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Leser fragen Peter SchneiderDarf man ohne Handy leben?

Die Antwort an einen Leser, der sich den digitalen Diensten verweigert und sich deshalb hinterfragt.

Für die meisten von uns ist das Smartphone ständiger Begleiter: Ein Mann scrollt auf seinem Bildschirm, während er seine Beine dehnt.
Für die meisten von uns ist das Smartphone ständiger Begleiter: Ein Mann scrollt auf seinem Bildschirm, während er seine Beine dehnt.
Foto: Keystone

Ich habe kein Handy und habe noch nie einen Streamingdienst benutzt und meine, ohne die beiden leben zu können. Müsste ich nach Ihrer Einschätzung mal zum Psychiater? M.L.

Lieber Herr L.

Natürlich müssen Sie nicht zum Psychiater; aber das wissen Sie ja auch selber. Wenn Sie ohne Handy und Streamingdienste leben können, dann ist der Tatbeweis erbracht, dass Sie das können. Man kann ohne ein Handy leben, wie man auch ohne Kühlschrank leben kann. Man kauft dann kurzfristig ein und verbraucht die verderblichen Waren innert kurzer Frist. Man muss dem Einkauf und der Aufbewahrung weit mehr Aufmerksamkeit widmen, als wenn man einen Kühlschrank benutzt. Manche sehen darin eine Steigerung der Achtsamkeit in ihrem Alltag; für mich wäre es vor allem mühsam.

Ein alltägliches Ding wie ein Kühlschrank ermöglicht eine bestimmte Lebensweise, beziehungsweise dessen Nichtvorhandensein ermöglicht (und erzwingt) eine andere Lebensweise. Wir sind mit den Dingen, die uns umgeben (Waschmaschinen, Smartphones, Computer, Radios etc.) in einem Akteur-Netzwerk verbunden. Der Begriff wurde seit den 1980er-Jahren entwickelt, u.a. von Bruno Latour. Das Interessante an diesem Konzept ist, dass Dinge nicht einfach als neutrale Werkzeuge betrachtet werden, sondern als etwas, das mit menschlichen Akteuren eine Einheit bildet.

Eine Schreibmaschine ist wie ein Handy ein sehr soziales Ding.

Das Verhältnis von Mensch und Handy ist zwar ein anderes als das von Mensch und Waschmaschine, in beiden Fällen handelt es sich aber um eine Kombination unterschiedlicher Elemente, die am besten zusammen in ihrer Interaktion und den daraus folgenden gemeinsamen Handlungen verstanden werden. Auch ein Mensch und eine mechanische Schreibmaschine bilden eine solche Gemeinschaft. Die Tastatur ist so angeordnet, dass sie das Schreiben mithilfe des Zehnfingersystems erleichtert; sie erzwingt andererseits vom Menschen, dass er sich das Zehnfingersystem aneignet, sodass schliesslich Schreibmaschine und Mensch einen gut funktionierenden Akteur ergeben.

Eine Schreibmaschine ist wie ein Handy ein sehr soziales Ding; die Mensch-Schreibmaschine oder das Mensch-Handy sind hybride Einheiten im grossen sozialen Netzwerk, das wiederum aus anderen kleinen und grossen Netzwerken besteht wie zum Beispiel Streamingdiensten, Fernsehern, Tablets, öffentlichem und privatem Rundfunk. Man kann aus dem Verzicht auf die Teilnahme an manchen dieser Netzwerke sogar einen sozialen Distinktionsgewinn ziehen. Denken Sie an das stolze Bekenntnis von 1960er-Jahre-Akademikern, keinen Fernseher zu besitzen. Das Smartphone ist in dieser Hinsicht an die Stelle des Fernsehers getreten. Aber sehr grossen Eindruck macht man heute als bekennender No-Handy-Mensch-Akteur nicht mehr unbedingt.

Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tamedia.ch

33 Kommentare
    Dani

    Ob man ein Handy braucht oder nicht, das muss jeder für sich selber entscheiden... - einen Streamingdienst braucht man definitiv nicht! Was meint der Fragende wohl damit? Netflix? Spotify? Podcasts?

    Was an einem Handy praktisch ist, sind die Kommunikationsmöglichkeiten unterwegs, aber auch dass man nicht mehr SMS tippen muss, um jemanden zu erreichen. Oder man hat praktische Helferlein: Karte bzw. Navigationshilfen, Türöffner, Agenda, oder - wenn alle mitmachen würden - Schutz vor Corona.