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Samstagsgespräch mit Tech-Insiderin«Das Silicon-Valley wird von Baby-Tyrannen regiert»

Sie lernte das Silicon-Valley als Mitarbeiterin eines Start-ups von innen kennen. Dann kündigte Anna Wiener desillusioniert. Die Aussteigerin weiss, was für die Tech-Industrie wirklich zählt.

Silicon-Valley-Aussteigerin Anna Wiener: «Wir waren ständig online für die Firma – auch in der Nacht und am Wochenende.»
Silicon-Valley-Aussteigerin Anna Wiener: «Wir waren ständig online für die Firma – auch in der Nacht und am Wochenende.»
Foto: PD

Wenn von der Zukunft die Rede ist, erwähnen alle stets das Silicon Valley. Können SIE mir endlich einmal erklären, was das Valley genau ist?

Das Valley ist die südliche Bucht von San Francisco, wo massenhaft Start-ups gegründet werden und wo Tech-Giganten wie Facebook, Google …

… danke, aber ich glaube, dass können alle, na ja ... googeln. Was steckt hinter dem Begriff wirklich? Sie waren fünf Jahre lang Teil davon.

O.k., lassen Sie es mich so beschreiben: Das Valley ist ein geografischer Punkt, ein Power-Center und eine Idee. Da ist auch viel Mythologie dabei. Alle sind smart, ehrgeizig und mit einem fokussierten Blick auf eine Zukunft, die voller Opportunities, Möglichkeiten, ist. Das Valley ist geprägt von der Idee, dass private Firmen die Welt retten können.

Ist es nicht so? Die Tech-Industrie, zu einem grossen Teil im Silicon Valley beheimatet, steuert mittlerweile unser Verhalten: wie wir einkaufen, uns bewegen, kommunizieren.

Klar, der Einfluss des Valleys ist gigantisch, und es ist tatsächlich so, dass viele Innovationen von dort kommen. Gerade im Biotechbereich tut sich viel. Aber trotzdem muss man ehrlich genug sein, um auch den Gap zu sehen: den Unterschied zwischen Realität und Erzählung. In diesem Eldorado der Technologie ist man sehr gut darin, alles in eine Geschichte zu packen. Es geht immer ums grosse Ganze, darum, dass es vorwärts geht und die Welt ein besserer Ort wird.

Also einfach ein Marketingtrick?

Nein. Die Menschen dort glauben es wirklich. Darum ist es ja auch so verführerisch.

Auch Sie liessen sich verführen. In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Sie 2013 in San Francisco bei einem Start-up anheuerten.

Ja, ich hatte null Programmiererfahrung. Doch sie brauchten Leute, die die Kunden unterstützten, ihre Fragen beantworteten. Man kann sich einlesen, dazu ist kein Informatikstudium nötig.

«Ich fühlte mich nützlich, ernst genommen. Das war eine neue Erfahrung für mich.»

Anna Wiener

Sie waren vorher in einem New Yorker Buchverlag angestellt. Warum dieser Wechsel?

Eben, da war viel von Zukunft die Rede, Möglichkeiten, Chancen, Wachstum. Das war aufregend. Ich war 25 und wollte dabei sein. Und dann wurde ich nach einem seltsamen Einstellungsverfahren aufgenommen und Teil einer Community. Es war eine neue Erfahrung für mich, ernst genommen zu werden. Ich fühlte mich nützlich und Teil von etwas Grösserem, das funktioniert.

Und Sie hatten einen coolen Arbeitsplatz.

Das erste Büro war noch sehr karg, mit viel leerem Raum. Die Firma sollte ja noch wachsen. Später arbeitete ich in einer ehemaligen Früchtefabrik mit offener Küche, wo es gratis zu Essen gab und der Kühlschrank stets mit Bier gefüllt war. Da stand ein Pingpongtisch. Und wir feierten viele Partys im Büro.

Klingt nach Spass. Wurde auch gearbeitet?

Unablässig. Denn genau darum geht es ja: Freizeit und Arbeit vermischen sich an solchen Orten. Darum sind diese Büros im Silicon Valley auch so angelegt worden. Pingpongtische, bequeme Sitzgelegenheiten. Nach dem Bier gingen wir zurück vor den Computer und arbeiteten weiter. Wir waren ständig online für die Firma – auch in der Nacht und am Wochenende.

Niemand hat Sie dazu gezwungen. Warum schufteten Sie dennoch so viel?

Weil ich down-for-the-case war, im Dienste einer höheren Sache. Das war das Motto der Firma. Für den CEO war dies das Mantra. Stellte er einem Mitarbeiter irgendwann die Frage, ob er wirklich noch down-for-the-case sei, hatte dieser ein ernstes Problem. Aber der Chef musste diese Frage nicht oft stellen. Wir waren alle sehr loyal, sehr motiviert.

Sie arbeiteten für ein Datenanalyse-Start-up. Was machte dieses genau?

Das Start-up verkaufte eine Software, die Daten sammeln und analysieren konnte. Andere Firmen verwendeten dieses Tool, um sehr genaue Daten über ihre User zu erhalten. Das half ihnen, um Websites und Apps zu verbessern – und die User zielgerichteter anzugehen.

«Es hiess immer nur, wir seien auf der guten Seite, no problem.»

Anna Wiener

Haben Sie mit Ihren Kollegen den richtigen Umgang mit sensiblen Daten diskutiert?

Auf einem technischen Level: ja. Aber die vielen ethischen Fragen, die Datensicherheit mit sich bringt, waren kein Thema. Eine solche nuancierte Debatte war nicht down-for-the-case und hätte nur das Wachstum verlangsamt. Nicht einmal als Edward Snowden den NSA-Skandal aufdeckte, diskutierten wir intern darüber. Es hiess immer nur, wir seien auf der guten Seite, no problem.

Und waren Sie denn auf der guten Seite?

Es ist kompliziert. Die wichtigen Gespräche, jene zur Speicherung der Daten, jene zur Überwachung, fanden nicht statt. Für die meisten Mitarbeiter blieb das alles abstrakt. Es war einfach für uns, nicht genau hinzuschauen. Vor allem ging alles so schnell, es blieb nie genug Zeit, um innezuhalten und zu reflektieren.

Wäre das nicht die Aufgabe der Chefs gewesen?

Unser CEO war damals 24 Jahre alt, ein Jahr jünger als ich. Er war beschäftigt damit, das Business aufzubauen. Ein Start-up, das auf Venture-Kapital aufgebaut ist, muss schnell wachsen. Da blieb wirklich keine Zeit für Ethikdebatten.

In Ihrem Buch bezeichnen Sie die Tech-Chefs als Baby-Tyrannen. Nicht nett.

(lacht) Sie werden es überleben.

«Es ist eine wettbewerbsorientierte, schnelle, paranoide Kultur. Die Menschen üben ihre Macht auf ganz eigene Weise aus.»

Anna Wiener

Warum diese harsche Typisierung?

Es geht um einen bestimmten Führungsstil. Das Silicon Valley ist voll von jungen Leuten, vor allem Männern, die viel Macht haben. Es ist eine wettbewerbsorientierte, schnelle, paranoide Kultur. Die Menschen üben ihre Macht auf ganz eigene Weise aus.

Der Gedanke ist beunruhigend, dass ausgerechnet solche Menschen sehr viel Macht haben.

Natürlich sind nicht alle so. Aber ja, der Mangel an Verantwortungsgefühl ist bei vielen Führungsfiguren im Silicon Valley ausgeprägt. Sie verdienen Milliarden und tun Dinge schlicht aus dem Grund, weil sie es können; weil sie der technische Aspekt interessiert; weil es Abläufe optimiert. Dass dies zur Disruption ganzer Wirtschaftszweige geführt hat oder führt, wissen wir mittlerweile.

Zum Beispiel?

Uber für die Taxibranche. Amazon für Shopping. Es gibt unzählige weitere Beispiele.

Ist das nicht einfach der freie Markt, der spielt?

Natürlich gehören zu einer Entwicklung auch Veränderungen. Aber wie viele und wie rasch, ist eine andere Frage. Was ich aus meiner Zeit im Silicon Valley mit Sicherheit sagen kann: Es gab kaum Regulatorien, kaum Gegenwind. Das sah man auch an der Presse, die lange euphorisch über die Brillanz und Kreativität der Tech-Firmen berichtete. Und über die tollen Arbeitsbedingungen, das Gym, die Sofalandschaften.

Mit Verlaub, aber Sie klingen wie jemand, der all dies etwas vermisst.

Ich vermisse es nicht, aber ich tat mich mit dem Austritt aus diesem exklusiven Club tatsächlich schwer. Plötzlich gehört man nicht mehr dazu. Alle Zugänge zu den firmeninternen Chatforen sind gelöscht. Geht ganz schnell. Aber ich bereue nichts.

«Ich konnte mich nicht mehr mit diesem Effizienzfetisch identifizieren.»

Anna Wiener

Warum?

Ich war nicht mehr down-for-the-case. Ganz einfach. Ich konnte mich nicht mehr mit diesem Effizienzfetisch des Valley identifizieren.

In Ihrem Buch beschreiben Sie auch von grassierendem Sexismus. Von schwingenden Penis-Memes, die interne Chats schmücken. Von Mitarbeitern, die eine Rangliste führen über fickbare Kolleginnen. Hat dies Ihre Entscheidung, zu kündigen, erleichtert?

Es hat es mir sicherlich nicht schwerer gemacht. Das Problem geht aber über die Verfehlungen Einzelner hinaus. Das ganze System hat meiner Meinung nach ein Problem. Es wurde zwar einiges gemacht, etwa Manager eingestellt, die die Diversität fördern. Aber da ist immer noch viel zu tun.

Ist denn die Tech-Branche besonders sexistisch?

Ich glaube nicht. Die Arbeitswelt im Ganzen ist es wohl.

Mittlerweile schreiben Sie für den renommierten «New Yorker» – über die Tech-Branche. Richtig los kommen Sie vom Thema nicht.

Ja. Es ist ja nicht so, dass diese Branche nur schlecht ist. Und langweilig schon gar nicht. Es passiert ja ständig was.

«Ich achte sehr darauf, was ich preisgebe im Internet, welche meiner Daten ich verschenke.»

Zum Beispiel wurde kürzlich Twitter gehackt. Accounts von Promis oder Politikern wie Joe Biden wurden von Unbekannten überschrieben. Was haben Sie gedacht, als Sie davon erfuhren?

Ich war etwas überrascht, obwohl ich nicht hätte überrascht sein sollen. So wie ich es verstehe, wurden die Hacks durch lockere Richtlinien bezüglich des Zugriffs von Mitarbeitern auf Benutzerdaten ermöglicht. Es gibt viele Möglichkeiten, von Technologieunternehmen enttäuscht und desillusioniert zu werden.

Was tun als User? Ich zum Beispiel hätte Schwierigkeiten, ganz auf Social Media zu verzichten.

Ich übrigens auch. Doch ich will hier niemanden bevormunden, ihm sagen, was er zu tun hat. Zudem befinden wir uns, zumindest hier in Kalifornien, mitten in einer Pandemie. Alle sind nur noch online.

Die Apps aus dem Silicon Valley sind wichtiger denn je. Es ist verzwickt.

(seufzt) Ja, das ist es.

Sehen Sie einen Ausweg?

Na ja. Seit ich auf der anderen Seite gestanden habe, bin ich viel vorsichtiger geworden. Ich achte sehr darauf, was ich preisgebe im Internet, welche meiner Daten ich verschenke. Ich hoffe, dass das Bewusstsein bei den Konsumenten in dieser Hinsicht ebenfalls noch weiter wächst.

Und auf der Produzentenseite? Gibt es im Silicon Valley ein Bewusstsein dafür, dass diese Macht über Milliarden von Daten viel Verantwortung mit sich bringt?

Es sind Ansätze da. Es gab jüngst mehrere Aktionen von Angestellten bei Microsoft, Facebook und Amazon. Das ist ermutigend. Aber im Silicon Valley existiert ja nicht einmal eine Tech-Gewerkschaft.

In Zürich hingegen gibt es eine solche seit kurzem. Der Schweizer Entwicklungsstandort, mit 4000 Mitarbeitern der grösste ausserhalb der USA, verfügt neu über eine gewählte Personalvertretung.

Tatsächlich? Das wusste ich nicht. Ich muss alles darüber lesen!