Peter Handke war auch Staatsbürger Jugoslawiens

Der diesjährige Literaturnobelpreisträger erhielt 1999 vom Regime Milosevic einen Pass.

Ein Autor, zwei Pässe: Peter Handke. Foto: Reuters

Ein Autor, zwei Pässe: Peter Handke. Foto: Reuters

Bernhard Odehnal@BernhardOdehnal

Nun bekomme Jugoslawien seinen zweiten Nobelpreisträger, twitterte der aus Bosnien stammende Schriftsteller Saša Stanišic. Das war natürlich Sarkasmus pur: Jugoslawien gibt es nicht mehr, und Literaturnobelpreisträger Peter Handke ist offiziell Österreicher. Dass er eine zweite Staatsbürgerschaft hatte, ist aber neu.

Wie die Recherche-Website «The Intercept» herausfand, besass Handke auch einen jugoslawischen Pass – zu einer Zeit, als dieser Staat nur mehr aus Serbien und Montenegro bestand und von Slobodan Milosevic diktatorisch regiert wurde.

Intercept-Autor Peter Maass fand nach eigener Darstellung ein Foto von Handkes Pass in der Datenbank des Literaturarchivs der österreichischen Nationalbibliothek. Der Pass wurde im Juni 1999 von der jugoslawischen Botschaft in Wien ausgestellt und war zehn Jahre gültig. Jugoslawien bestand allerdings nur mehr bis 2003. Handke soll den Pass später einem Salzburger Freund übergeben und ihm erklärt haben, dass er als jugoslawischer Staatsbürger auf seinen Reisen durch das Land in den Hotels weniger gezahlt habe. Der Dichter selbst nahm dazu bisher nicht Stellung.

Pass als Belohnung?

Österreich erlaubt eine doppelte Staatsbürgerschaft nur in Ausnahmefällen. Sie muss beantragt und gut begründet werden. Wer einen zweiten Pass ohne Wissen der Behörden annimmt, dem kann die österreichische Staatsbürgerschaft ohne Vorwarnung entzogen werden. Im Fall Handkes ist das unwahrscheinlich.

Als Handke den Pass erhielt, ging der Krieg in Kosovo gerade zu Ende. Im Wiener Burgtheater wurde sein Stück «Die Fahrt im Einbaum» gespielt, in dem er dem Westen die Schuld an den Balkankriegen gibt. Möglicherweise war die Staatsbürgerschaft Belgrads Belohnung für den Protest des Schriftstellers gegen die Bombardements durch die Nato. Allerdings war damals auch längst genau dokumentiert, dass serbische Milizen und Militärs kosovarische Dörfer angezündet, Zivilisten massakriert und Hunderttausende Menschen in die Flucht getrieben hatten.

Wien war damals Stützpunkt internationaler Journalisten, die aus Jugoslawien berichten wollten. Von der besonders regimetreuen jugoslawischen Botschaft in Wien bekamen aber nur jene ein Visum, die sich in den Augen des Milosevic-Regimes loyal verhielten. Handke hatte dieses Problem nicht. Er wurde gleich Staatsbürger Jugoslawiens.

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