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Analyse DiDomenico machte, was er wollte – und niemand bremste ihn

Chris DiDomenico erhält in Langnau die fristlose Kündigung. Der Club hat dem umstrittenen Kanadier viel zu lange den roten Teppich ausgerollt.

Ein Ende mit Schrecken: Chris DiDomenicos Zeit in Langnau ist definitiv abgelaufen.
Ein Ende mit Schrecken: Chris DiDomenicos Zeit in Langnau ist definitiv abgelaufen.
Foto: Raphael Moser

Eine Weisheit von Mutter Teresa hat er sich tätowieren lassen, dazu Engel und Friedenstauben. Irgendwie erstaunlich, ist da kein Teufelchen über der Schulter zu sehen. Es würde viel besser passen zum Verhalten von Chris DiDomenico, der sich in Langnau hartnäckig den Titel des ersten Querulanten erarbeitet hat. Am Donnerstag drückte wieder einmal das (grosse) Kind im Mann durch: DiDomenico lehnte sich im Training gegen Trainer Heinz Ehlers auf, griff diesen vor versammelter Mannschaft verbal an. Zum wiederholten Mal hat sich der Kanadier daneben benommen. Nun ist das Fass übergelaufen, DiDomenico wurde fristlos gekündigt. Den Schlüssel hat er bereits abgegeben.

DiDomenico machte Stimmung gegen den Trainer, scherte aus – alles ohne Konsequenzen.

Es ist gleichermassen beeindruckend und abstrus, wie ein einzelner Spieler Innenleben und Aussenwirkung eines Vereins dermassen beeinflussen kann. Im Dezember meinte Sportchef Marco Bayer, DiDomenico müsse sich für einen neuen Vertrag aufdrängen. Nach der an und für sich harmlosen Aussage fühlte sich der Stürmer auf den Schlips getreten. Das Verhältnis zu Bayer ist deswegen zerrüttet, jenes des Sportchefs zum Verwaltungsrat zumindest stark unterkühlt, weil sich das Gremium hinter den Spieler stellte. Nach Weihnachten unterschrieb DiDomenico vorschnell in Freiburg, seither herrscht im Club Unruhe, gibt es Streitereien – und vor allem fast ausschliesslich Niederlagen. DiDomenico machte Stimmung gegen den Trainer, scherte aus, begab sich auf Nebenschauplätze. Alles ohne Konsequenzen.

Das falsche Signal der Clubführung

Es ist die Schuld des Clubs, musste es so weit kommen. In der Verantwortung stehen Trainer und Sportchef, weil sie den Spieler nicht an die kurze Leine nahmen, ihn nicht rechtzeitig sanktionierten und entschieden zurechtwiesen. Vor allem aber sündigte der Verwaltungsrat. Bedingungslos hielt dieser zu DiDomenico, als existiere ein Abhängigkeitsverhältnis, als stehe und falle der Erfolg des Teams mit diesem einen polarisierenden Profi. Sicher, DiDomenico hat viel geleistet für die SCL Tigers, lange Zeit war er ungemein wertvoll, einer der wenigen Leader, ein Kassenschlager im Fanshop. Aber es erstaunt noch heute, wie schnell ihm der erstrittene Abgang 2017 nach Ottawa verziehen wurde, unbeglichene Forderungen inklusive. Wie ihm bei der Rückkehr anderthalb Jahre später dennoch der rote Teppich ausgerollt wurde. Wie geschwiegen wurde, wenn er im Sommertraining mit schlechtem Beispiel voranschritt. Man liess DiDomenico gewähren – und sendete ein falsches Signal aus. Weil sich andere anstecken liessen. Es ist mit ein Grund dafür, dass die Disziplin im Langnauer Spiel abhandengekommen ist.

Zuletzt verlor DiDomenico teamintern an Einfluss. Weil er sich zum Störenfried entwickelte.

Alle Extrawürste mögen berechtigt gewesen sein, früher, als DiDomenico noch weniger zwischen Genie und Wahnsinn pendelte. Mit rund 100 Skorerpunkten führte er die Tigers 2015 zurück in die National League, er war der bissige Leitwolf, verkörperte Siegeswillen. Die Equipe verzieh ihm seine Aussetzer, seine Beratungsresistenz, seine geringe Lust, im Match das Eis zu verlassen. Zuletzt jedoch verlor er an Einfluss, weil er sich mehr und mehr zum Störenfried entwickelte. Ein Schweizer Teamkollege meinte unlängst, DiDomenico predige Wasser, aber trinke Wein. Er gebe vor, nur an den Erfolg der Mannschaft zu denken. Mit seinem Handeln aber sei er vielmehr eine Gefahr für diese.

Den Ernst der Lage nicht begriffen

Die Trennung ist der richtige Entscheid, selbst im Verwaltungsrat hat DiDomenico mittlerweile keinen Protégé mehr. Am Donnerstag beklagte sich der Spieler, weil er keine Lust hatte auf harte Trainings, mehr Spass und Fun verlangte. Offenbar hat DiDomenico auch nach 14 Niederlagen aus 20 Partien im Jahr 2020 den Ernst der Lage nicht begriffen. Die sportlichen Konsequenzen dürften sich mit dem Abgang in Grenzen halten, stand DiDomenico zuletzt doch häufiger neben den Schlittschuhen. Seine Absenz jedenfalls könnte ein wenig Ruhe ins nervöse Tigers-Konstrukt mit täglich neuen Gerüchten über mögliche Abgänge und Unstimmigkeiten bringen.

Mit 98 Skorerpunkten führte Chris DiDomenico die SCL Tigers 2015 zum Aufstieg.
Mit 98 Skorerpunkten führte Chris DiDomenico die SCL Tigers 2015 zum Aufstieg.
Foto: Andreas Blatter