Der kleine Krieger der Toleranz

Der grosse indische Schriftsteller Kiran Nagarkar haderte oft mit seinem Heimatland. Nun ist er mit 77 Jahren gestorben.

Kiran Nagarkar war im Jahre 2011 Gastautor in Zürich. Foto: Nicola Pitaro

Kiran Nagarkar war im Jahre 2011 Gastautor in Zürich. Foto: Nicola Pitaro

Martin Ebel@tagesanzeiger

«I am an intermittent writer», sagte er mir lächelnd, als ich ihn 2011 in Zürich traf. Da war er der zweite Writer-in-Residence des Literaturhauses, bis heute ist er einer der prominentesten geblieben. Kiran Nagarkar gilt als einer der wichtigsten Autoren Indiens. Und doch konnte er nie vom Schreiben leben, sein Geld verdiente er in der Werbung. Deshalb «intermittent writer».

In Zürich konnte er mal länger am Stück schreiben, hier entstand «The Extras», der zweite Teil seiner Romantrilogie, die mit «Ravan und Eddie» 1994 begonnen hatte. Die Hauptrolle darin spielt ein «Chawl», ein Mietshaus für Arme, vier Stockwerke von Hindus, das fünfte von Christen bewohnt, pro Raum eine Familie, also bis zu zehn Personen. So arm die Verhältnisse, so stark die Emotionen, so reich der Stil: Um die beiden Hauptfiguren wimmelt es geradezu von Liebe und Streit, von Neid, Intrigen, Gewalt und Sex. Nagarkar, im persönlichen Umgang ein überaus liebenswürdiger, um seinen Besucher rührend besorgter Mann, liebt sprachlich das Krasse, hat es gern burlesk, satirisch, karikatural. Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es manchmal weniger als ein Schritt.

Wider den Fanatismus

In seinem ersten Roman «Sieben mal sechs ist dreiundvierzig» katapultierte er das Marathi, seine Muttersprache, gleichsam in die literarische Moderne. Dass er seine folgenden Werke dann auf Englisch schrieb, nahmen ihm viele Inder übel. Wie ihnen manches an Nagarkars Werken übel aufstiess. Sein Theaterstück «Bedtime Story», eine ins Zeitgenössische transponierte Fassung des Epos Mahabharata, brauchte 17 Jahre, bis eine Bühne sich an eine Aufführung traute. Und seine «Ravan und Eddie»-Trilogie wurde von den einen als «anti-hinduistisch», von den andern als «anti-christlich» geschmäht.

Religiöser Fanatismus steht im Zentrum von Nagarkars wohl bekanntestem Roman, «Gottes kleiner Krieger» (2006). Es war die Sensation des Indien-Schwerpunkts der Frankfurter Buchmesse und wurde in viele Weltsprachen übersetzt. In Indien dagegen war es, in Nagarkars eigenen Worten, «ein totaler Flop». Es erzählt die Geschichte von Zia, der sich vom Islamisten zum radikalen Christen und schliesslich zum extremistischen Hindu entwickelt: derselbe Fanatismus, nur in jeweils anderem Gewand. Es stellt, wenn man so will, den Gegenpol zu Lessings Ringparabel dar: Betont diese die Weisheit, die in allen Weltreligionen liegt, so zeigt «Gottes kleiner Krieger», wie sie in Extremismus und Fanatismus ausarten können und ihr Wesen verraten. Zia, dem «Auserwählten», gibt Nagarkar einen Antipoden, seinen Bruder, einen Zweifler und Spötter. Er macht den Roman nicht nur erträglich, sondern zum Vergnügen.

Indien auf falschem Weg

Nagarkar selbst haderte oft mit Indien, das seine grossartige geistige Tradition, auch die Tradition der Friedfertigkeit, von Buddha bis Gandhi, vergessen habe. Er haderte mit Mumbai, wo er 1942 zur Welt kam und das sich von einer liebenswerten Stadt, «schön wie Paris», zu einem lärmumtosten Moloch entwickelt hat. Indien gehe den falschen Weg, den Weg Chinas zur Supermacht, kritisierte er immer wieder, auch in unserem Gespräch, statt sich um die überwältigenden Probleme zu kümmern – die Armut, die Korruption, den Verkehrsinfarkt.

In Zürich mochte er die Bäume, das viele Grün. Und die Ruhe. Am Donnerstag ist Kiran Nagarkar nach einem Hirnschlag 77-jährig in seiner Heimatstadt gestorben. Der «zeitweilige Schriftsteller» hat ein bedeutendes Werk hinterlassen.

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