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Umfrage vor und nach dem LockdownDie Angst der Schweizer vor Corona ist geschwunden

Nur jeder Fünfte fürchtet, dass Covid-19 seine Gesundheit gefährden könnte. Eine Studie zeigt, woran das liegt.

Keine Sorgen wegen Covid-19: Menschen geniessen das Wetter am Zürichsee (12. Juli 2020).
Keine Sorgen wegen Covid-19: Menschen geniessen das Wetter am Zürichsee (12. Juli 2020).
Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Wie gehen die Schweizerinnen und Schweizer mit dem Thema Krankheit um? Dieser Frage ist die CSS-Versicherung auf den Grund gegangen und hat mehr als 4200 Personen interviewen lassen. Die Resultate sind vor allem deshalb spannend, weil die Umfrage vor dem Lockdown (Anfang März) und noch einmal nach dem Höhepunkt der ersten Corona-Welle (Anfang Juni) durchgeführt wurde.

Der überraschende Hauptbefund der Gesundheitsstudie: Die Bevölkerung stuft Covid-19 nicht wirklich als Gefahr ein. Für lediglich 0,6 Prozent der Befragten ist es die Krankheit, vor der sie sich am meisten fürchten. Krebs, Demenz oder Herz-Kreislauf-Probleme bereiten viel mehr Sorgen. Fast ein Drittel fürchtet sich vor keiner Krankheit.

Allgemein werden Pandemien nur von einer Minderheit als Gefahr wahrgenommen. Das sei angesichts der öffentlichen Debatte und der einschneidenden Schutz- und Präventionsmassnahmen in den letzten Monaten «mehr als bemerkenswert», schreiben die Studienautoren. Im März hatten noch 31 Prozent erhebliche Befürchtungen, dass eine Pandemie ihre eigene Gesundheit gefährden könnte. Im Juni waren es nur noch 22 Prozent.

Die Angst der Schweizer vor Corona hat sich also gelegt. Gemäss der Erhebung dürfte dies an der vorläufigen Eindämmung des Virus liegen, die in relativ kurzer Zeit erfolgte. Sie hat offenbar das Vertrauen in die öffentliche Gesundheit, aber auch die Wahrnehmung der persönlichen Resilienz vor Gesundheitsgefahren gestärkt.

Dass die Furcht vor dem Coronavirus und allgemein vor Pandemien im Juni tiefer war als im März, ist nachvollziehbar: Die Fallzahlen gingen zurück, das öffentliche und wirtschaftliche Leben kam wieder in Schwung. Überraschend ist jedoch die Einordnung von Pandemien im Vergleich zu anderen Gesundheitsgefahren.

So empfindet die Hälfte der Befragten zunehmende Antibiotika-Resistenzen als grosses beziehungsweise sehr grosses Risiko. Auch psychische Erkrankungen aufgrund von Leistungsstress, Übergewicht sowie die Belastung des Trinkwassers durch Hormone und Pestizide werden als deutlich gefährlicher eingeschätzt als Pandemien.

Pestizide im Trinkwasser gefährlicher als eine Pandemie? Und das mitten in der Corona-Krise? Diese Diskrepanz lässt sich laut der Studie mit dem Charakter von Infektionskrankheiten erklären: Zwar haben alle Menschen Erfahrungen mit Infekten, dennoch werden sie nur von einem Fünftel der Erwachsenen in der Schweiz als bisher gravierendste Krankheitserfahrung angesehen, und nur gerade 1 Prozent zählt eine Infektionskrankheit zur grössten Krankheitssorge.

Trotz ihrer anhaltend grossen Verbreitung hätten gerade die im Alltag leicht übertragbaren viralen Erkrankungen aufgrund von modernen Behandlungsmethoden längst an Schrecken verloren, schreiben die Autoren. Dies scheine zu einer Art emotionaler Immunität geführt zu haben. Hinzu kommt, dass – nicht zuletzt aufgrund der umfangreichen Präventionsmassnahmen – nur ein kleiner Teil der Bevölkerung bis jetzt direkt oder im eigenen Umfeld mit Covid-19 in Kontakt gekommen ist.

Dennoch sind immerhin 38 Prozent der Ansicht, dass Pandemien ein grosses Risiko für die Gesellschaft sind, nicht nur gesundheitlich, sondern beispielsweise auch wirtschaftlich. 63 Prozent der Schweizer würden sich deshalb sicher oder wahrscheinlich impfen lassen, falls ein Impfstoff vorhanden wäre. Das sind deutlich mehr als bei der saisonalen Grippe (29 Prozent). Allerdings gibt es grosse Unterschiede zwischen Geschlecht, Alter und Bildungsstand.

Die Bereitschaft, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen, ist bei Männern höher als bei Frauen und bei älteren Personen ausgeprägter als bei jüngeren. Je höher die Bildung ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich Menschen impfen lassen wollen. Doch selbst bei den Personen mit einem tieferen Bildungsniveau beträgt der Anteil über 50 Prozent.

Das ist erstaunlich. Denn nur ein kleiner Teil der Bevölkerung ist tatsächlich überzeugt von der Wirkung einer Impfung. Lediglich 22 Prozent der Befragten glauben, dass der Gesundheitsschutz entscheidend ist, ob jemand krank wird oder gesund bleibt. Fast gleich viele halten es für Schicksal, mehr sogar für Pech beziehungsweise Glück.

Die meisten glauben, dass die Vererbung am wichtigsten ist. Danach folgen der Umgang mit Suchtmitteln wie Tabak, Alkohol, Drogen und Medikamenten, die Ernährung und der Sport. 38 Prozent der Menschen sind der Ansicht, dass die innere Haltung einen wesentlichen Einfluss auf die Erkrankungswahrscheinlichkeit hat – also fast doppelt so viele wie beim Gesundheitsschutz.

Dass dieser Faktor im Hintergrund steht, obwohl die Befragung mitten in der Coronavirus-Pandemie stattgefunden hat, zeigt einmal mehr, dass Covid-19 nur eine untergeordnete Rolle bei der Einschätzung von Gesundheitsgefahren durch die Schweizer Bevölkerung spielt.