Der Pokalschreck fordert die Bayern

Der SV Rödinghausen spielt zwar in der Regionalliga West, hat aber im deutschen Cup schon manchen Grossen überrascht. Nun kommt der Rekordmeister.

Nur Public Viewing im Heimstadion: Für das Spiel gegen die Bayern muss der SV Rödinghausen nach Osnabrück ausweichen.

Nur Public Viewing im Heimstadion: Für das Spiel gegen die Bayern muss der SV Rödinghausen nach Osnabrück ausweichen.

(Bild: Keystone)

Vier Schläge hat der Bürgermeister diesmal zur Eröffnung des Oktoberfests gebraucht, aber er beteuert, er habe es schon mit zweien geschafft. Ernst-Wilhelm Vortmeyer, 64, ist «Ur-Rödinghauser», wie er sagt. Ein eher introvertierter Ostwestfale trägt beim Fass-Anstich keine Krachlederne und brüllt auch nicht «Ozapft is», wofür man beim ausverkauften Oktoberfest des örtlichen Rassegeflügelzuchtvereins allerdings Verständnis aufbrachte.

Die Mass kostete in der örtlichen Mehrzweckhalle schlanke 6,80 Euro, und dann traten ja auch noch die «Bayern-Stürmer» auf. Das waren in diesem Fall bayerisch kostümierte Gaudi-Musikanten aus Niedersachsen und nicht jene Fussballer, auf die sich der SV Rödinghausen mit seinem Präsidenten Vortmeyer an diesem Dienstag freut. Der Fünfte der Regionalliga West empfängt die Champions-League-Mannschaft vom FC Bayern München.

Seit der Auslosung vor zwei Monaten befindet sich die 10'000-Einwohner-Gemeinde im nordöstlichsten Zipfel Nordrhein-Westfalens im Bayern-Fieber, und das einzige, was Vortmeyer «ein bisschen traurig» stimmt, ist der Umstand, dass das Zweitrunden-Pokalspiel im 34 Kilometer westlich gelegenen Stadion des Drittligisten VfL Osnabrück ausgetragen wird.

Die Bayern in Rödinghausen, und das live in der ARD – das hätte dem Bürgermeister gefallen, und beim SV Rödinghausen hätten sie stolz ihre Umkleidekabinen im Wiehenstadion herzeigen können, die vor sieben Jahren nach Vorbild der Kabinen in der Münchner Arena gebaut wurden. Die Tribünen bieten allerdings bloss Platz für 2800 Menschen. Deshalb zieht man um an die «Bremer Brücke», wo 16'600 Menschen zuschauen können und wo die Rödinghauser sich zusammen mit der Zweitrundenprämie von 321'000 Euro Gesamteinnahmen in ansehnlicher sechsstelliger Höhe sichern.

Als Retortenclub diskreditiert

Das ist immer noch viel Geld für einen Club, den sie in den Jahren zwischen 2009 und 2014 auf den Fussballplätzen des Kreises Herford als «Millionentruppe» und «Retortenclub» diskreditiert haben. Grund dafür waren die Zuwendungen des Rödinghauser Küchenfabrikanten Horst Finkemeier. Der heute 79-Jährige war der Legende nach ganz unverfänglich mit einer Trikotspende für eine Bubenmannschaft eingestiegen, investierte dann aber auf Jahre hinaus derart viel Geld in den Verein, dass dieser von 2009 bis 2014 fünf Mal nacheinander aufstieg, von der Kreisliga (neunte Liga) bis in die Regionalliga (vierte Liga), 2011 eine schmucke Arena einweihte und jüngst den Aufstieg der A-Jugend in die Bundesliga feierte.

In der nun fünften Saison gastieren Traditionsclubs wie Rot-Weiss Essen, Alemannia Aachen oder der Wuppertaler SV in dem Örtchen zwischen Osnabrück und Bad Oeynhausen. Auf dem präzise getrimmten Fussballrasen zwischen landwirtschaftlichen Nutzflächen am östlichen Ortsausgang zeigt die Regionalliga ihren ländlichen Charme. Die Spieler fühlen sich pudelwohl, wohnen aber doch lieber in Osnabrück, Herford oder Bünde, der nächstgrösseren Stadt.

Ein seriöser, ruhiger Verein

Wer den SV Rödinghausen für eine hoch bezahlte Seniorensportgruppe hält, unterschätzt den gesamtheitlichen Anspruch von Mäzen Finkemeier, Präsident Vortmeyer und Geschäftsführer Alexander Müller. «Wir haben uns ein Standing als seriöser, ruhiger Verein erarbeitet», sagt der 32-jährige Müller. Das Durchschnittsalter des Kaders ist 25 Jahre, namhafte frühere Erst-und Zweitligaprofis sucht man vergebens. Zudem werden nur Spieler verpflichtet, die durch Studium oder Ausbildung auch anderweitige Interessen und Optionen besitzen.

«Ich möchte, dass die Rödinghauser Zuschauer eine nahbare Mannschaft mit grosser Mentalität erleben und dass sich jeder Spieler sportlich und als Persönlichkeit weiterentwickelt», sagt Trainer Enrico Maassen, der im Sommer vom Nordregionalligisten Drochtersen/Assel gekommen ist.

Drei Jahre als Spieler und vier Jahre als Trainer hatte Maassen dort gearbeitet, und kaum war er weg, da zog Drochtersen/Assel das Pokal-Erstrunden-Los Bayern München. Maassen verkniff sich einen kleinen Fluch, seine Rödinghauser besiegten in der ersten Runde den Zweitligisten Dynamo Dresden 3:2 nach Verlängerung.

Ein Witz für die Zuschauer

Als der 34 Jahre alte Coach am 26. August zur Auslosung im Deutschen Fussballmuseum in Dortmund sass, zog die Sprinterin Gina Lückenkemper dem SV Rödinghausen die Bayern. «Wir werden versuchen, unserer Favoritenrolle gerecht zu werden», witzelte Maassen in die «Sportschau»-Kamera.

Jetzt ist die Branche gespannt, was am Mittwoch aus dem Bayern-Trainer Niko Kovac wird. Nach dem Rödinghauser Sieg gegen Dresden entliess man dort den Trainer Uwe Neuhaus, und nach Rödinghausens Erstrundenerfolg im Landespokal gegen den Drittligisten Lotte entliess man dort den Trainer Matthias Maucksch. «Wir haben uns zum Pokal- und Trainerschreck gemausert», sagt der Bürgermeister Vortmeyer, der im Gegensatz zu einigen im Verein nicht für die Bayern schwärmt – sondern für Borussia Dortmund.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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