«Die Menschen sind tief verunsichert»

Thomas Bach ist als Präsident des IOK der mächtigste Sportfunktionär – und sieht Olympia trotz harscher Kritik des Westens als Erfolgsgeschichte. Trotzdem fordert er von der olympischen Familie neue Ideen.

Thomas Bach (60) drängt die IOK-Mitglieder zu Veränderungen, welche Olympia voranbringen sollen. Foto: Keystone

Thomas Bach (60) drängt die IOK-Mitglieder zu Veränderungen, welche Olympia voranbringen sollen. Foto: Keystone

Argwöhnisch beurteilte man zu Hause in Deutschland den Triumph von Thomas Bach. Nachdem er vor gut einem Jahr zum höchsten Sportfunktionär der Welt gewählt worden war, schrieb etwa die renommierte «Zeit»: «Bach steht für die Sinnentleertheit des Sports.» Die Aussage gründete darin, dass sich Bach zwar sukzessive an die Spitze des IOK ­gearbeitet hatte, der Kritik an sich und seinen Kollegen aber stets elegant aus­gewichen war. Kaum im Amt, schickte er die IOK-Familie aber in Klausur: Sie sollte ihn mit Ideen versorgen, wie die Spiele voranzubringen seien. Gestern stellte Bach in Lausanne die 40 ausgewählten Vorschläge vor. Über 40'000 waren im Rahmen der «Agenda 2020» eingegangen. Die Auswahl wird den IOK-Mitgliedern am 8./9. Dezember zur ­Abstimmung vorgelegt.

Reformen entstehen aus einem Stau heraus. Ist die «Agenda 2020» auch als Kritik an Ihrem Vorgänger Jacques Rogge zu verstehen?
Nein. Wir müssen diese Reformen jetzt durchführen, weil wir erfolgreich sind, sowohl sportlich wie finanziell. Denn die Welt verändert sich. Das kann der Sport nicht ignorieren.

An welche Änderungen denken Sie?
Ich will Ihnen zwei nennen: der Wechsel vom Analogen zum Digitalen. Auf welche Weise man also vor allem die jungen Menschen erreicht und fesselt, hat sich fundamental gewandelt. Zugleich war die Welt, von globalen Kriegen abgesehen, wohl noch nie so fragil wie heute: Wir leben mit wirtschaftlichen und politischen Krisen, Gesundheitsproblemen, regionalen Kriegen und Terrorismus. Die Menschen sind daher tief verunsichert. Entsprechend stellen sie auch an den Sport und seine Organisationen viel dringendere Fragen als früher.

Sie sagen, die Spiele seien ein Erfolg, was bezüglich der Finanzen stimmt. Zumindest in westlichen Ländern aber war die Kritik kaum je heftiger als in diesen Jahren. Wo also sehen Sie da den Erfolg?
Beispielsweise bei den TV-Einschaltquoten. Diese sind hervorragend. Ich sehe den Erfolg auch anhand des grossen Interesses in Europa, bald wieder Spiele veranstalten zu wollen. Richtig ist, dass es zuletzt Diskussionen gab, vor allem um die Winterspiele 2022.

Diskussionen bedeutet auf Deutschland oder die Schweiz heruntergebrochen, dass sich die Bevölkerung an den Urnen gegen Winterspiele aussprach.
Gemeinsam war bei beiden Projekten die falsche Vorstellung, um nicht zu sagen das Vorurteil, die Organisation von Spielen würde Unsummen verschlingen. Das ist falsch. Also muss das IOK besser erklären, was Spiele wirklich kosten.

Darauf weist das IOK seit Jahren hin. Sind die Menschen begriffsstutzig?
Nein. Sie sind in vielem kritischer, aber auch unsicherer geworden. Grundsätzlich hat jedes grosse Infrastrukturprojekt entsprechende Probleme, die Zustimmung der Bevölkerung zu erhalten. Das hängt auch damit zusammen, dass die Menschen auf einem hohen Niveau zufrieden sind – und nichts überstürzen wollen. Zumindest in Europa nicht.

Man kann die Sichtweise im Westen auch anders deuten: Sie steht für demokratische Werte. Die Staaten lassen ihre Bürger abstimmen, etwa zu Spielen, weil sie auch im Sport an einer Mitsprache interessiert sind.
Sie müssen nach den Gründen fragen, warum die Menschen zu einem negativen Urteil kommen.

Weil Sotschi zuletzt offenbarte, dass Menschenrechte und Umwelt nebensächlich sind und sich der Anlass auf 50 Milliarden Franken auswuchs.
Da fängt es schon an. Es gibt vom IOK keine Anforderungen, für Spiele Milliarden auszugeben. Es will die Qualität der Spiele sichern. Wenn es ein Land mit existierenden Stadien und vorhandener Infrastruktur schafft, begrüssen wir dies.

Wird es auch nach den Reformen noch Fälle wie Sotschi geben?
Ich muss offensichtlich nochmals erklären, wie Sotschi zustande kam: Russland hatte nach dem Auseinanderbrechen der UdSSR kein Wintersportzentrum mehr. Als Wintersportnation, die Russland ist, wollte es aber ein modernes Wintersportzentrum. Die Spiele dienten dem Land als Vehikel, um zusätzliche Gelder für dieses Gesamtprojekt zu generieren.

Wenn ein Staat weiter mit grosser Kelle anrühren und den Gigantismus fördern will, wird er dies folglich tun können?
Gigantismus ist ein Schlagwort, das man auf die Fakten herunterbrechen muss.

50 Milliarden Franken kostete Russland das ganze Unterfangen.
Wer hat diese Zahl in die Welt gesetzt? Sie wurde nie bewiesen. Wir vergeben die Spiele nicht nach der Grösse der ­Investition, sondern nach der Qualität der Bewerbung.

Nochmals: Wenn sich ein Staat verwirklichen will, kann er dies weiterhin anhand der Spiele tun?
Können Sie einem souveränen Staat das Recht verweigern, ein Wintersportzentrum aufzubauen?

Nein, aber das IOK kann den entsprechenden Kandidaten nicht wählen.
Das passierte doch schon!

Warum erhielt Sotschi dann den Zuschlag?
Wir sprechen stets von der Vergangenheit.

Was stimmt Sie zuversichtlich, dass die gleichen Mitglieder, die sich in den letzten Jahren als wenig reformeifrig zeigten, nun Reformen wollen?
Wir diskutierten mögliche Vorschläge erstmals in Sotschi. Ich hörte keinen einzigen destruktiven Beitrag der IOK-Mitglieder. Insgesamt erhielten wir 40'000 Beiträge, alle nahm ich als sehr positiv wahr.

Welches sind für Sie die Schlüsselvorschläge des Reformpakets?
Ich interpretiere die Vorschläge wie ein Puzzle, das ein Gesamtbild ergeben soll. Nehmen sie ein Teilchen weg, stimmt das ganze Bild nicht mehr. Darum werde ich dafür kämpfen, dass die Vision bestehen bleibt. Sie besagt, dass das IOK die Einzigartigkeit der Spiele sichert und den Sport in der Gesellschaft stärkt.

Welche Vorschläge dürften die Bevölkerung besonders interessieren?
Die grössere Flexibilität beim Organisieren von Spielen, letztlich also die grössere Vielfalt an Spielen. Die Zusammensetzung des Programms. Fragen zu Transparenz und guter Führung.

Ein wesentlicher Kritikpunkt fehlt in der Agenda: Der Veranstalterstaat muss jeweils eine Defizitgarantie für die Spiele abgeben. Diese Vorgabe zählt zu den Hauptsorgen vieler Menschen, weil letztlich sie mit ihren Steuergeldern haften.
Wenn das Organisationsbudget sauber geführt wird, ist das Risiko eines Defizits gleich null. Das Risiko des Defizits kommt immer daher, dass Regierungen versuchen, Infrastrukturprojekte ins Organisations- statt ins Infrastrukturbudget zu übertragen. Darum verlangen wir eine solche Garantie, damit die Kosten des Organisationsbudgets nicht ausufern können.

Jacques Rogge mochte es, wenn man ihn mit «Herr Präsident» ansprach. Pflegen Sie einen ähnlichen Stil mit Ihren Mitarbeitern?
Das müssen Sie meine Mitarbeiter fragen. Ich werde auch keine Vergleiche zulassen. Klar aber ist: Man muss seinen Führungsstil leben, also authentisch sein. Man kann nicht immer überlegen, was andere erwarten und wie die Botschaften wohl ankommen könnten.

Sind Sie ein strenger Chef?
Ich bin sicher fordernd. Aber ich verlange nichts, was ich nicht selber einzubringen bereit bin.

Was heisst das auf Ihr Arbeitspensum bezogen?
Ich zähle die Stunden nicht. Ich arbeite aus Freude, habe deshalb auch keinen negativen Stress.

Sie waren Spitzenathlet und Topanwalt, sind nun quasi ein Weltklassefunktionär. Haben Sie sich immer über Leistung definiert?
Jeder Mensch hat ein Leistungsstreben in sich. Das äussert sich einfach auf ­unterschiedliche Art. Jeder muss lernen, mit den Talenten, die er mit­bekam, gut umzugehen.

Aber Sie sind kein Neutrum. Sind Sie auf Ihre Karriere nicht stolz?
Ich schlafe abends nicht ein und denke: «Mann, was hast du heute wieder gerissen!» Zudem hilft mir meine Vergangenheit als Fechter. Ich habe gelernt, dass ab einem bestimmten Niveau kein Sieg von Dauer ist. Darum gilt es die Relationen zu wahren und das Maximum aus dem jeweiligen Moment herauszuholen. So ist das Leben.

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