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Corona in den NiederlandenDas Scheitern des Gutgelaunten

Die Niederlande fragen sich, wie sie derart in die Pandemie-Falle tappen konnten. Es hat wohl mit den ureigensten Eigenschaften des Landes zu tun, der Liberalität und der Freiheitsliebe. Aber leider auch mit Politikversagen.

Will einen «intelligenten» Lockdown: Premier Mark Rutte.
Will einen «intelligenten» Lockdown: Premier Mark Rutte.
Foto: Olivier Hoslet (Keystone)

Das Problem, das die Niederlande haben, lässt sich kaum treffender schildern als mit jenem 15-Sekunden-Clip, der vergangene Woche in sozialen Medien umging. Da wird ein junger Mann, offenbar Mundschutz-Skeptiker, vor einem Supermarkt interviewt. Er sagt, mit ehrlicher Begeisterung: «Ich finde es gut, dass wir in den Niederlanden selbst entscheiden können, was wir machen. Wissen Sie, wir sind clevere Leute.» Die Journalistin entgegnet: «Aber clevere Leute mit der höchsten Infektionsrate der Welt!», woraufhin der Mann die Augen senkt und murmelt: «Ich weiss, ich weiss.»

Das mit der höchsten Infektionsrate der Welt mag übertrieben sein, aber in Europa liegt das Land weit oben. Es läuft definitiv schlecht. Etwa 8000 Ansteckungen am Tag. Schon wieder gibt es zu wenig Intensivbetten. Man hat es in den Niederlanden nicht für nötig gehalten, die Zahl der 1800 Betten zu erhöhen. Es wird wenig getestet, die Gesundheitsämter sind völlig überfordert mit der Nachverfolgung von Kontakten, die für April angekündigte Covid-Warn-App ging soeben erst an den Start. Und Mundschutz? Eine Tragepflicht im öffentlichen Raum wurde eben erst erlassen, und von der Regierung geht eher die Botschaft aus, dass die «mondkapjes» nichts bringen.

Das Scheitern der Strategie

Eine leise Zerknirschung greift um sich, die in starkem Kontrast steht zu dem demonstrativen Stolz und der Lässigkeit, die die Niederländer in den ersten Monaten der Pandemie zur Schau trugen. Der Tenor damals: Die Sache lasse sich auch mit weniger strengen Massnahmen regeln; mehr sei den freiheitsliebenden Niederländern nicht zuzumuten. Entsprechend sprach Premier Mark Rutte von einem «intelligenten» Lockdown, was auch ein Seitenhieb war gegen Nachbarländer, die glaubten, das Virus mit Blut-Schweiss-und-Tränen-Massnahmen bekämpfen zu müssen. Viele Medien übernahmen den Begriff «intelligent» ohne Anführungszeichen und feierten Ruttes Besonnenheit. Es dominierte die Freude darüber, wie «gut organisiert» das Land sei. Kritik war kaum zu hören, und wenn, dann von jenen, denen der «viruswaanzin» noch viel zu weit ging.

Die erste Viruswelle überstand das Land leidlich, und als die Zahlen sanken im Sommer, stieg die Selbstgewissheit noch. Doch nun, da die Niederlande, wie Belgien, von einem «Tsunami» erfasst werden könnten, tauchen Fragen auf. Wie lassen sich die hohen Werte und das Scheitern der Strategie erklären? Hat es womöglich mit eben jenen «nationalen Eigenschaften» zu tun, auf die man sich so viel zugutehält? Verhindern die Liberalität, die die Niederlande für viele zu einem der lebens- und liebenswertesten Länder der Welt macht, und die Polder-Demokratie des gemeinsamen Aushandelns eine effektive Pandemiebekämpfung?

Peinliche Ferienreise: Willem-Alexander und Maxima brachen am Wochenende einen Griechenland-Trip ab.
Peinliche Ferienreise: Willem-Alexander und Maxima brachen am Wochenende einen Griechenland-Trip ab.
Foto: Patrick Van Katwijk (Keystone)

Völkerpsychologie steht hoch im Kurs. Der niederländische Geriater Rudi Westendorp zog in «De Volkskrant» einen Vergleich mit Dänemark, für dessen Corona-Krisenteam er längere Zeit tätig war. Dort sei das Virus erfolgreicher eingedämmt worden, weil sich der Einzelne intensiver als Teil einer Gruppe verstehe. «Du bist Teil der Gesellschaft, also muss die Gesellschaft für dich sorgen. Aber viel wichtiger ist, dass du dafür sorgst, dass die Gesellschaft gut funktioniert.» In den Niederlanden fehle dieses «kollektive Bewusstsein». Noch dazu würden einmal gefasste Beschlüsse nicht allgemein akzeptiert.

Das Gebaren des Monarchen

In die Kritik gerät auch Ruttes demonstrativer Optimismus, seine ewige Gutgelauntheit. Und dann ist da noch die peinliche, allen Corona-Empfehlungen hohnlachende Ferienreise der Königsfamilie nach Griechenland. Willem-Alexander und Maxima brachen den Trip am Wochenende wegen empörter Twitter-Kritik nach einem Tag ab. Rutte, politisch verantwortlich für das Gebaren des Monarchen, musste gestehen, von der Reise gewusst, aber nicht abgeraten zu haben.

35 Kommentare
    Jürgen Baumann

    Was für ein Vergleich mit den Niederlanden! Die Schweiz ist auch ein liberales Land - unsere Einwohner können selber denken. Deshalb folgen wir dem Muster "Alles nicht so schlimm!"Wir halten uns an den zeitlichen Verlauf der Infektionswelle.

    In der Phase 1 steigen die Infiziertenzahlen in den Nachbarländern. Kein Problem, denn hier sind die Zahlen ja noch stabil.

    In der Phase 2 steigen die Infiziertenzahlen auch im eigenen Land. Kein Problem, denn es wird auch mehr getestet. Da muss man auf die Positivitätsrate schauen.

    In der Phase 3 steigt die Positiven-Test-Rate. Kein Problem, denn die Intensivstationen sind ja noch fast leer.

    In der Phase 4 füllen sich die Intensivstationen. Kein Problem, denn es sterben immer noch total wenige daran.

    In der Phase 5 steigen die Totenzahlen. Kein Problem, denn es sterben ja nur Alte und Kranke.

    In der Phase 6 sterben Jüngere. Kein Problem, denn man kann ja nicht bei jeder Grippe so einen Aufstand machen. Das wäre ja auch viel zu teuer. Ausserdem sterben die an Hysterie und nicht an Corona.

    In der Phase 7 bricht das Gesundheitssystem zusammen, die Wirtschaft kollabiert, wir haben tausende Tote, es kommt zu Plünderungen, die Armee wird eingesetzt. Weisen wir nun alle Verantwortung von uns, denn wir haben doch gar keine Ahnung von diesen Dingen. Aber wir sind natürlich in Gedanken sind bei den Angehörigen und wir üben uns im Singen des schönen Chorals "Näher zu Dir, mein Gott!"

    Achtung: Dieser Beitrag kann Spuren von Sarkasmus enthalten.