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Schwimmer Jérémy Desplanches«Das Lungenvolumen ist zusammengesackt»

Europameister, WM-Zweiter, doch dann kam Corona – und der Genfer konnte dem Körper zuschauen, wie der sich veränderte. Er verlor Muskeln und nahm doch nicht ab.

Die Zwangspause regte zum Nachdenken an – jetzt greift der Genfer Spitzenschwimmer Jérémy Desplanches wieder an.
Die Zwangspause regte zum Nachdenken an – jetzt greift der Genfer Spitzenschwimmer Jérémy Desplanches wieder an.
Foto: Ian MacNicol (Getty Images)

Dauergast war er nicht in den vergangenen Jahren. Doch jetzt ist auch Jérémy Desplanches nach Uster gekommen, wo von Mittwoch bis Sonntag die Schweizer Meisterschaften im Schwimmen stattfinden. Denn eines hat der 26-jährige Genfer nach Ausbruch der Corona-Pandemie und im Lockdown schmerzlich festgestellt: «Wie sehr ich es vermisse, zu siegen, zu verlieren, mich zu messen, die Medaillen von solchen Meisterschaften zu gewinnen.»

Desplanches lebt seit 2014 in Nizza, um beim französischen Startrainer Fabrice Pellerin trainieren zu können. Und sein Aufstieg war so steil, wie man ihn noch bei keinem Schweizer Schwimmer hat beobachten können: als 21-Jähriger 2016 in Rio im Olympia-Halbfinal, 2018 Europameister und ein Jahr später in Südkorea WM-Silber-Gewinner über 200 m Lagen. Desplanches ist der Alleskönner im Wasser, doch Corona hat auch ihn zum Nichtstun in die Wohnung verbannt. Ausgebremst, «die Arbeit von mehreren Jahren war für nichts», sagt er und spielt auf die Olympiaverschiebung um ein Jahr an.

Nur duschen – und nicht schwimmen!

Zwei Monate Lockdown hiess: «Zwei Monate nur duschen – und danach nicht schwimmen können!» Desplanches lacht und fragt, ob man sich vorstellen könne, wie das sei für einen Schwimmer. In dieser Zeit hat er zuschauen können, wie sich sein absolut austrainierter Körper allmählich veränderte, obwohl auch er versuchte, sich zwischen Sofa und Fernseher fit zu halten. «Ich habe in dieser Zeit nicht zugenommen, obwohl ich es genossen habe, zu essen. Aber die Muskulatur baute rasant ab.»

Nach kurzer Zeit schon hat es Desplanches nicht mehr ertragen, die neuesten Entwicklungen der Pandemie weltweit zu verfolgen. «Ich habe mich völlig abgeschottet und viel gelesen, das war mir alles zu negativ», sagt er. Dazu kamen die Gedanken an andere Schwimmer, Konkurrenten. «Man fragt sich, was machen die anderen? Trainieren sie? Wer hat welche Möglichkeiten? Mit einigen war ich in Kontakt, aber es blieb uns nur, zu warten, warten, warten.» Je länger die Phase gedauert habe, desto grösser sei der Druck geworden, selbst nach den ersten Lockerungen. «Andere machten mehr Fortschritte als ich.»

Zurück in alter Stärke: Der Genfer WM-Silber-Gewinner Jérémy Desplanches vor den Meisterschaften in Uster.
Zurück in alter Stärke: Der Genfer WM-Silber-Gewinner Jérémy Desplanches vor den Meisterschaften in Uster.
Foto: Patrick B. Kraemer (Keystone)

Dann kam die Verschiebung der Spiele. Fünf Tage benötigte Desplanches, um sie zu begreifen. Einerseits war da plötzlich das jahrelange Ziel und damit der einzig wichtige Fokus weg, andererseits hiess das aber auch, dass er nicht in Kürze in Hochform sein musste. «Ein sauberer Wiederaufbau konnte beginnen.»

Diesen hat er sich einfacher vorgestellt, viel einfacher. Unterschätzt hat er, wie sachte er den Bewegungsapparat wieder an das harte, zweimalige Training am Tag heranführen musste. «Schultern, Knie und Fussgelenke waren wie eingerostet, sie musste ich erst wieder an die hohen Belastungen gewöhnen», sagt Desplanches. Und weil er in der Lagendisziplin alle vier Stile schwimmt, ist der ganze Körper betroffen. Zwei Monate benötigte er für den Steigerungslauf, bis «normales» Training wieder möglich war.

Am limitierendsten jedoch war die Lunge. «Ihre Kapazität ist um rund 40 Prozent zusammengesackt», vermutet Desplanches. Er lacht, wenn er daran denkt, wie er anfänglich erwartete, dass er wieder in gewohnter Manier loscrawlen könnte. «Ich war dann jeweils schnell am Anschlag.» Im Dezember ist er erstmals wieder wettkampfmässig geschwommen, «das war so schön!».

Rund fünf Monate hat sein Wiederaufbau gedauert, nun ist er in alter Stärke zurück. Im März schwamm er am Golden-Tour-Meeting in Marseille seine zweitbeste Zeit nach dem Rekord beim Silbergewinn. Ähnliches will er nun in Uster zeigen, seine Winnermentalität ist ungebrochen. Und der Kopf ist wieder besetzt vom einen Gedanken: Olympia.

11 Kommentare
    StefanBu

    Es wäre schön, wenn unsere Verantwortlichen nicht bloss an die Spitzensportler, sondern auch an kranke Personen, die Schwimmen als Therapie benötigen, denken würden. Es ist eine Zumutung! Mit meiner Behinderung habe ich Schmerzen, die ich bloß mit stärksten Opioiden ODER mit Schwimmen, beherrschen kann. Aber selbst ein Arztzeugnis reicht nicht! Ich darf nicht schwimmen! (Ich spreche nicht von Therapie im Käferberg, sondern von richtigem Schwimmen) Danke vielmals für die Ignoranz!