Das australische Wunder

Die Wirtschaft des Staates wächst seit 28 Jahren. Das hat es noch in keinem anderen westlichen Industrieland gegeben. Doch das Wirtschaftswunder könnte bald vorbei sein.

Der Boom lässt die Stadt in den Himmel wachsen: Wolkenkratzer im Geschäftsviertel der westaustralischen Metropole Perth. Foto: Allan Baxter (Getty Images)

Der Boom lässt die Stadt in den Himmel wachsen: Wolkenkratzer im Geschäftsviertel der westaustralischen Metropole Perth. Foto: Allan Baxter (Getty Images)

Die Sowjetunion zerfällt, am Persischen Golf tobt ein Krieg, die deutsche Band Scorpions landet mit «Wind of Change» einen Welthit, und in der Schweiz kämpft man sich durch die Immobilienkrise. Es ist das Jahr 1991, und am anderen Ende der Welt taumelt die Wirtschaft in eine schwere Rezession. Tausende Australier verlieren ihre Jobs, mehrere Banken kollabieren. Es ist eine «Rezession, die Australien gebraucht hat», sagt der australische Finanzminister Paul Keating damals – und steigt trotz seiner umstrittenen Äusserung zum Premierminister auf.

Womöglich hatte Keating recht – denn seit diesem Krisenjahr 1991 gab es für die Wirtschaft Australiens immer nur eine Richtung: Es ging aufwärts, ununterbrochen bis heute. 28 Jahre lang hat das Land, das einen ganzen Kontinent umfasst, keine Rezession mehr erlebt. So lange hat ein westliches Industrieland noch nie im permanenten Boom gelebt – jedenfalls nicht, wenn man die allgemein akzeptierte Definition zugrunde legt, wonach das Sinken des Bruttoinlandprodukts in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen eine Rezession bedeutet. Beim vorangegangenen Rekordhalter Niederlande beendete die grosse Finanzkrise von 2008 einen 24 Jahre anhaltenden Aufschwung. Australiens Wirtschaft aber segelte – auch dank eines Milliarden-Stimulus der Regierung – unbeschadet durch diese weltweite Krise und wächst bis heute, fast so, als wären ihr keine Grenzen gesetzt.

Woran liegt das? Was machen die Australier womöglich besser? Und was macht ein solcher Boom mit einem Kontinent und seinen Menschen, von denen eine ganze Generation gar nichts anderes kennt als ein Land, das – jedenfalls im statistischen Schnitt – Jahr für Jahr immer nur reicher wird?

Boom dank Rohstoffen

Auf der Suche nach den Gründen für diesen Daueraufschwung lohnt es sich, etwa auf die Skyline der westaustralischen Stadt Perth zu blicken. Manche der Hochhäuser des Zentrums, die sich im seenartig geweiteten Swan River spiegeln, sind schon in den 80er-Jahren in die Höhe geschossen. Es war eine wilde Zeit, in der die Labor-Regierung die bis dahin streng regulierte Wirtschaft liberalisierte, Zölle drastisch senkte und die Banken von der Leine liess. Der von Spekulation getragene Aufschwung endete im Rumms von 1991 – und nebenbei das halbe Kabinett Westaustraliens, allzu sehr mit Spekulanten verbunden, hinter Gittern. Tatsächlich hat das Land aus den Fehlern gelernt, die Inflation eingegrenzt, den Banken wieder Regeln gegeben.

Seither sind viele weitere Hochhäuser in den meist blauen Himmel über Australiens Grossstädten gewachsen. Auf Perths Türmen zeigen Aufschriften, wer mit dafür gesorgt hat, dass es so stetig aufwärts ging: BHP Billiton, Rio Tinto, Fortescue, Woodside – an obersten Stockwerken prangen die Namen der grossen Bergbaukonzerne, die den Aufschwung lange geprägt haben. 1300 Kilometer nördlich der Stadt holen sie in riesigen Tagebauen Erze aus der Halbwüste der Region Pilbara, lassen sie von 500-Tonner-Lastern auf kilometerlange Züge Richtung Küste schaffen und von dort nach China, Indien und Korea verschiffen.

Im Osten des Kontinents geschieht dasselbe mit Kohle, in Millionen Tonnen aus dem Boden der Bundesstaaten New South Wales und Queensland gebaggert, ins energiehungrige China exportiert. Das dabei freigesetzte Kohlendioxid beschleunigt zwar die Erwärmung des Weltklimas, unter der das ohnehin hitzegeplagte Australien besonders leidet. Trotzdem sollen enorme Kohlevorkommen im Hinterland Queenslands erschlossen werden. Es ist einfach zu wichtig für die Wirtschaft des Landes: Gut die Hälfte des australischen Exportvolumens besteht aus Bodenschätzen.

Das Geschäft mit China ist zwar ein wichtiger, aber eben nur ein Grund für das andauernde Wachstum.

Etwa ein Drittel der australischen Exporte geht nach China. Solange dessen Wirtschaft im Eiltempo wuchs, ging es auch Australien bestens. Chinas Boom zog das Land einfach mit. In Städten wie Perth wurden die sogenannten Fly-in-fly-out-Jobs in den Bergwerken zum Symbol für das Geld, das zu verdienen war: Für acht Tage hinausfliegen in die Minen, in 13-Stunden-Schichten bei 45 Grad Hitze schuften, dann für sechs freie Tage zurück in die Stadt.

Das war vorbei, als nach der grossen Finanzkrise von 2008 Chinas Nachfrage nach Bodenschätzen nachliess und die Rohstoffpreise sanken. Auch mitten in Perths Innenstadt stehen heute Bauzäune, hinter denen sich Baugruben für die Fundamente von Wolkenkratzern verbergen, die geplant und genehmigt, aber nie gebaut wurden. Im rohstoffreichen Westaustralien hat sich das Wachstum schon seit fast zehn Jahren deutlich verflacht.

Auch Australiens Industrie ist in den vergangenen 28 Jahren nicht mitgewachsen, im Gegenteil: Nurmehr etwa sieben Prozent aller Beschäftigten verdienen ihr Geld im verarbeitenden Gewerbe. Autos etwa produziert das Land gar nicht mehr. Als letzter von vier Autobauern, die noch zur Jahrtausendwende in Australien produzierten, schloss General Motors gehörende Traditionsmarke Holden 2017 ihre Werkstore. Der Holden Commodore wird heute aus Deutschland importiert, er ist ein umgelabelter Opel Insignia, dessen Steuer – linksverkehrbedingt – auf der rechten Seite eingebaut ist.

Hohe Einwanderung

Es spricht jedoch für Australiens Wirtschaft, dass das Ende des Bergbaubooms und die weitgehende Deindustrialisierung bislang nur regional durchschlugen – und in den grossen Metropolen Sydney und Melbourne praktisch gar nicht zu spüren waren. Etwa 88 Prozent der Beschäftigten arbeiten im Dienstleistungssektor, der sich als sehr robust erweist. Und das liegt vor allem daran, dass das China-Geschäft zwar ein wichtiger, aber eben nur ein Grund für das andauernde Wachstum ist. Der zweite, womöglich entscheidendere Hauptgrund heisst: Einwanderung.

Zwar hält Australien Bootsflüchtlinge mit rigiden Methoden von seinen Küsten fern. Einwanderer mit Visum und am liebsten mit beruflicher Qualifikation lässt es aber in so grosser Zahl ins Land wie sonst unter den westlichen Staaten nur Kanada. So lebten 1991 etwa 17 Millionen Menschen im Land, Ende 2018 waren es 25 Millionen. Mehr Bevölkerung heisst: mehr Menschen, die arbeiten und das Bruttosozialprodukt steigern.

So wird in Australien kräftig gebaut. In Perth etwa erstrecken sich die typischen Einfamilienhäuser inzwischen mehr als 100 Kilometer entlang der Strände des Indischen Ozeans. Wer kann, kauft in Australien ein Haus. Wer bereits ein kleineres hat, kauft so bald wie möglich ein grösseres. Möglich machen das die steigenden Immobilienpreise, die in den Städten seit Jahrzehnten nur eine Richtung zu kennen schienen: steil aufwärts.

 Die Wohneigentumsrate ist auf einen historischen Tiefstand von 63,5 Prozent gefallen.

So konnten breite Bevölkerungsschichten auf den steigenden Wert ihrer Häuser immer grössere Hypotheken aufnehmen, mit denen sie sich wiederum grössere Häuser leisteten. Die Bau- und Immobilienbranche ist mit den zugehörigen Kreditgeschäften der Sektor geworden, der das Wirtschaftswachstum am stärksten treibt.

Davon profitieren aber nicht alle. Immer weniger jüngere Australier können sich ein Eigenheim leisten, die Wohneigentumsrate ist auf einen historischen Tiefstand von 63,5 Prozent gefallen. Wer trotzdem ein Haus kauft, muss sich tief verschulden. Ökonomen warnen vor dem Zeitpunkt, an dem die ebenfalls historisch niedrigen Zinsen wieder steigen und die Hauspreise fallen sollten. Dann könnten vor allem jene «Battler», die ohnehin mit relativ niedrigen Dienstleistungslöhnen und hohen Lebenshaltungskosten zu kämpfen haben, in grösste Schwierigkeiten geraten.

Warnzeichen sprechen dafür, dass sich die national-liberale Regierungskoalition von Premier Scott Morrison womöglich schon bald auf ökonomisch härtere Zeiten einstellen muss. Im zweiten Halbjahr 2018 und im ersten Quartal ist das Bruttoinlandprodukt zwar insgesamt gestiegen. Pro Kopf aber ist es zurückgegangen. Auch Australiens Wirtschaftswunder könnte einmal zu Ende gehen.

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