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Pandemie in ChileCorona-Genesene erhalten Immunitätsausweise

Die chilenische Regierung vergibt «Carnet Covid-19»-Dokumente, die freies Bewegen erlauben. Für die Weltgesundheitsorganisation ist das keine gute Idee.

Schrittweise Rückkehr zur Normalität: Sebastián Piñera, Staatschef von Chile.
Schrittweise Rückkehr zur Normalität: Sebastián Piñera, Staatschef von Chile.
Foto: Reuters

In Zeiten des Coronavirus hat Chile einen geografischen Vorteil. Das Land liegt nicht nur am untersten Zipfel des amerikanischen Kontinents. Es ist auch so schmal, dass es an manchen Stellen nur wenige Strassen und Brücken gibt, die es ermöglichen, von Süden nach Norden zu fahren. Mit ein paar strategischen Posten lässt sich Chile also recht einfach kontrollieren.

Schon früh in der Corona-Krise hat die Regierung des Landes das genutzt. Bürger mussten Sanitätspässe vorzeigen, mit denen sie eidesstattlich versicherten, nicht in Kontakt mit Covid-19-Erkrankten gewesen zu sein oder in Ländern, die als Risikogebiete gelten. In den nächsten Tagen will Chile noch einen Schritt weiter gehen.

Bürger, die bereits eine Erkrankung mit dem Virus überstanden haben, sollen dies amtlich bestätigt bekommen. Der digitale Ausweis «Carnet Covid-19» erlaubt es, wieder auf die Strasse zu gehen, zu reisen und vor allem zu arbeiten. In Chile kommt die Idee bei der Bevölkerung gut an. Die Einführung des Immunitätsausweises ist Teil des Plans «Sichere Rückkehr», den der chilenische Präsident Sebastián Piñera letzte Woche vorgestellt hat. Ziel ist eine graduelle Wiederaufnahme des öffentlichen Lebens.

Anfang März war in dem Land die erste Covid-19-Erkrankung registriert worden. In der Folge stieg die Fallkurve steil an. Die Regierung rief den Katastrophenfall aus und verhängte eine Ausgangssperre. Heute gibt es rund 13000 Fälle, von denen laut offiziellen Angaben mehr als die Hälfte wieder genesen sind – und damit immun, wie die chilenische Regierung hofft.

WHO: Kein Nachweis für Schutz vor zweiter Infektion

Doch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt davor, Immunitätsausweise auszustellen. «Es gibt im Moment keinen Nachweis, dass Menschen, die sich von Covid-19 erholt und Antikörper gebildet haben, vor einer zweiten Infektion geschützt sind», heisst es in einer Mitteilung der WHO. Tierversuche hatten vor einigen Wochen zwar gezeigt, dass Affen nach durchlaufener Infektion vor dem Erreger gefeit sind. Unklar ist indes, ob der Befund auch für Menschen gilt. Offen ist auch, wie lange dieser Schutz anhält und ob er wirklich bei jeder Person vollständig ist.

Aus China und Südkorea kamen zuletzt Meldungen über Menschen, die zum zweiten Mal infiziert waren. Experten streiten seither über die Ursache der Befunde. Wahrscheinlich ist, dass die Testung nicht korrekt abgelaufen ist. Menschen könnten zwischenzeitlich fälschlicherweise negativ getestet worden sein, obwohl sie noch positiv waren. Möglich ist aber auch eine Reaktivierung von verbliebenen Viren im Körper, etwa weil Patienten nicht genug Antikörper gebildet haben oder ihr Immunsystem nach der Genesung geschwächt wurde, was die Erreger dazu nutzten, um sich wieder auszubreiten.

«Eine Person, die die Krankheit überstanden hat, hat weniger Risiko, erneut zu erkranken.»

Paula Daza, Gesundheitssekretärin der Regierung Chiles

Die dritte Erklärung ist aber, dass es keine Immunisierung gibt. Auch Patienten, die bereits mit dem Erreger infiziert waren, könnten demnach noch einmal an ihm erkranken und ihn weiterverbreiten. Die WHO warnt daher, dass Regierungen mit der Erstellung von Ausweisen falsches Vertrauen schaffen und die Ausbreitung des Virus womöglich sogar befördern könnten, weil sich Menschen fälschlicherweise in Sicherheit wiegen.

Zudem stellen sich ethische Fragen. In einer Situation, in der viele Menschen in Quarantäne um ihren Job bangen, würde schnell ein Schwarzmarkt für gefälschte Immunitätsausweise entstehen. Gleichzeitig könnten junge Leute versuchen, sich mit dem Virus zu infizieren, um nach ihrer Genesung eine Corona-Karte zu bekommen. Auch dies könnte zur Ausbreitung der Krankheit beitragen.

In Chile verteidigte die stellvertretende Gesundheitssekretärin den Plan der Regierung. «Eine der Sachen, die wir wissen, ist, dass eine Person, die die Krankheit überstanden hat, weniger Risiko hat, erneut zu erkranken», erklärte Paula Daza. Nicht mehr und nicht weniger solle der «Carnet Covid-19» bestätigen. Bereits in den nächsten Tagen soll der Ausweis an Corona-Genesene ausgegeben werden.