Das ganze Spektrum

Stockfotos der grossen Bildagenturen zementieren Geschlechterklischees. Nun gibts eine Alternative.

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Geht es in einem Zeitungs- oder Magazintext um Frauen und Management, sind auf dem Bild dazu häufig hochhackige Pumps neben Aktentaschen zu sehen. Geht es um Chefs, Ärzte, Professoren, zeigen Bilder überdurchschnittlich oft Männer im Anzug und am Pult. Die Fotos, mit denen Themen medial bebildert werden, die sich mit Geschlechterrollen beschäftigen, zeigen deutlich: Die alten Stereotype über Frauen und Männer sind weiter sehr präsent.

Meist stammen diese Bilder von Bildagenturen wie Getty oder Shutterstock, die zu bestimmten Schlagworten Fotos zur Verfügung stellen und mit denen Redaktionen, aber auch Werbeagenturen und andere Kommunikationsdienstleister arbeiten, wenn es nichts Konkretes zu fotografieren gibt.

Um ausgewählt zu werden, sollen Stockfotos die Erwartungen ihrer Betrachter erfüllen, also nicht unbedingt überraschen oder herausfordern. Sie müssen kommerzielle Erfolge versprechen. Das ist ein Grund dafür, warum man in der Stockfotografie eine Gruppe praktisch nie sieht: transidente Menschen, also solche, die sich weder als Frau noch als Mann bezeich­nen. Selbst Transgender-Themen werden in der Regel mit Sym­bolbildern wie Regenbogen­flaggen illustriert, sehr selten sieht man auch das Porträt einer Trans-Person vor schlichtem Hintergrund.

Eine optische Auszeit

Nun hat sich «Broadly», die feministische Publikation aus dem betont unkonventionellen Medienhaus Vice, des Problems angenommen. Kürzlich stellte die Website ihre neue «Gender Spectrum Collection» vor, eine frei zugängliche Bilderbibliothek, die das Leben von gender-nichtkonformen Menschen in ihrer Vielfalt zeigt. Damit wolle man «ein neues Paradigma der Sichtbarkeit einläuten».

Auf den Bildern sieht man nicht eindeutig geschlechtsidentifizierte Menschen in Alltags­situationen: «Eine nicht-binäre Managerin und ihr transmännlicher Mitarbeiter diskutieren» oder «Ein genderfluider Arzt untersucht seine weibliche identifizierende Patientin», heisst es in den Bild-Infos. Sie stammen alle von einem Fotografen, sehen tendenziell überzeichnet aus. Aber die abgebildeten Menschen geben den Situationen einen interessanten Anstrich.

Möglicherweise liegt darin aber die Krux, wie Giorgia Aiello, Kulturwissenschaftlerin an der University of Leeds, feststellt. Sie forscht zu Stockfotografie und hat auch die Gender-Darstellung bei Getty, der mächtigsten Bildagentur der Welt, untersucht. Sie sieht das Potenzial der «Broadly»-Sammlung für «Organisationen und Medien, die ernsthaft daran interessiert sind, den Status und das Leben von trans- und nicht-binären Menschen zu verbessern». Gleichzeitig, sagt sie, bediene die Kollektion selbst kommerzielle Interessen eines Medienkonzerns, dessen zentrales Verkaufsargument ist, die Avantgarde kultureller und gesellschaftlicher Bewegungen zu bedienen: «Das ist auch ein Instrument, als Konzern das Image als gegenkulturelle Medienmacher aufrechtzuerhalten.»

Die Online-Galerie mit ihren etwa 150 Bildern wird die Darstellungswelt kaum revolutionieren. Auch weil Stockfotografie nicht der Grund stereotypen Denkens ist, sondern dessen Ergebnis. Die Ursache sitzt also anderswo. Aber das Angebot ist eine Art optische Auszeit von immer gleichen Repräsentationen – ein Blick hinein kann anstrengend, erleichternd oder tröstlich sein.

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