Der Polizistenmörder war ein Anhänger des radikalen Islam

Der französische Innenminister wollte offenbar die Attacke in der Pariser Polizeipräfektur nicht als Terror einstufen.

Informationen zurückgehalten? Der französische Innenminister Christophe Castaner. Foto: AP

Informationen zurückgehalten? Der französische Innenminister Christophe Castaner. Foto: AP

Drei Tage nach dem tödlichen ­Angriff auf vier Polizisten in der Pariser Polizeipräfektur kann der Tathergang detailliert nachvollzogen werden. Der mit dem Fall betraute Chefermittler Jean-François Ricard teilte mit, dass der ­Täter Mickaël H. seine Kollegen innerhalb von sieben Minuten getötet hatte. Um 13 Uhr wurde er im Innenhof der Präfektur von einem jungen Polizisten, der erst seit wenigen Tagen im Dienst war, erschossen. Die Tatwaffen kaufte Mickaël H. kurz vor dem Angriff. Laut lokalen Medienberichten handelte es sich bei den Waffen nicht, wie zunächst vermutet, um ein Messer mit Keramikklinge, sondern um ein Austernmesser und ein Küchenmesser mit Metallklinge. Laut Chefermittler Ricard zeugen die Verletzungen der Opfer von einer «extremen Gewaltanwendung» des Täters.

Am Vormittag vor dem Angriff soll Mickaël H. innerhalb einer halben Stunde 33 SMS mit seiner Ehefrau ausgetauscht haben, in denen es ausschliesslich um religiöse Themen gegangen sein soll; die letzte Nachricht endete mit den Worten «Allahu Akbar». Seit Samstag sprechen die zuständigen Ermittler davon, dass sich die Anzeichen eines terroristischen Hintergrundes der Tat erhärten. Mickaël H. habe einer «radikalen Strömung» des Islam angehört und Kontakte zu Salafisten gepflegt. Bislang hat keine terroristische Gruppe die Tat für sich reklamiert.

Veränderung des Verhaltens

Laut Chefermittler Ricard konvertierte Mickaël H. vor gut zehn Jahren zum Islam. Er war Vater von zwei Kindern, drei und neun Jahre alt, und wohnte in Go­nesse, einer Stadt im Norden der ­Metropolregion Paris. Seit 2003 arbeitete der IT-Fachmann für die Polizeipräfektur. Kollegen beschrieben nach der Tat den Mann als «schüchtern», man habe ihn «nicht immer ernst genommen». Der 45-Jährige war schwerhörig, Kollegen sowie Nachbarn sagten, dass er darunter gelitten habe und beruflich frustriert gewesen sei. In den vergangenen Monaten habe sich, so Ricard, «eine Veränderung seines Verhaltens» eingestellt. Mickaël H. sei nicht mehr in westlicher Kleidung in die Moschee gegangen, er habe weibliche Kollegen nicht mehr, wie in Frankreich üblich, mit Wangenkuss begrüssen wollen.

Seit Donnerstag befindet sich Mickaël H.s Ehefrau in Polizeigewahrsam. Sie sagte aus, dass ihr Mann in der Nacht vor der Tat aufgewacht sei und «Stimmen gehört» habe. Er habe sich in einer Art «mystischer Krise» befunden. Der Frau wird vorgeworfen, das auffällige Verhalten ihres Mannes nicht der Polizei gemeldet zu haben.

«Le Monde» berichtet, dass Mickaël H. täglich eine Moschee besuchte, in der ein umstrittener Imam predigt, der versucht, den Salafismus zu verbreiten. Der Imam war zuvor von einer anderen Moschee «entlassen» worden, da ältere Gemeindemitglieder fürchteten, er könnte die jüngeren negativ beeinflussen.

Der tödliche Angriff hat die französische Regierung in starke Bedrängnis gebracht. Es dauerte anschliessend mehr als 24 Stunden, bis Ermittlungen zu einem möglichen terroristischen Hintergrund der Tat eingeleitet wurden. Im Zentrum der Kritik steht Innenminister Christophe Castaner. Drei Stunden nach der Tat sagte Castaner am Tatort, es habe «nicht den geringsten Warnhinweis» gegeben, der ­Täter habe «keinerlei Verhaltensauffälligkeiten» gezeigt.

Zugriff auf geheime Daten

Der Angriff in der Polizeipräfektur schockiert Frankreich nicht nur wegen seiner Brutalität, sondern auch, weil nun ein Mann unter Terrorverdacht steht, der Zugriff auf streng vertrauliche Daten hatte. Darunter die Adressen von Kollegen aus dem Geheimdienst, die im Bereich der Terrorbekämpfung arbeiten.

In Frankreich gab es in den vergangenen Jahren immer wieder islamistisch motivierte Anschläge auf Polizisten. Zu den grausamsten gehört der Mord an einem Polizistenehepaar in Ma­gnanville. Das dreijährige Kind des Paares wurde Zeuge, wie ­Terroristen seinen Eltern im eigenen Wohnzimmer die Kehle durchschnitten. Der Vorfall führte zu einer tiefen Verunsicherung innerhalb der Polizei.

Die Polizeipräfektur, in deren Räumen die vier Polizisten und schliesslich auch ihr Mörder getötet wurden, zählt zu den am besten gesicherten Orten Frankreichs. Der Angriff hat nun eine Debatte darüber ausgelöst, ob die aktuellen Kontrollmechanismen ausreichen. Alle fünf Jahre müssen sich Polizisten einer Kontrolle unterziehen, bei der überprüft wird, ob sie radikale Überzeugungen hegen. Mickaël H. hätte, so Innenminister Castaner, 2020 erneut überprüft werden sollen. Mickaël H. tötete drei Männer (50, 38 und 38 Jahre) und eine Frau (39 Jahre), eine Frau verletzte er schwer. Für Dienstag ist eine Gedenkfeier in der Polizeipräfektur geplant, an der voraussichtlich auch Präsident Emmanuel Macron teilnehmen wird.

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