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Tennis in Corona-ZeitenDer Neustart wird zum Murks

Positive Corona-Tests, immer weitere Turnierabsagen, ein US Open ohne Federer und Nadal: Die Tour tut sich schwer, aus dem Stillstand zum kommen.

Trug in Palermo beim Einspielen eine Schutzmaske: Camila Giorgi beim ersten WTA-Turnier nach der fünfmonatigen Corona-Pause.
Trug in Palermo beim Einspielen eine Schutzmaske: Camila Giorgi beim ersten WTA-Turnier nach der fünfmonatigen Corona-Pause.
Foto: Getty Images

Palermo ist diese Woche der erste Schauplatz eines Weltranglistenturniers, seit der Tenniszirkus seine Zelte vor Indian Wells Anfang März abrupt abbrechen musste. Die Meldungen aus Sizilien sind allerdings nicht sehr beruhigend. Nachdem schon in der Qualifikation eine Spielerin wegen eines positiven Tests auf das Coronavirus hatte abreisen müssen, wurde inzwischen klar, dass die Sicherheitsvorkehrungen ziemlich lasch gehandhabt werden. So wohnen die Spielerinnen in einem Hotel gemeinsam mit Touristen und können sich auch fast ungehindert bewegen.

«Sie sagen zwar, dass wir hier in einer Blase seien, aber das ist überhaupt nicht der Fall», gab die Kroatin Donna Vekic freimütig zu. «Ich kann doch nicht behaupten, ich sei eingesperrt im Hotelzimmer, wenn ich es nicht bin. Und das trifft auf 90 Prozent der Spielerinnen zu.» Sie sei sogar in der Stadt zum Dinner gewesen.

Die negativen Nachrichten aus dem Profitennis folgen sich momentan täglich. Am Dienstag kamen sie aus Spanien, wo Rafael Nadal seinen Verzicht auf das US Open erklärte – die Reise ist dem Vorjahressieger wegen der Corona-Pandemie zu gefährlich. Erstmals seit dem US Open 1999 werden damit in New York sowohl Roger Federer (erholt sich von seiner Knieoperation) als auch Nadal fehlen. Ebenfalls am Dienstag wurde die Absage des Masters-Turniers von Madrid offiziell; es hätte unmittelbar nach dem US Open die kurze Sandsaison eröffnen sollen. Ausschlaggebend waren dabei die lokalen Behörden.

Rafael Nadal mit Schutzmaske im Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud in Istanbul: Der Spanier reist aus Respekt vor dem Coronavirus nicht zur Titelverteidigung nach New York.
Rafael Nadal mit Schutzmaske im Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud in Istanbul: Der Spanier reist aus Respekt vor dem Coronavirus nicht zur Titelverteidigung nach New York.
Foto: Getty Images

Noch immer auf dem Programm stehen die Sandturniere in Rom (ab 20. September) und danach Roland Garros. Die ATP hat die italienischen Veranstalter nach der Annullation von Madrid gebeten, das Tableau auf 96 Spieler zu vergrössern, und ist bereit, für zusätzliches Preisgeld aufzukommen. Wie in Paris sollen auch im Foro Italico Zuschauer zugelassen werden. Das Turnier bemüht sich zudem um eine Bewilligung, dass sich aus den USA zurückkehrende Spieler nicht in Quarantäne begeben müssen.

Viel rigoroser geht der amerikanische Tennisverband Usta vor. In New York, wo ab 22. August zuerst das von Cincinnati gezügelte Masters- und WTA-Turnier und danach das US Open ausgetragen werden, sind die Schutzvorkehrungen bis ins Detail geregelt. Am Dienstag wurde den Spielerinnen und Spielern mitgeteilt, dass niemand die Turnier-Blase ohne schriftliche Bewilligung wird verlassen dürfen unter Androhung von Disqualifikation und Bussen. Dies ist allerdings im Sinne vieler, darunter auch Andy Murray, der sich für harte Sanktionen gegen Regelbrecher starkgemacht hat.

24-Stunden-Überwachung – auf eigene Rechnung

Wer in New York eine Privatwohnung den offiziellen Hotels vorzieht, muss diese über den US-Verband buchen, sich an strenge Sicherheitspläne halten und die Kosten übernehmen, um 24 Stunden pro Tag geschützt und überwacht zu sein. Besuche sind streng limitiert. Jeder US-Open-Teilnehmer darf drei Begleiter akkreditieren, wovon allerdings immer nur einer auf den Courts, in den Garderoben oder den Aufenthaltsräumen sein darf.

Gemäss dem US-Verband soll aus dem Ausland anreisenden Spielern die Quarantäne erspart bleiben. Nach der Ankunft in New York müssen sich aber alle zwei Corona-Tests unterziehen, die etwa 48 Stunden auseinanderliegen. Wer während des Turniers positiv getestet wird, muss zehn Tage in Isolation. Fertig ist das Turnier auch für jene, die ihr Zimmer mit jemandem teilen, der positiv getestet wird.

Im Bestreben, möglichst wenig Leute auf die Anlage zu lassen, hat der amerikanische Verband auch die Organisation gestrafft und den Einsatz elektronischer Linienüberwachung beschlossen. Nur noch in den zwei grössten Arenen werden die Linien von Menschen überwacht. Das elektronische System, das mit computersimulierten Stimmen arbeitet und «Hawk-Eye live» genannt wird, wurde schon an mehreren Turnieren erfolgreich getestet. Sein Einsatz erlaubt es, die Zahl der Linienrichter von über 300 auf weniger als 100 zu reduzieren.

Aussterbende Spezies: Beim US Open wird die Zahl der Linienrichter von über 300 auf unter 100 reduziert.
Aussterbende Spezies: Beim US Open wird die Zahl der Linienrichter von über 300 auf unter 100 reduziert.
Foto: Getty Images

Trotz etlicher prominenter Absagen sieht das Teilnehmerfeld des US Open zurzeit noch gut aus. Von den jeweils besten 30 der Weltrangliste sagten bisher erst fünf Männer und drei Frauen offiziell ab – neben Nadal und Federer auch Gaël Monfils, Fabio Fognini und Stan Wawrinka, im Frauenturnier Ashleigh Barty, Qiang Wang sowie Anastasia Pawljutschenkowa. Diese Liste ist allerdings sehr provisorisch und dürfte in den drei Wochen bis zum Turnierstart noch um einiges wachsen – je nachdem, als wie löchrig sich die Blase noch erweist, in der in den kommenden Wochen Profitennis gespielt werden soll.

Noch nicht über einen Start in New York entschieden hat auch Belinda Bencic, eine letztjährige Halbfinalistin. Die St. Gallerin spielt momentan mit Chiasso im Interclub, der am Wochenende mit der Finalrunde in Winterthur zu Ende geht. Schon kommende Woche will Jil Teichmann in den USA (Lexington) zum zweiten WTA-Turnier nach der Pandemie-Pause antreten. Die Bielerin hatte letztes Jahr das Turnier von Palermo gewonnen, weshalb es ihr wegen der Corona-bedingten Einfrierung der Weltrangliste nichts gebracht hätte, ihren Titel in Sizilien zu verteidigen. Dieser Aspekt dürfte auch US-Open-Vorjahressieger Nadal den Verzicht auf die Reise nach New York deutlich erleichtert haben. Dafür kann er jetzt seine neue Jacht etwas länger geniessen.