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Wenig Passagiere, viel DefizitCorona trifft die Nachtbusse ins Mark

Wenn die Uhren auf Winterzeit zurückgestellt werden, fahren die Moonliner länger. Nicht so heuer. Zu tief ist die Nachfrage auf Berns Nachtlinien.

Nach der Party mit dem Moonliner nach Hause: Die Berner Nachtbusse sind während der Corona-Pandemie weit weniger gefragt als zu normalen Zeiten.
Nach der Party mit dem Moonliner nach Hause: Die Berner Nachtbusse sind während der Corona-Pandemie weit weniger gefragt als zu normalen Zeiten.
Foto: Walter Pfäffli

Den frühen Morgen des letzten Sonntags im Oktober wissen Berns Nachtschwärmer stets besonders zu schätzen. Denn dann werden die Uhren von der Sommer- auf die Winterzeit zurückgestellt, und das beschert ihnen eine Stunde mehr zum Tanzen, zum Feiern, zum Partymachen.

Zur guten Tradition gehört auch, dass die Moonliner in dieser Nacht länger verkehren. Der letzte Kurs, der die meist jungen Leute aus dem Stadtzentrum in die Quartiere, in die Agglomeration und teils sogar bis in die hintersten Winkel des Kantons bringt, wird jeweils doppelt geführt. Der Bus fährt zuerst um Viertel vor vier nach Sommerzeit – und eine Stunde später nochmals um Viertel vor vier nach Winterzeit.

Bis jetzt war das jedenfalls so, doch nun, da das Coronavirus das Leben von Grund auf auf den Kopf stellt, ists auch mit dieser Gewohnheit vorbei. Die Fahrt um Viertel vor vier werde heuer nur einmal, und zwar nach Sommerzeit angeboten, teilt die für den Moonliner verantwortliche Nachtliniengesellschaft auf ihrer Website mit. Die zweite Fahrt eine Stunde später entfalle.

Nur 45 bis 50 Prozent

Geschäftsführer Marc Jaussi sagt es offen: Die Pandemie trifft auch die Nachtbusse ins Mark. Im Moment erreichten die Frequenzen nur etwa 45 bis 50 Prozent des Niveaus von 2019. «Am letzten Samstag gab es gar Busse, in die beim Start in Bern niemand einstieg.»

Dazu komme, dass bei der Zeitumstellung schon in der Vergangenheit und damit unter normalen Umständen der zweite Kurs weit weniger genutzt worden sei. Mit Blick darauf und eben auch mit Blick auf die aktuell sehr tiefen Fahrgastzahlen «ist eine zusätzliche Fahrt schlicht nicht angezeigt».

Dass die Moonliner aktuell ein deutlich höheres Defizit schreiben als im Herbst letzten Jahres, versteht sich deshalb von selbst. Umso wichtiger ist die grosse Pause, die die Nachtliniengesellschaft ab dem Frühling eingelegt hat. Sie verlängerte die vom Bund im März verhängte Zwangspause gleich bis Mitte August – und ersparte sich so wenigstens die roten Zahlen aus den ohnehin stets schwachen Hochsommerwochen.

Ein Bild aus der Vergangenheit: Am letzten Samstag gab es Nachtbusse, in die bei der Abfahrt in Bern gar niemand zustieg.
Ein Bild aus der Vergangenheit: Am letzten Samstag gab es Nachtbusse, in die bei der Abfahrt in Bern gar niemand zustieg.
Foto: Walter Pfäffli

Trotzdem rechnet Jaussi damit, dass der Fehlbetrag des laufenden Jahrs unter dem Strich höher ausfallen wird als bisher. Damit ist mehr als fraglich, ob die Defizitgarantien der 263 Gemeinden am Moonliner-Netz überhaupt ausreichen werden. Zumal die Nachtliniengesellschaft schon im letzten, noch ordentlichen Jahr den Betrag in der Höhe von insgesamt rund einer Million Franken zu 92 Prozent in Anspruch nehmen musste.

Und wenn das Geld tatsächlich nicht ausreicht? Dann müssten die zehn an der Gesellschaft beteiligten Busunternehmen, zu denen Bernmobil, Postauto und der RBS gehören, die roten Zahlen aus eigenen Mitteln finanzieren. Kein Wunder, redet Jaussi davon, man überlege sich in dieser Situation, den Moonliner-Betrieb erneut einzustellen.

Ein neues Konzept

Wie in zahlreichen anderen Branchen verstärkt die Corona-Pandemie auch bei den Moonlinern einen Trend, der schon länger spürbar ist. Von der höchsten Nachfrage mit über 283’000 Fahrgästen im Jahr 2013 ist sie mittlerweile ein schönes Stück entfernt. Im letzten Jahr beförderten sie noch knapp 227’000 Nachtschwärmer, im vorletzten waren es gar nur etwas mehr als 224’000 gewesen.

Den Grund für die Abwärtsbewegung sehen viele darin, dass seit damals die regulären, auch mit den Abos benutzbaren Busse im Raum Bern freitags und samstags länger unterwegs sind. Deshalb laufen zurzeit Bestrebungen, das Moonliner-Angebot neu zu konzipieren und ebenfalls in den ordentlichen ÖV-Tarif zu integrieren. Die heutigen, gerade für die Pendler teuren und damit unattraktiven Spezialbillette entfielen dann.

2 Kommentare
    Jean Gerber

    Sei's drum. Ich bin ohnehin nicht davon überzeugt, dass es Aufgabe der Steuerzahlerin ist, morgens um drei Uhr bekiffte Jugendliche nach Hause zu karren.