Der Steuertrick mit dem Lieferwagen

Massiv mehr Strassengebühr zahlen müssen Besitzer von Lieferwagen im Kanton Zürich. Die Gewerbler haben allerdings eine Lücke gefunden.

1000 Lieferwagen auf der Flucht: Wechselt ein Gewerbler mit seiner Fahrzeugflotte den Kanton, spart er schnell ein paar Tausend Franken.

1000 Lieferwagen auf der Flucht: Wechselt ein Gewerbler mit seiner Fahrzeugflotte den Kanton, spart er schnell ein paar Tausend Franken.

(Bild: Keystone Urs Jaudas)

Marius Huber@tagesanzeiger

Ohne dass es jemand bemerkt hätte, hat sich auf den Zürcher Strassen Ungewöhnliches ereignet: Erstmals seit langem stagniert die Zahl der Lieferwagen, die das blau-weisse Wappen im Nummernschild tragen. Zuletzt kamen jährlich ein- bis zweitausend neue Lieferwagen dazu. Im laufenden Jahr hingegen zählte das Strassenverkehrsamt bei der Erhebung nach dem dritten Quartal mit 47'854 sogar ein paar weniger als zum Jahreswechsel.

Die vermeintliche Trendwende ist allerdings keine. Es sind nicht plötzlich weniger Lieferwagen auf den Zürcher Strassen unterwegs. Die hiesigen Gewerbetreibenden kaufen vermutlich noch genauso viele zusätzliche Fahrzeuge wie früher. Der Unterschied ist ein anderer: Einige von ihnen haben sich offenbar entschieden, ihre Fahrzeuge statt im Kanton Zürich in einem Nachbarkanton einzulösen. Das beweisen die dortigen Zahlen, die in den letzten Monaten zum Teil sprunghaft angestiegen sind.

Viermal so teuer wie anderswo

Die Erklärung liegt auf der Hand: Es ist die Zürcher Verkehrsabgabe. Diese ist Anfang Jahr aus einem umweltpolitischen Impuls heraus für Lieferwagen erhöht worden. Deren Besitzer fahren nun deutlich günstiger, wenn ein anderes Kantonswappen die Nummernschilder ziert. Ein 3,5 Tonnen schwerer Lieferwagen mit 3 Liter Hubraum etwa kostet im Kanton Zürich 1288 Steuerfranken pro Jahr. Das ist doppelt so viel wie zuvor und drei- bis viermal mehr als in anderen Kantonen.

Wechselt ein Gewerbler mit seiner Fahrzeugflotte den Kanton, spart er also schnell ein paar Tausend Franken. Genau das haben Betriebe in Grenznähe gemacht. Schon im Frühjahr sind dort verschiedentlich Fahrzeuge gesichtet worden, die plötzlich mit kantonsfremden Nummernschildern unterwegs waren. Als bürgerliche Kantonsräte das Thema aufgriffen, teilte die Regierung jedoch mit, es gebe keine auffälligen Verschiebungen.

Das hat sich inzwischen geändert. Urs Grob, Sprecher der Sicherheitsdirektion, sagt auf Anfrage: «Es ist nicht mehr ganz von der Hand zu weisen, dass einige Lieferwagen aus dem Kanton Zürich abgewandert sind.» Gemessen am Einbruch in der Statistik, dürften es an die tausend Fahrzeuge sein. Das sind zwei Prozent aller Zürcher Lieferwagen. Laut Grob geht man beim Kanton davon aus, dass das ein einmaliger Effekt ist. Der Grund: Für neue, verbrauchsärmere Lieferwagen sei die Verkehrsabgabe dank eines 50-Prozent-Rabatts «durchaus moderat».

Steuerausfall von einer Million

Emigriert sind die Lieferwagen offenbar vor allem in den Aargau. Dort hat die Zahl der Lieferwagen gemessen am langjährigen mittleren Zuwachs einen zusätzlichen Sprung von über 500 Fahrzeugen gemacht. Kein Wunder: Dieser Kanton ist für schwere Lieferwagen der günstigste (siehe Grafik oben). Aber auch im Thurgau und in Schaffhausen ist die Zahl der Lieferwagen sprunghaft angestiegen. In Zürichs Süden dagegen scheint sich weniger getan zu haben: Das suggerieren die Zahlen des Strassenverkehrsamts von Schwyz, die sich im normalen Rahmen bewegen.

Der Steuerausfall, der dem Kanton durch die Emigration der Lieferwagen entsteht, dürfte sich auf rund eine Million Franken belaufen. Die meisten verkauften Lieferwagen haben laut den Zahlen von Auto Schweiz über drei Tonnen Gesamtgewicht, und für ein solches Durchschnittsmodell ist schnell mal eine Verkehrsabgabe von 1000 Franken fällig. Zudem sind es vor allem diese schweren Modelle, mit denen man in anderen Kantonen günstiger fährt.

Die Erhöhung der Steuer ist für den Kanton Zürich in Bezug auf die Lieferwagen dennoch kein Verlustgeschäft: Nach einer Hochrechnung des Strassenverkehrsamts kommt der Kanton gegenüber dem alten Steuerregime auch so auf Mehreinnahmen von rund 18 Millionen. Da bei anderen Fahrzeugkategorien mit Mindereinnahmen in ähnlicher Höhe gerechnet wird, sind die Einnahmen unter dem Strich gleich hoch.

Kantonswechsel – einfach gemacht

Ein Kantonswechsel ist nur dann legal, wenn das Fahrzeug seinen Standort danach tatsächlich ennet der Grenze hat. Das heisst, es darf über Nacht nicht regelmässig auf Zürcher Boden parkiert sein. Nach Auskunft von Gewerbetreibenden lässt sich diese Bestimmung allerdings leicht umgehen. Betriebe in Grenznähe beschäftigen oft Angestellte aus Nachbarkantonen. Diese nehmen das Geschäftsauto einfach nach der Arbeit mit nach Hause. Bedingung ist allerdings, dass das Fahrzeug auch auf die Adresse dieses Angestellten eingelöst ist.

Die Kantonsbehörden werden ein Auge darauf haben, ob diese Regeln eingehalten werden. «Hinweisen auf Missbräuche gehen wir konsequent nach», sagt Urs Grob.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt