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Fotografie und TourismusDeutscher Pionier warb mit Oberländer Sujets

Der Sachse Johann Adam Gabler stieg vor 150 Jahren mit seinen Fotografien von Interlaken aus ins Tourismusgeschäft ein. Eine Pionierleistung.

Eine Aufnahme von Johann Adam Gabler zeigt Interlaken mit der Jungfrau gegen Ende des 19. Jahrhunderts.
Eine Aufnahme von Johann Adam Gabler zeigt Interlaken mit der Jungfrau gegen Ende des 19. Jahrhunderts.
Foto: PD/Sammlung Ruth Freiburghaus

Man könnte es ein bisschen mit der Besteigung der Eigernordwand vergleichen. Letztere flösste den Einheimischen lange viel Respekt ein. Die Erstbesteigung überliess man bekannterweise einem deutsch-österreichischen Bergsteigerquartett. Ähnlich war es auch in Interlaken, als der Fremdenverkehr seinen Aufschwung erlebte und Fotografien als Reiseandenken immer mehr gefragt waren.

Es war kein Einheimischer, der zuerst auf diesen aufkommenden Geschäftszweig aufsprang, sondern der Deutsche Johann Adam Gabler. Er wurde am 25. März 1833 im sächsischen Ottowind geboren und war wohl einer der Ersten, der in der Oberländer Tourismusmetropole und darüber hinaus begann, mit der Fotografie Geld zu verdienen.

Mit seinem Konterfei auf der Visitenkarte warb Johann Adam Gabler für sein Fotogeschäft in Matten bei Interlaken.
Mit seinem Konterfei auf der Visitenkarte warb Johann Adam Gabler für sein Fotogeschäft in Matten bei Interlaken.
Foto: PD/Museum für Kommunikation, Bern

Erster Beruf: Wagner

Ruth Freiburghaus, pensionierte Bibliothekarin aus Bern, hatte in ihren Ferien zufälligerweise eine Urenkelin Gablers getroffen. Freiburghaus fing an, über den Deutschen zu recherchieren und fand heraus, dass dieser zuerst eine Wagnerlehre absolvierte. Danach kam Johann Adam Gabler als Geselle in die Schweiz, wechselte aber schon zwei Jahre später den Beruf. Er verdiente sich sein Geld als Wanderfotograf für Porträtaufnahmen im Emmental.

Johann Adam Gabler schoss auch im westlichen Oberland Fotos. Hier ist das Hotel Schwarenbach (l.) am Gemmipassweg oberhalb von Kandersteg zu sehen.
Johann Adam Gabler schoss auch im westlichen Oberland Fotos. Hier ist das Hotel Schwarenbach (l.) am Gemmipassweg oberhalb von Kandersteg zu sehen.
Foto: PD/Sammlung Ruth Freiburghaus

Hausbau in Matten

1870 zog er aufs Bödeli nach Matten, kaufte ein Grundstück an der Rugenmatte und liess dort ein Haus mit dem Namen «Waldeck» bauen, mit integriertem Fotoatelier. Darin entstanden viele Aufnahmen, meist Porträts folkloristischer Typen des Oberlands. Er verkaufte die Fotografien als sogenannte «Cartes de Cabinet» (10×16 Zentimeter) und «Cartes de Visite» (6×10 Zentimeter), wofür die Bilder auf dicken Karton geklebt wurden. Auch stellte er Stereoskopie-Karten her. Bilder mit dieser Aufnahmetechnik vermittelten dem Betrachter einen räumlichen Eindruck. Dafür erhielt er 1873 an der Weltausstellung in Paris sogar ein Diplom. Hierzulande liess er seine Fähigkeiten 1886 als Gründungsmitglied des Schweizerischen Photographen-Vereins einfliessen.

Blick auf das Haus Waldeck an der Rugenmatte in Matten. Dieses Gebäude liess Johann Adam Gabler bauen und integrierte dort 
Ende des 19. Jahrhunderts auch sein Photographie-Geschäft.
Blick auf das Haus Waldeck an der Rugenmatte in Matten. Dieses Gebäude liess Johann Adam Gabler bauen und integrierte dort
Ende des 19. Jahrhunderts auch sein Photographie-Geschäft.
PD/Museum für Kommunikation, Bern
In der Bildmitte ist das ehemalige Wohn- und Geschäftshaus von Johann Adam Gabler zu sehen. Dieses heisst heute Felsenburg und wird als Mehrfamilienhaus genutzt.
In der Bildmitte ist das ehemalige Wohn- und Geschäftshaus von Johann Adam Gabler zu sehen. Dieses heisst heute Felsenburg und wird als Mehrfamilienhaus genutzt.
Foto: Hans Heimann

Einbürgerung in Lütschental

Gablers erste Ehe wurde geschieden. Aus dieser stammte sein Sohn Arthur. Mit seiner zweiten Frau Rosina, die er 1882 heiratete, hatte er vier Töchter und einen Sohn, Georg. Die Familie liess sich 1885 in Lütschental einbürgern. Warum der Familienvater gerade diesen Ort auswählte, ist nirgends ersichtlich. «Vielleicht waren es finanzielle Gründe», vermutet Freiburghaus.

Tod eines Vorreiters

Man darf Gabler ohne Zögern einen Pionier nennen, denn einige seiner Negative gehören zu den frühesten in der Schweiz entstandenen Jodkollodiumplatten. Bei diesem Verfahren wurden die Fotoplatten zuerst mit einer chemischen Lösung übergossen. Sobald der Überzug trocken war, legte man die Platte sofort im Dunkeln in eine Lösung von Silbernitrat. Danach wurden die so präparierten Platten noch feucht in die lichtdichte Kassette der Kamera geschoben. Nach der Belichtung erfolgte die Entwicklung in der Dunkelkammer. Am 19. Mai 1888 starb Gabler in Interlaken.

Seine Frau und sein Sohn Arthur erbten sein Geschäft je zur Hälfte, das Haus in Matten erhielt seine Frau. Sie gründete mit Arthur die Firma Photographie R. & A. Gabler und war sehr erfolgreich. Die Gabler-Ansichtskarten wurden immer beliebter, und Arthur schien vollends in die Fussstapfen seines Vaters getreten zu sein, denn lange wurden alle Gabler-Aufnahmen dem Senior zugeschrieben, der Sohn war bis dahin praktisch unbekannt.

Der Obere Grindelwaldgletscher war schon zur Zeit von Johann Adam Gabler ein beliebtes Postkartensujet und Ausflugsziel.
Der Obere Grindelwaldgletscher war schon zur Zeit von Johann Adam Gabler ein beliebtes Postkartensujet und Ausflugsziel.
Foto: PD/Sammlung Ruth Freiburghaus
Eine Postkarte zeigt Mürren mit dem Breithorn am rechten Rand.
Eine Postkarte zeigt Mürren mit dem Breithorn am rechten Rand.
Foto: PD/Sammlung Ruth Freiburghaus

Historisches Kulturgut

Laut einem Eintrag im Handelsregister von 1905 wurde die Kollektivgesellschaft unter der Firma Photographie Gabler, R. & A. Gabler gelöscht. Witwe Rosina Gabler führte das Geschäft ohne ihren Sohn als Photographie R. Gabler weiter. Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs brach der Tourismus und somit auch ihr Verdienst ein, was die beiden Halbbrüder zum Wegzug von Interlaken bewog. Mit dem Tod von Rosina Gabler 1921 wurde die Firma schliesslich liquidiert. Es war dann Georgs ältere Schwester Rosa, die zwischen 1924 und 1930 wieder Ansichtskarten mit dem Namen Gabler veröffentlichte. Arthur starb 1927 in Olten und Georg drei Jahre später im französischen Tours.

Das fotografische Erbe von Johann Adam Gabler und seinen Nachkommen umfasst über 10’000 Aufnahmen, einen grossen Teil besitzt das Museum für Kommunikation in Bern. Es darf als wertvolles Kulturgut, das die Sicht und Interessen der damaligen Zeit auf die Landschaften der Schweiz und des Berner Oberlandes spiegelt, betrachtet werden.