Der Taktikfuchs, der schon Mourinho überraschte

Atalanta ist wohl der überraschendste Champions-League-Teilnehmer. Beim Spiel gegen Manchester City dürfte vor allem wieder Trainer Gasparini gefordert sein.

Ein Taktiker und Kritiker: Gian Piero Gasperini (61). Foto: Reuters

Ein Taktiker und Kritiker: Gian Piero Gasperini (61). Foto: Reuters

3 Spiele, 0 Punkte – den Start in die Premierensaison der Champions League hatte sich Atalanta Bergamo wahrlich anders vorgestellt. Der Auftakt missriet völlig mit einem 0:4 bei Mario Gavranovics Dinamo Zagreb, ­vermeidbar war insbesondere das 1:2 gegen Schachtar Donezk – der Siegestreffer für die Ukrainer fiel weit in der Nachspielzeit. Das 1:5 in Manchester gegen City gehörte dann eher wieder in die Kategorie normal.

Ein Sieg heute im «Exil» des Giuseppe Meazza von Mailand – das Heimstadion Atleti d’Italia lässt die Uefa nicht zu – gegen Manchester City ist jedenfalls schon fast Pflicht, um noch eine minime Chance auf einen der ersten zwei Plätze zu wahren.

Das Team von Gian Piero Gasperini und mit dem Schweizer Nationalspieler Remo Freuler ist nach der überragenden letzten Saison erneut gut in die Meisterschaft gestartet. Platz 5 mit 21 Punkten ist ein Leistungsausweis. Mit allen Spitzenteams ausser Juventus und Inter sind die Lombarden auf Tuchfühlung, einzig das 0:2 am Sonntag gegen Cagliari war ein Ausrutscher. Beste Torschützen sind zwei stürmende Kolumbianer: Luis Muriel (Marktwert 15 Millionen Euro) und Duvan Zapata, der gar für 45 Millionen gehandelt wird. Kein Wunder, hat das Kraftpaket doch schon 6 Tore und 3 Assists erzielt sowie einen der beiden Treffer in der Champions League.

30 Liga-Tore haben die Bergamasken bisher geschossen, von solchen Werten kann die Konkurrenz aus Mailand, Rom oder Turin nur träumen. Allerdings gibt es auch den Umkehrschluss dazu, das belegen die 18 Gegentreffer. Keine Abwehr ist anfälliger als die von Atalanta, sieht man einmal von Sassuolo, Lecce und Genoa ab. Das sind aber ­alles Teams aus den hinteren Ranglistenregionen.

Ritterschlag von Mourinho

Gasperini lässt im 3-4-1-2-System spielen und bevorzugt ein hohes Pressing – dies schon seit seinen Anfangsjahren. Es war eine Zeit, als man diesen Begriff in Italien noch kaum kannte. José Mourinho lobte ihn nach einem torlosen Unentschieden schon vor mehr als einem Jahrzehnt: «Gasperini hat mich taktisch von allen Trainern am meisten in Bedrängnis gebracht. Ich wechselte aus, er passte sich an. Es war ein sehr spektakuläres 0:0, wenn man ein wahrer Fussballfan ist.»

Neun Jahre alt war Gasperini, als er bei Juventus Turin die Ausbildung an der Seite eines gewissen Paolo Rossi durchmachte. Eine grosse Spielerkarriere blieb ihm verwehrt, 1987 wurde er mit ­Pescara immerhin Meister in der Serie B. Einen Namen machte er sich aber bald als Taktikfuchs an der Seitenlinie. Seine Profitrainerkarriere lancierte er bei Crotone, einem ambitionierten Club aus der Serie C1. Von dort nahm er Lieblingsschüler Ivan Juric mit nach Ligurien zu Genoa, seiner ersten Station in der höchsten Spielklasse. Platz 10 zum Einstieg war beachtlich, später führte er das Team sogar auf Rang 5 und in die Europa League, Topskorer war mit 24 Toren damals der Argentinier Diego Milito.

Er kann sich auch ereifern

Es gibt aber auch den anderen Gian Piero Gasperini. Den Wütenden, den Mann, der schon einmal internationale Freundschaftsländerspiele als «nutzlos» taxiert. «Es macht absolut keinen Sinn, um die Welt zu fliegen und bedeutungslose Testspiele zu absolvieren», und nun redet er sich richtiggehend in Rage, «die Spieler müssen eine 12 oder 13 Tage lange Tour mitmachen, bei der es um rein gar nichts geht», sagte er unlängst.

Auslöser seiner Wutrede war, dass sich Zapata beim 0:0 von Chile gegen Kolumbien in Alicante eine Bauchmuskelverletzung zugezogen hatte. «Anschliessend beklagen wir uns wieder alle ­darüber, dass es mehr Verletzungen gibt.»

Gasperini mag allerdings nicht nur kritisieren, stattdessen präsentiert er auch einen Lösungsansatz: «Es kann nicht sein, dass die Meisterschaft im September, Oktober und November unterbrochen wird. Man würde stattdessen besser alle Testspiele in einer Serie zusammennehmen. Bei einigen Partien hat es gar keine Zuschauer, sie sind sowohl technisch-taktisch als auch bezüglich der Unterhaltung sinnlos.»


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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