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Spektakulärer Fall in NorwegenDer Ehemann als Mörder?

Im Fall der verschwundenen norwegischen Millionärsfrau Anne-Elisabeth Hagen spielt der Ehevertrag eine zentrale Rolle – ein ganz und gar zweifelhaftes Dokument.

Die Polizei durchsuchte das Anwesen des Norwegers noch am Tag seiner Festnahme.
Die Polizei durchsuchte das Anwesen des Norwegers noch am Tag seiner Festnahme.
Foto: Heiko Junge (Keystone)

Eines hat sich nicht geändert: Anne-Elisabeth Hagen ist verschwunden, bis heute gibt es keine Spur von der Frau. Anne-Elisabeth Hagen ist die Ehefrau von Tom Hagen, einem der reichsten Männer Norwegens. Ihre vermeintliche Entführung, die die Polizei nach zehn Wochen der Geheimhaltung erst im Januar 2019 öffentlich machte, wurde für die Behörden und die Öffentlichkeit des Landes schnell zu einem der spektakulärsten Kriminalfälle der jüngeren Geschichte. Quälend lange schien die Polizei im Dunkeln zu tappen. Als sie aber am Dienstag dieser Woche zuschlug, da war der Fall mit einem Mal noch eine Umdrehung spektakulärer.

Die Polizei spricht jetzt nicht mehr von Entführung, sie spricht von Mord. Und als mutmasslichen Mörder hat sie festgenommen: Tom Hagen, den Ehemann. Am Mittwoch wurde er dem Haftrichter vorgeführt.

«Die Polizei ist jetzt der Meinung, dass es nie eine Entführung gegeben hat», sagte Polizeisprecher Tommy Brøske. Man gehe von einem «geplanten Verbrechen» aus. Wenn die Polizei recht behalte, schrieb die Zeitung Aftenposten, dann «stehen wir hier vor dem bestgeplanten Mord der norwegischen Rechtsgeschichte». Der Beschuldigte selbst bestreitet die Vorwürfe. «Er behauptet nachdrücklich, nichts damit zu tun zu haben», sagte Tom Hagens Anwalt Sven Holden.

Alle Einkünfte sind öffentlich einsehbar

Entführungen sind selten im friedlichen Norwegen, auch deshalb hatte der Fall das Land Anfang vergangenen Jahres aufgewühlt. Kommentatoren befürchteten damals gar, die traditionell offene und zugängliche norwegische Gesellschaft könne nun ihre «Unschuld» verlieren: In Norwegen kann jeder die Steuererklärungen und Einkünfte eines jeden Bürgers öffentlich nachsehen. War die Entführung nun ein Beleg dafür, dass diese Praxis wohlhabende Norweger zur Zielscheibe für Kriminelle macht? Die Polizei schaltete Europol und Interpol ein, eine Verbindung zu Kriminellen im Ausland wurde nicht ausgeschlossen.

Die Umstände schienen aussergewöhnlich zu sein: Tom Hagen hatte angegeben, am Tag des Verschwindens seiner Frau aus dem gemeinsamen Haus im Ort Lørenskog unweit von Oslo einen Erpresserbrief in gebrochenem Norwegisch vorgefunden zu haben. Darin wurde ein Lösegeld von umgerechnet 9.5 Millionen Schweizer Franken gefordert, zu zahlen in der Kryptowährung Monero, die mehr noch als andere Kryptowährungen auf Anonymität setzt.

In den Folgemonaten kam es dann mehrfach zum Kontakt mit den angeblichen Entführern, die Kommunikation habe über Bitcoin und verschlüsselte E-Mails stattgefunden, schreibt die norwegische Presse. Und obwohl es nie das geforderte Lebenszeichen der Entführten gab, entschied sich Tom Hagen im Juli, eine erste Tranche von umgerechnet 1,4 Millionen Euro zu zahlen.

Haus verwanzt, Telefon abgehört

Wie die Zeitung Verdens Gang schreibt, hatte die Polizei da schon Tom Hagen selbst als möglichen Täter im Verdacht. Die Beamten hätten in dem Sommer Hagens Haus verwanzt und auch dessen Telefon abgehört.

Hagen verdiente sein Geld vor allem mit dem Verkauf von Immobilien und von Strom. Die Firma Elkraft, an der er 70 Prozent der Anteile hält, liefert Strom in die gesamte nordische Region. Sein Vermögen wird auf 1,7 Milliarden norwegische Kronen geschätzt, umgerechnet 160 Millionen Schweizer Franken. Nachbarn und Bekannte beschrieben das Ehepaar als zurückhaltend. Die beiden hatten sich schon in der Schule ineinander verliebt und im Alter von 19 Jahren geheiratet, sie haben drei erwachsene Kinder.

Ihr Mitbringsel in die Ehe: ein Citroën

Mehrere Zeitungen meldeten nun, Anne-Elisabeth Hagen habe offenbar über eine Scheidung nachgedacht. Der Sender NRK veröffentlichte Details aus dem 1987 geschlossenen Ehevertrag, ein ungewöhnliches Dokument, demzufolge der Ehefrau im Falle der Scheidung einzig und allein der Gegenwert ihres damaligen Autos zugestanden hätte, eines Citroën. Verdens Gang zitierte Experten, die sagten, der Vertrag sei so einseitig verfasst, dass er von einem Scheidungsgericht möglicherweise für null und nichtig befunden wäre. «Im schlimmsten Falle», heisst es in dem Artikel, «hätte eine Scheidung Tom Hagen die Hälfte seines Vermögens kosten können.»