Die Gärten des Grauens

Was Steine aus Asien in städtischen Gärten anrichten können.

Wie ich zu den Ideen für meine Kolumnen komme, fragte mich diese Woche eine Kollegin, und ich erklärte ihr, dass dies oft nicht einfach sei. Über Trump könne ich zwar immer schreiben, aber ich fragte mich, ob ein Mensch oder ein Gegenstand, dem man zu viel Aufmerksamkeit schenke, der quasi Bestandteil des Alltags werde, nicht in irgendeiner Form auf einen abfärbe, eine prägende Wirkung ausübe, derer man sich erst bewusst werde, wenn es zu spät sei.

Meine Kollegin schlug vor, ich solle doch über Steingärten schreiben. Den «Gump» von Trump zu Steingärten fand ich etwas krass, aber nur im ersten Moment. Meine Kollegin bot an, mir ihre Fotos von Schottergärten zur Verfügung zu stellen; sie hätte davon viele, sie dokumentiere sozusagen die Verwüstung unserer Umgebung: die Gärten des Grauens! Steinwüsten, als Hingucker Plastikgartenzwerge oder eine deplatzierte Palme. Sie schüttelte sich: «Viele Steine kommen bestimmt aus China und Indien, werden um die halbe Welt geschifft und tragen nun dazu bei, dass es in den Städten immer heisser wird.» Welche Vorstellung von Natur bewirkten wohl diese monotonen und leblosen Steinwüsten bei Kindern, die jeden Tag mehrmals an solchen vorbeigingen, fragte sie mich.

Da war sie wieder, meine Überlegung, welche Bestandteile unseres Alltags uns prägen und zu dem machen, was und wer wir sind. Lassen uns die Gärten des Grauens zu Betonköpfen werden?

Dabei weiss jedes Kind, dass Vögel, Insekten und Pflanzen eine grüne Umgebung fürs Überleben brauchen. 

Ursprünglich sollen Enthusiasten die klassischen Steingärten erfunden haben. «Nachdem sie die Alpen als Naturerlebnis entdeckt hatten, wollten sie ein Stück Gebirgswelt in den Garten holen», ist in der Zeitung «Haus und Garten» zu lesen: «Steinbrocken imitierten die Felsen, zwischen denen sich Bergblumen harmonisch einfügten.» Mit der Zeit verschwanden die sich harmonisch einfügenden Bergblumen – nur Steine im Garten bedeuten weniger Aufwand. Dabei nimmt man in Kauf, dass sich Steinflächen stark auf­heizen, die Wärme speichern und abstrahlen.

Dabei weiss jedes Kind, dass Vögel, Insekten und Pflanzen eine grüne Umgebung fürs Überleben brauchen. Geradezu absurd also, wenn neben dem Steingarten ein liebevoll gebasteltes Insektenhotel aufgestellt wird! Kommt dazu: Es gibt eine Studie über den Rückgang der fliegenden Insekten – seit 1990 um 75 Prozent.

Trotzdem werden noch immer Schottergärten angelegt. Vielleicht weil sie etwas typisch Schweizerisches verkörpern: «Die nur mit wenigen Pflanzen verzierten Flächen strahlen die Botschaft aus: Hier ist und bleibt es sauber, ohne dass man etwas dafür tun muss.» (Zitat von Beatrix Mühlethaler, freie Journalistin)

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...