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Pop-BriefingDas Jahr beginnt mit einem Saxofon

«Welfare Jazz» heisst das erste hörenswerte Album des Jahres. Und «Uff» ist eine EP, an der sich Schweizer Künstler heuer wohl messen lassen müssen.

Die Viagra Boys eröffnen das Jahr mit dem hörenswerten «Welfare Jazz».
Die Viagra Boys eröffnen das Jahr mit dem hörenswerten «Welfare Jazz».
Fredrik Bengtsson, Viagra Boys / Facebook

Das muss man hören.

Viagra Boys – Welfare Jazz

Die Postpunk-Rocker Viagra Boys eröffnen das Jahr mit einem erfreulich rauen Album. Ein schnarrender Bass, ein Saxofon, das die Bezeichnung Rotzkanne verdient und hier und da sogar eine Prise Bluesrock, how dare you? Ein freches Album, auch wegen der schamlosen Ausflüge ins Poppige. Natürlich war das zu erwarten von den Stockholmern, wohltuend ist es trotzdem. Schweden ist da, wo der Rock’n’Roll noch atmet.

Four Tet – Parallel

Überraschend hat Kieran Hebden alias Four Tet am Weihnachtstag zwei neue Alben veröffentlicht. «Parallel» eröffnet mit einer fast 30-minütigen Meditation in Bleeps, bevor es mit kürzeren Stücken verhalten weitergeht. Ein fast sinnliches Album fast ganz frei von Tanzbarkeit. «Musik zum Nebenher-Hören» ist hier durchaus eine Auszeichnung.

Das zweite Album «871» hat er hinter dem Pseudonym 00110100 01010100 versteckt. Binär-Code-Checker wissen natürlich sofort: Die Zahlenkolonne steht für 4T. Der Sound hier ist noch etwas reduzierter und vertrackter.

McluskyGateway Band

Die britischen Noiserocker Mclusky haben sich zwar 2005 das erste Mal aufgelöst und haben seither nur sporadisch und in unterschiedlicher Besetzung wieder vor Publikum gespielt, doch es scheint ernst zu werden mit einer Wiederauferstehung. Nachdem sie neulich noch eine neue Nummer eingespielt haben, erscheint jetzt ein Livealbum. Und das hat es in sich. Wer Mclusky je live gesehen hat, wird die unbändige Energie wiedererkennen. Herrlich (laut)!

A Winged Victory For The SullenSo That The City Can Begin To Exist

Der Komponist Adam Bryanbaum Wiltzie und der Pianist Dustin J. O’Halloran firmieren unter A Winged Victory For The Sullen als Neoklassik/Ambient-Duo. Im Februar erscheint ihr viertes Album «Invisible Cities», «So That The City Can Begin To Exist» gibt einen Vorgeschmack: eine Klanglandschaft wie eine Einöde, kalt und abweisend, aber doch faszinierend anziehend. Zur Unkenntlichkeit verzerrte Saiteninstrumente schwären unter einem mal unheilvollen, mal Wärme spendenden Klavier.

RhyeCome In Closer

Das R&B-Pop-Projekt von Mike Milosh schickt einen weiteren Vorboten des Ende Januar erscheinenden Albums «Home» in die Welt. Entspannt und wärmend breitet sich «Come In Closer» aus, die verspielte Bassline und der Streichersatz laden zum Schunkeln ein.

Tom Morello, Serj Tankian, Gang Of FourNatural’s Not In It

Cover-Versionen haben grundsätzlich einen schweren Stand: Sie werden mit dem Original verglichen. Sind sie zu nah dran, gelten sie als uninspiriert, sind sie zu weit entfernt, verstören sie Fans der Original-Interpreten. Eine solide Balance gelingt Tom Morello (Rage Against The Machine) und Serj Tankian (System Of A Down) bei «Natural’s Not In It». Kein Wunder, sind hier doch die Ersteller der Vorlage an Bord. Und täuscht es, oder könnte Tankian auch als Jello-Biafra-Imitator durchgehen?

David BowieTryin’ To Get To Heaven / Mother

Am vergangenen Freitag wäre David Bowie 74 geworden, am vergangenen Sonntag jährte sich sein sechster Todestag. Zu den Jubiläen gab es zwei bislang unveröffentlichte Stücke zu hören: Das Cover von Bob Dylans «Tryin’ To Get To Heaven» und die Neuinterpretation von John Lennons «Mother». Der Thin White Duke winkt aus dem Jenseits.

Kode9Rona City Blues

Der Meister des Schlacker-Core ist wieder da. Hyperdub-Chef Kode9 veröffentlicht in diesem Jahr, so verspricht er, gleich mehrfach, die B-Seite «Rona City Blues» kommt mit stotternden Synths und einem Beat, der mitunter nicht so richtig zu wissen scheint, wohin. Eine mächtige Nummer.

Das Schweizer Fenster

Auch für die Schweizer Musikszene fängt das Jahr gut an: Göldin & Bit-Tuner veröffentlichen ohne Vorwarnung die EP «Uff». Eine 27-minütige Abrechnung mit dem Jahr 2020 im Allgemeinen und dem Leben unter Corona im Speziellen, Bonmots gibts alle paar Strophen: «Liege mit eme Bierglas i der Quartierstrass», heisst es in der grandiosen Adaption «#mikeskinner» von The Streets unvergesslichem «Original Pirate Material»-Opener «Turn The Page». In «Grand Hotel Abgrund» wird Covid-19 zum Street Fight gebeten: «Virus wotsch es Eis geg Eis?» Die scheinbar grenzdebile Übersteigerung findet ihren Gipfel im abschliessenden Track «Kommentar zur Lage der Nation»: «Du häsch d Nase voll vo Rona, ich han d Nase voll vo Cola.»

Zitiert wird einmal quer durch die Hip-Hop-Geschichte, von Grandmaster Flash über Wu-Tang Clan bis zu Erykah Badu. Die Beats sind das, was man als Rezensent wohl «böse» nennt; da ist nichts als urbane, betonierte, neonkalte Nacht. «Uff» ist ein kleines Monster und eine vollmundige Ansage an alles, was 2021 da noch kommen soll.

Angela Addo und Elio Donauer sind die Bikini Showers. Zwischen den beiden entsteht fluffiger Tropical-Synthie-Pop, der so gar nicht zum grauen Schweizer Winter passen mag. Ein Entführungsversuch der charmanten Art.

Ein kleiner Fensterplatz sei hier auch dem Kollegen Hebeisen gestattet. Wenn Sie mal hören wollen, was der Partner in Pop-Briefing-Crime in seiner Freizeit so macht: Er ist Der Elektrische Mann. Er hat nicht darum gebeten, dass dies hier erscheint, aber wenn er mir den Link schickt, ist er selbst schuld. Vergleiche mit DAFs Gabi Delgado musste er sich sich ohnehin schon gefallen lassen.

Darüber wird gesprochen

Indiepopper Ariel Pink, der sich bereits vor einiger Zeit als Trump-Unterstützer geoutet hatte, war vergangenen Mittwoch beim Angriff auf das Capitol in Washington zugegen. Er behauptet, er sei nur bei der Demonstration beim Weissen Haus präsent gewesen und dann zurück ins Hotel gegangen. Doch der Schaden ist angerichtet: Sein Label Mexican Summer beendet die Zusammenarbeit, wie der Branchendienst Digital Music News meldet.

Das Fundstück

Ronny Kraak, Betreiber des Blogs Kraftfuttermischwerk, pflegt seit rund einem Jahrzehnt die schöne Tradition eines Adventskalenders in Form von Musik-Mixen. Das ist jeweils eine 24-tägige Entdeckungsreise in verschiedenste Musikstile, die Kraak dankenswerterweise auch jeweils in einem Player zusammenfasst.

Die Wochentonspur

Auch im neuen Jahr bietet die Wochentonspur konstant den schnellen Überblick über alles, was gehört werden will. Mit einzelnen Anspieltipps der hier besprochenen Alben. Falls es mal schnell gehen soll.

1 Kommentar
    Reto Huber

    Diese jungen Männer sind einfach grossartig. Schade geht der Artikel nicht mehr darauf ein. Bei Frauen würder ihr nur davon schreiben. Danke Männer, ihr seit Hammer. malePower.