Zum Hauptinhalt springen

Wilde Kunst aus dem JuraDer poetische Wüterich

Der Jurassier Augustin Rebetez hat für seine Videoarbeit «Liquid Panic» den Medienkunstpreis Sehnerv erhalten. Ein Besuch in seinem Zuhause in Mervelier.

Eine «poetische Wut» treibe ihn an: Die Kunst von Augustin Rebetez (34) eint eine «Transformation der Realität», wie der Künstler sagt.
Eine «poetische Wut» treibe ihn an: Die Kunst von Augustin Rebetez (34) eint eine «Transformation der Realität», wie der Künstler sagt.
zvg

Der Bus ab Delémont fährt durch eine verschneite Landschaft, vorbei an einer Gruppe von Rehen, mit Zwergen besetzten Gärten und verwunschenen Gaststätten. Endstation: Mervelier, scierie. Und wie der Name es besagt, steht hier eine Sägerei. Und nach einigen Metern zu Fuss ein grosses Haus, in dem der Künstler Augustin Rebetez lebt.

Vor der Haustür steht ein grotesker Kerl mit einer langen, spitzen Nase: Es ist eine Skulptur von Rebetez, die hier wirkt wie ein Türsteher am Tor zum Universum des Künstlers. In Rebetez’ Haus, das gleichzeitig sein Atelier ist, gibt es zahlreiche Zeichnungen, Wandmalereien und selbst gestaltete Teppiche. Es sei das Haus seiner Familie, in dem er mit seiner Freundin, einer Tänzerin, lebe, erklärt der 34-jährige Rebetez einen Kaffee brauend und Weihnachtsgebäck offerierend. Hier ist er mit seinen Eltern und mit drei Geschwistern aufgewachsen. Sein Vater ist der Autor und Journalist Pascal Rebetez, eine seiner Schwestern ist die unkonventionelle Tänzerin und Clownin Eugénie Rebetez. «Ich schätze das Leben in diesem Haus auf dem Land, wo ich Freunde einladen und Feste feiern kann, wann immer ich will», sagt Rebetez.

Rebetez’ Atelier befindet sich im Haus, in dem er aufgewachsen ist.
Rebetez’ Atelier befindet sich im Haus, in dem er aufgewachsen ist.
zvg

Kollaboration sei für seine Kunst wichtig. Er zeigt uns auf dem Laptop sein Video «Liquid Panic». Es handelt von unserem Umgang mit Flüssigkeiten, gedreht hat Rebetez es rund ums eigene Haus. Im Video treiben es Performer unter Rebetez’ Regie im wahrsten Sinne des Wortes bunt: Farbe wird auf Schnee geschüttet, Schwämme werden geworfen, Wasser aus Gummistiefeln getrunken, Pappbecher zerdrückt, Messer auf Wasserballone geschossen oder mit einer Axt herumgefuchtelt. Dieser rasante Reigen ist voller Dynamik und Zerstörungswut.

Überzogener Aktionismus

Man denkt bei «Liquid Panic» an die Energie der jungen Niki de Saint Phalle (1930–2002), die einst mit «Schiessbildern» das Patriarchat ins Visier nahm. Oder an ihren Partner Jean Tinguely (1925–1991), der in den Siebzigerjahren auch mal zur Kanone griff, um mit Mehl und Konfetti sinnbildlich auf den Kapitalismus zu feuern.

«Ich finde es amüsant, dass gerade dieses Video einen Preis bekommen hat», sagt Rebetez, der für den durch schnelle Cuts faszinierenden «Unsinn» verantwortlich ist. Rebetez ist der Preisträger des mit 5000 Franken dotierten Sehnerv-Medienkunstpreises 2020. Die Organisation hat ihren Sitz in Bern und wird «Liquid Panic» unter anderem im Progr präsentieren, sobald dies wieder möglich sein wird.

Das Werk treffe den «Sehnerv» unserer Zeit und besteche «mit seiner anarchischen Lust am völlig überzogen inszenierten Aktionismus», lobt die Jury. «Liquid Panic» führe ausserdem vor Augen, wie sehr im Jahr 2020 Party, Enthemmung, Freiheit und Angstlust auf der Strecke geblieben seien. Auf Corona angesprochen, sagt Rebetez, es gehe ihm den Umständen entsprechend gut. «Niemand in meiner Familie ist krank geworden, und ich wurde finanziell vom Staat unterstützt.»

Transformation der Realität

Rebetez ist bekannt für wild wuchernde Installationen, in die er Gemälde, Skulpturen und Videos integriert. Unter anderem wird er von der Zürcher Galerie Nicola von Senger vertreten. «Ich habe ursprünglich die École de Photographie in Vevey absolviert mit dem Ziel, Filmer zu werden», erzählt der Künstler, der auch Mitbegründer zweier schräger Bands ist.

«In meiner Kunst geht es um die Transformation der Realität», beschreibt er den gemeinsamen Nenner seines ausufernden Schaffens. Rebetez arbeitet mit Formen und Figuren, die an sogenannt primitive Kunst denken lassen. Ausserdem hat er ein Faible für Fundgegenstände, Kostüme und Maskeraden. Er sei getrieben von einer «rage poétique», einer poetischen Wut. Aus alten Ballettschuhen seiner Schwester, die er auf dem Dachboden gefunden hatte, fertigte er ein melancholisches Stillleben. Seine Fotomodelle sind meist Freunde von ihm, manchmal tritt er auf Fotografien auch selbst in Erscheinung, zum Beispiel als böser Joker im roten Kapuzenpulli. Während dieser bekanntlich Böses vorhat, geht es Rebetez um das Schaffen eines Gesamtwerks, das Mixen von Genres und um eine «poetische Revolution».

Website des Künstlers: www.augustinrebetez.com