht über Kleinanzeigen Spielkameradinnen für Maja.

Gestoppt wird der Mann nur, weil wenigstens eine Mutter den Hinweis ihrer Tochter ernst nimmt: Der Addy habe etwas Schlimmes gemacht, er habe ihr wehgetan. Die Frau habe Andreas V. damit konfrontiert, sagt sie, der sogar alles zugegeben, aber nichts dabei gefunden habe: Das sei doch normal, habe er gesagt. Das Kind habe es gewollt.

Obwohl die Frau Angst vor Rache hat, zeigt sie Andreas V. am 20. Oktober 2018 an und gibt auch den Hinweis auf Maja, die bei dem Mann lebe. Trotz der alarmierenden Situation dauert es drei Wochen, bis Maja vom Jugendamt in Obhut genommen wird – und von da an noch einmal so lang, bis die Polizei Andreas V. in seinem Wohnwagen verhaftet.

«Ein komisches Gefühl»

Die Kinder von Lügde bilden eine Schicksalsgemeinschaft. Maja hat eine beste Freundin, die acht Jahre alt ist, als sie an einem Wintertag 2017 mit ihrem Trottinett die gut acht Kilometer von Lügde zum Campingplatz fährt. Sie wird ihrer Mutter erst nach der Festnahme von Andreas V. sagen, dass sie vorgehabt habe, Maja zu helfen. Sie habe mehrmals gesehen, wie Andreas V. ihre Freundin vergewaltigt habe, obwohl die zwei Jahre jünger gewesen sei. Die Freundin habe sich an Majas Stelle in die Hände von Andreas V. geben wollen, als «Ältere». Doch sie findet Maja nicht.

Berichten wird sie ihrer Mutter an jenem Tag nichts, weil die ihrer Tochter den Umgang mit Maja da schon längst verboten hatte. Die Mutter sagt heute: «Ich hatte bei Addy immer ein komisches Gefühl.» Die Freundin, die Maja retten wollte, war laut Anklage selbst Opfer. Andreas V. habe ihr gedroht, wenn sie nicht tue, was er wolle, müsse Maja ins Kinderheim. Also blieb sie still. Andreas V. soll sie besonders häufig missbraucht haben, die Mädchen hätten auch aneinander sexuelle Handlungen vornehmen müssen.

Dreck, Gestank, Ekel

Es war vieles schrecklich falsch in der Welt der Kinder von Lügde. Das Paradies ist in Wahrheit die Hölle, der Mann, den sie Papa nennen, ist kein Vater – und Majas behördlich verordnetes Zuhause wurde zu einer Müllhalde. Keiner seiner ehemaligen Nachbarn versteht heute, wie man ein Kind in diese Bruchbude schicken konnte. Bei der ersten Begehung notierten die Polizisten Dreck und Gestank, nicht einmal die nüchterne Protokollsprache verdeckt den Ekel, den sie empfunden haben dürften.

Die Produktion von Kinderpornos spielt in den Ermittlungen eine seltsam untergeordnete Rolle – vor allem angesichts der vielen Technik, die bei Andreas V. gefunden wurde. Aber die Polizei hat zwischen seiner Festnahme und der ersten Durchsuchung seiner Behausungen viele Tage verstreichen lassen, in denen der Zugang jedem möglich gewesen wäre. Später hat sie immer wieder Beweise übersehen, schliesslich verschwand gar ein Koffer mit angeblich 155 CDs und DVDs aus den Räumen der Polizei Detmold. Diese Pannen sind eine eigene Geschichte, Ausgang offen.

Was noch entdeckt wurde im Müll von Andreas V.: Ein Kinderrucksack. Eine Kinderjacke Grösse 98/104. Eine Hülle mit der Aufschrift «Meine 1. CD». Auf allen Teilen klebten Schilder mit den Vornamen von Kindern, deren Identität bisher noch niemand zu kennen scheint.

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