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Zunahme psychischer ErkrankungenDie Diagnose ist die Krankheit

Werden wir psychisch immer kränker? Die Störungen jedenfalls vermehren sich vehement. Peter Schneider hat sie diagnostiziert.

Äusserst erfolgreiche Serie über Kommunikationskranke: Jim Parsons spielt Sheldon Cooper in «The Big Bang Theory».
Äusserst erfolgreiche Serie über Kommunikationskranke: Jim Parsons spielt Sheldon Cooper in «The Big Bang Theory».
Foto: PD 

Er arbeitet als Psychoanalytiker, denkt, schreibt und doziert, hält Vorträge, leitet Gespräche oder nimmt an ihnen teil, tritt am Radio auf, und wenn man seine Kolumne für diese Zeitung liest, Antworten auf Leserfragen, glänzt Peter Schneider in zwei Disziplinen: der Belehrung und der Unterhaltung.

Nun klingt die eine didaktisch und die andere abschätzig, zumindest im deutschsprachigen Raum, bei den Angelsachsen gilt die Kombination von beiden als Kunst. Aber die Zuschreibungen sind hier als Kompliment gemeint. Denn Schneider antwortet auf die Fragen seiner Leserinnen und Leser geistreich, humorvoll und kompetent. Seinen Hang zur Selbstinszenierung nimmt man als Kollateralschaden hin.

Immer mehr psychische Probleme

Sorgfältig geht er auch in seinem neuen Buch vor, das einen Begriff hinterfragt, der sich als Antwort versteht: die Diagnose. Bei körperlichen Beschwerden lässt sich diese meist eindeutig, wenn auch nicht immer sofort formulieren. In der Psychiatrie bleibt sie vieldeutig und oft auch widersprüchlich. Sie untersteht historischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Einflüssen.

«Die häufigste Krankheit ist die Diagnose», diagnostizierte der österreichische Dauerspötter Karl Kraus. Schon von der Psychoanalyse hatte er behauptet, sie sei jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich halte. «Brillante Bestie», kommentierte Sigmund Freud.

Seither ist Freuds Psychoanalyse noch mehr in Erklärungsnot geraten, Peter Schneider wäre als Psychoanalytiker der Erste, das zuzugeben. Dabei brauchte es sie mehr denn je. Denn offenbar werden wir psychisch immer kränker. Schneider begründet seine Vermutung in seinem neuen Buch mit den Einschätzungen des DSM-5, das ist die fünfte Ausgabe des «Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders», der Duden der psychischen Erkrankungen.

Die erste Auflage des DSM von 1952 enthielt eine Aufzählung von 60 psychiatrischen Krankheitsbildern. Bis zur aktuellen fünften von 2013 hat sich die Zahl mehr als verfünffacht. Es sind nun 312 Störungen, die das DSM-5 auflistet. Mit der Vermehrung der Störungen geht die massive Zunahme der Verschreibung von Medikamenten einher. Manche vermuten, das Zweite sei keine Folge des Ersten, sondern die Ursache dafür.

Fast jede psychiatrische Diagnose lässt sich hinterfragen.

Obwohl Peter Schneider einiges an diesem Manual auszusetzen hat, stellt er klar: Das DSM ist kein Zettelkasten der Beliebigkeit; es resultiert aus einer zehnjährigen Arbeit, von Hunderten von internationalen Experten zusammengetragen. Und sie kamen zu differenzierten Schlüssen.

Zum Beispiel unterscheidet die neue Ausgabe des DSM noch mehr verschiedene Formen der Depression; Messis und Bulimiker sind zur Krankheit geworden; der Diagnose der Manie hat sich jene des Submanischen hinzugesellt, ein weiterer Beleg dafür, dass sich psychische Störungen auf einem Kontinuum entwickeln.

Bei aller Sorgfalt aber und Ausdifferenzierung: Fast jede psychiatrische Diagnose lässt sich hinterfragen. Das ist Ausgangslage, Beweisführung und Schlussfolgerung von Schneiders Analyse. Seine Haltung bleibt allen Erklärungen gegenüber skeptisch und verlangt das Aushalten von Widersprüchen und Wandlungen.

«Psychiatrische Krankheiten entstehen, verändern sich und verschwinden», schreibt er lakonisch. Wer warum und wie sehr psychisch krank ist, bestimmen nicht nur seine Symptome. Die Gesellschaft entscheidet mit. Und ja, auch die Pharmaindustrie. Die psychiatrische Diagnose gibt eine Eindeutigkeit vor, macht Schneider klar, die sie nicht einlösen kann.

Ist Burn-out eine Krankheit?

Wie unscharf die Diagnosen bleiben, dafür findet er haufenweise Beispiele. Was heute als Burn-out managerkompatibel für den Zusammenbruch aus Überlastung angeboten wird, hätte man früher als Erschöpfungsdepression behandelt. Weil aber Leistungsträger auf keinen Fall depressiv sein wollen, musste das schicke amerikanische Wort her. Und weil Schneider allem misstraut, auch sich selber, will er trotzdem nicht ausschliessen, dass Burn-out eine neue psychische Krankheit geworden ist.

Überhaupt die Krankheit als Zeiterscheinung: die Hysterikerinnen des 19. Jahrhunderts; das narzisstische Jahrzehnt der Siebzigerjahre; das Zeitalter des Autismus. Was als Krankheit lange Zeit unerkannt blieb und dann in Untergruppen aufgeteilt wurde, hat die weltweit geliebte Fernsehserie «The Big Bang Theory» inspiriert mit einem brillanten, aber bizarren theoretischen Physiker in der Hauptrolle. Eine Komödie über Kommunikationskrankedas wäre bis vor wenigen Jahren undenkbar gewesen.

Ist nicht der Mensch, sondern die Gesellschaft krank?

Die Schwierigkeit im Umgang mit dem Instrument der Diagnose, ohne die ja keine Behandlung möglich ist, ist eine zweifache: Jede Kritik hat ihre Berechtigung, diese stösst aber unweigerlich an Grenzen. So übertrieb die Anti-Psychiatrie mit der Behauptung, dass nicht der Mensch krank sei, sondern die Gesellschaft. Dass Umstände aber krank machen können, stimmt trotzdem.

Die Hoffnung, das Genom zu isolieren, das eine Schizophrenie auslöst, hat sich nicht erfüllt. Dennoch bleibt die Hoffnung. Die Pharmaindustrie dominiert Entscheide der Psychiatrie. Aber wo wären die Patienten ohne Medikamente?

Peter Schneider hat ein Fachbuch geschrieben, entsprechend anspruchsvoll ist sein Vokabular. Das wichtigste Ziel erreicht er auch so: dem angeblich Klaren das dauernde Zweifeln anzuhängen.

Peter Schneider: Normal, gestört, verrückt. Über die Besonderheiten psychiatrischer Diagnosen. Schattauer GmbH, 2020. 192 S., ca. 32 Fr.
Schneider diskutiert über sein Buch am Mittwoch, dem 19. August, 20 Uhr im Zürcher Kosmos.

79 Kommentare
    michael vogt

    eine diagnose soll zugleich therapie sein. zb ist depression für jemand mit hysterischen phänomenen eine gute diagnose, auch wenn sie oder er nicht gefährdet ist, in ein loch zu fallen und nicht mehr hinauszukommen, weil sie sich wie ein dach über die symptomatik legt. nachteil wären dann animationen, die weiter in das hysterische hineintreiben. als alternative zu hochsensibilität: parasensibilität, weil diese diagnose das ganze etwas herunternimmt und nicht noch mehr in die symptomatik hineintreibt. ärger bereitet mir seit langem, wenn, wie neulich in einem interview dieser zeitung, gesagt wird, jugendliche hätten "keine perspektive", weil sie keine job haben. es gibt andere "perspektiven" als die, dass man "anschluss" findet und andere optionen des selbstbewusstseins als die, dass man "gebraucht" wird. diese müssen dann nicht immer gleich "spirituell" sein. gleich zwei i nacheinander sind gerade für empfindlichere eine zumutung. in der frage nach einer umfassenderen hermeneutik, die die bedeutung zb der psychosozialen ideologie nicht verkennt, ihr aber nicht einfach nachrennt, hätten die medien einiges zu sagen, versagen aber leider zu oft.