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Never Mind the MarketsDas Fed kapituliert

Von den Notenbanken ist bezüglich Konjunkturbeeinflussung oder Leitzinserhöhungen nichts mehr zu erwarten. Der führende Notenbanker der Welt hofft auf ein «Wunder».

Räumt mit den bisher gültigen geldpolitischen Dogmen auf: Fed-Chef Jerome Powell.
Räumt mit den bisher gültigen geldpolitischen Dogmen auf: Fed-Chef Jerome Powell.
Foto: Jim Lo Scalzo (Keystone)

Vor etwas mehr als einer Woche hat die US-Notenbank Federal Reserve das Ergebnis einer Überprüfung ihrer Geldpolitik bekannt gegeben. In einer Rede hat ihr Chef Jerome Powell dieses erläutert. Seine Aussagen kommen dem Eingeständnis gleich, dass viele geldpolitischen Dogmen heute nicht mehr taugen. So etwas vom führenden Notenbanker der Welt zu hören, ist ziemlich bemerkenswert.

Die Hauptaufgabe der meisten Notenbanker besteht fast überall darin, das Preisniveau stabil zu halten, also eine Inflation oder Deflation zu verhindern. Um die Arbeitslosigkeit soll sich die Geldpolitik bestenfalls zweitrangig kümmern - beim Fed gehört das immerhin noch zum Ziel. Powell ändert jetzt die Gewichtung.

Dramatisch gesunkenes Zinsniveau und machtlose Notenbanken

Das bisherige Dogma, gemäss dem eine sehr tiefe Arbeitslosigkeit – natürliche Arbeitslosigkeit genannt – auf keinen Fall unterschritten werden darf, weil sonst Inflation drohe, soll künftig kaum mehr Gewicht haben. Kein Wunder, trotz einer immer tieferen Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren ist die Inflation nicht gestiegen. Zinserhöhungen der US-Notenbank, die jüngst auf diese Theorie gebaut haben, erscheinen heute als Fehler.

Und das sagt Powell zu den Zinsen: Strukturelle Faktoren wie die Alterung der Gesellschaft, eine sinkende Geburtenrate und ein nur noch geringes Produktivitätswachstum drücken auf das Wachstum (das sogenannte Potenzialwachstum). Deshalb ist das von der Geldpolitik und der Konjunkturlage unabhängige strukturelle Zinsniveau (das sogenannte neutrale Zinsniveau) weltweit dramatisch gesunken. In den USA hat es sich seit 2012 rund halbiert.

Die tieferen Inflationserwartungen reduzieren es noch weiter, wie Powell festhält. So bleibt den Notenbanken kaum mehr eine Möglichkeit, durch eine Zinssenkung die Konjunktur zu beeinflussen. Das gilt selbst bei negativen Leitzinsen, welche die US-Notenbank ausschliesst.

Und was will das Fed nun tun?

Das Fed will eine höhere Inflation anstreben. Das Ziel von 2 Prozent soll künftig nur noch als Mittelwert über die Zeit gelten. Wird die Teuerung längere Zeit unterschritten, soll sie später auch länger darüber liegen können. Wie Powell aber eingesteht, hat sein Institut schon das bisherige Inflationsziel jüngst kaum erreicht.

Und mit dem extrem tiefen Zinsniveau wird das nur noch schwerer. Wieder steigende Leitzinsen sind damit für sehr, sehr lange Zeit ausgeschlossen und erfordern erst ein «Wunder» in der Realwirtschaft. Gleichzeitig droht dies die Stabilität der Finanzmärkte zu erschüttern.

24 Kommentare
    Alain Surlemur

    Zitat: " trotz einer immer tieferen Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren ist die Inflation nicht gestiegen."

    Da hat wohl jemand die Globalisierung übersehen. Die Arbeitslosigkeit in USA oder EU ist nicht von Bedeutung wenn China, Indien und andere Schwellenländer über ein fast unerschöpfliches Potential an billigen Arbeitskräften verfügen. Und falls die zu teuer werden sollten übernimmt Genosse Roboter...