Das perfekte Museum des 21. Jahrhunderts

Einst liess er ein Blocher-Foto bepinkeln, nun hat Künstler Thomas Hirschhorn mit der «Robert-Walser-Skulptur» in Biel ein riesiges Hüttendorf vor den Bahnhof gestellt.

Thomas Hirschhorn vor dem Kunstprojekt, das er als Hommage an den Schriftsteller Robert Walser in Biel errichtet hat.

Thomas Hirschhorn vor dem Kunstprojekt, das er als Hommage an den Schriftsteller Robert Walser in Biel errichtet hat.

Christoph Heim

Seine Kunstburg auf dem Bahnhofsplatz Biel erinnert an eine Favela oder einen Robinsonspielplatz, bestimmt nicht an ein Museum, das dem Schriftsteller Robert Walser gewidmet ist. Dennoch ist Thomas Hirschhorns Hüttendorf, das auf einer mit Holzbrettern verkleideten Plattform errichtet wurde, im Grunde ein Entwurf für das Museum des 21. Jahrhunderts.

Kein anderes Museum ist zugänglicher als dieses. Keinem gelingt die Einbeziehung verschiedenster auch randständiger Bevölkerungsgruppen besser. Selten wurden die Besucher mehr zu kreativem Tun aufgefordert. Und wann hat ein Künstler eine tiefer empfundene Hommage erfahren wie Robert Walser in Biel?

Bei Hirschhorn sind alle willkommen. Er hat während dreier Jahre dieses Kunstprojekt vorbereitet und ist seit Anfang Juni jeden Tag in seiner «Robert-Walser-Skulptur» anwesend. Von zehn Uhr morgens bis zehn Uhr abends prägt er mit seiner natürlichen Autorität und aussergewöhnlichen Energie das Geschehen vor Ort.

Freundliche Trutzburg

Das Dorf wirkt wie eine freundliche Trutzburg. Oder soll man es als friedliches Protestcamp bezeichnen? Es besteht aus drei Teilen, die mit Brücken verbunden sind. Unter der einen eilen die Reisenden hindurch, die zum Bahnhof wollen oder vom Bahnhof her kommen. Unter der anderen warten die Taxis, die nach anfänglichen Problemen mit Hirschhorn nun ihren Gästen sogar einen Walser-Roman zur Lektüre anbieten.

Blick auf das «Walserdorf» vor dem Bahnhof in Biel. Foto: Valérie Chételat

Mit Hirschhorn kommt das Museum gewissermassen mit Sack und Pack zu den Leuten, die nichts weiter zu tun haben, als die seitlichen Zugangsrampen hochzusteigen, die ins Museumsdorf führen. Einen Haupteingang sucht man vergeblich, das wäre in diesem Utopia wohl zu hierarchisch gedacht. Zudem verzichtet Hirschhorn auf jegliches Eintrittsgeld.

Jede Hütte hat eine andere Funktion: Da gibt es die Galerie mit Bildbeschreibungen von Robert Walser und ein paar Gemälden seines Bruders Karl, einem Maler, der längst in Vergessenheit geraten ist. Daneben lädt ein einfaches Restaurant, eine «Cantina», zum Einkehren. In einer grossen Arena spielt sich das Nachmittagsprogramm ab. Und der Bieler Künstler Roland Fischer hat sich zur Aufgabe gemacht, Walsers Buch «Seeland» in seinem kleinen Atelier Wort für Wort auf Blätter im Plakatformat zu übertragen.

Jede Hütte bietet andere Dienstleistungen für die Besucher: Hier das «Walser-Zentrum», das von den Germanisten der Berner Walser-Edition betrieben wird. Foto: Valérie Chételat

Auf der anderen Seite der Brücke findet sich ein Teestübchen, das von einer ausnehmend freundlichen Wirtin betreut wird. Auch ein Bücherladen fehlt nicht. Dazwischen betreiben die Germanisten von der Berner Walser-Edition ihren Seminar- und Leseraum. Sie geben umfassend Auskunft über Walsers Werke und die laufenden Editionsprojekte. Es ist auch eine Bibliothek vorhanden, denn der in Biel geborene Robert Walser (1878–1956) ist ja trotz aller Kunst und Vermittlungsanstrengungen immer noch Literatur, zweifellos grosse Literatur, und die will gelesen werden.

Soziale Skulptur

Anders als unsere Museen mit ihren White Cubes, die manchmal wie Hochsicherheitsgefängnisse aussehen, strahlt das Holzgebirge mit seinen bunten Hütten eine Lebendigkeit, Zugänglichkeit und Veränderbarkeit aus, die in ihrem Freiheitsversprechen nicht nur den ehemals Bewegten aus den Siebziger- und Achtzigerjahren gefallen kann. Hier werden alle Besucher, auch die vielen Schulklassen, die vorbeikommen, animiert, sich zu engagieren oder einfach sich wohlzufühlen. Voraussetzung ist allerdings, dass sie ein paar Stunden Zeit mitbringen.

Die Walser-Skulptur ist ein utopischer Ort, der sich durch sein Anderssein und seine fehlende Perfektion auszeichnet. Ein geordnetes Chaos. Eine Wohlfühlzone für Babyboomer. Eine soziale Skulptur im Sinne von Joseph Beuys.

Thomas Hirschhorn im Gespräch mit Malick, einem afrikanischen Einwanderer. Foto: Christoph Heim

Bemerkenswert ist Hirschhorns Umgang mit Malick, einem Immigranten aus Afrika, der nicht nur einen exorbitanten Bierkonsum pflegt, sondern überraschend konzis aus seinem traurigen Leben erzählt. Und über Gott und die Welt, über Grenzen und Flüchtlinge, über die Schweiz und Europa mit Hirschhorn philosophiert. Jeden Tag treffen sich die beiden zu einer öffentlichen Diskussion in der grossen Arena des Hüttendorfs.

Arbeit als Selbstwert

Dann ist Hirschhorn in seinem Element. In seiner blauen Hose und seinem blauen Hemd sitzt er mit Malick hinter einem kleinen Tisch und wirkt dabei wie eine Mischung aus Asket und maoistischem Revolutionär. Ganz Künstler, rückt er die verdorrte Rose zurecht, die auf dem Tisch in einem Styroporklumpen steckt und ein wunderbar dadaistisches Stillleben abgibt.

Hirschhorn doziert oder teilt seine Gedanken mit dem Publikum, wie er das nennt. Und was kann ein Schweizer anderen beibringen, sagt der polyglotte Künstler, der inzwischen überall auf der Welt mit seinen Kunstprojekten auftreten kann? Das hierzulande gepflegte Arbeitsethos. Denn gibt es etwas Schweizerisches als Arbeit? Für Hirschhorn geht es hierbei um einen zweckfreien, emphatischen Begriff von Arbeit, den er ganz ohne Ironie zur Nachahmung empfiehlt.

Das Kunstprojekt von Thomas Hirschhorn auf dem Bahnhofplatz Biel ist noch bis 8. September in Betrieb.

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