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Kampf gegen FrankenstärkeDie Nationalbank kauft und kauft und kauft

Die Schweizer Notenbank macht mit ihren Beteiligungen an Apple, Microsoft und weiteren US-Firmen enorme Gewinne. Und ihre Devisenanlagen wachsen unaufhaltsam weiter.

Die Schweizerische Nationalbank wird immer mehr zur Grossinvestorin im US-Aktienmarkt.
Die Schweizerische Nationalbank wird immer mehr zur Grossinvestorin im US-Aktienmarkt.
Foto: Keystone

Die Schweizerische Nationalbank gehört zu den grossen Gewinnern der aktuellen Börsenhausse. Als die Märkte wegen der Corona-Pandemie im ersten Quartal einbrachen, kaufte die Nationalbank an den US-Börsen im grossen Stil zu und erhöhte ihren Aktienbestand in den USA um 16 Prozent.

Das zahlte sich im zweiten Quartal aus, wie den Daten der US-Börsenaufsicht SEC vom 31. März zu entnehmen ist. Der Wert ihres US-Aktienportefeuilles nahm um ein Viertel von 94 auf über 118 Milliarden Dollar zu.

Apple überholt Microsoft

Dank dem Boom der Apple-Aktie hat der iPhone-Konzern nun Microsoft als grösste Position im US-Aktienportfolio der Nationalbank abgelöst. 6,3 Milliarden Dollar war ihr Anteil an Apple Mitte Jahr wert, seither dürfte der Wert nochmals um rund 2 Milliarden zugenommen haben.

Auch die anderen Schwergewichte im Nationalbank-Portefeuille haben im zweiten Quartal sehr stark zugelegt: Microsoft plus 31 Prozent, Amazon plus 45 Prozent, der Google-Besitzer Alphabet plus 24 Prozent oder Facebook plus 39 Prozent.

Verloren hat die Nationalbank vor allem auf Anlagen in Ölfirmen, die unter dem schwachen Ölpreis leiden, sowie Unternehmen aus Reise und Handel, die von der Corona-Krise stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. In diesen Bereichen hat die Nationalbank viele Positionen abgebaut.

Dafür tauchen einige Pandemie-Profiteure neu in der Liste auf oder die Positionen wurden stark ausgebaut: Zum Beispiel der Videokonferenz-Anbieter Zoom, die an einem Covid-Impfstoff arbeitende Moderna, der Musikstreamingdienst Tencent, der Elektroautobauer Tesla oder der chinesische Onlinehändler Alibaba.

Die gekauften Devisenmilliarden müssen investiert werden

Die Nationalbank versucht ihre Aktienquote bei den Devisenanlagen konstant zu halten. Deshalb kauft sie laufend zu. Denn ihre Devisenbestände wachsen ständig, weil sie durch den Kauf vor allem von Euro und Dollar versucht, eine übermässige Aufwertung des Schweizer Frankens zu verhindern. Diese wachsenden Devisen­anlagen – mittlerweile erreichen sie die Grössenordnung von 863 Milliarden Franken – müssen investiert ­werden. Sie tut das zum grössten Teil in ausländische Staatsanleihen, aber zu einem Fünftel auch in Aktien.

Mit welchen Summen sie an den Devisenmärkten interveniert, verrät die Nationalbank nicht. Ein Indiz liefert jedoch das Wachstum der Sichtgut­haben, welche die Geschäftsbanken bei der Nationalbank halten. Kauft sie den Banken Fremdwährungen ab, schreibt sie den Gegenwert in Franken auf dem Girokonto der jeweiligen Bank gut.

Seit Anfang Jahr steigen die Sichtguthaben der Banken stetig an, bis letzte Woche um total 114 Milliarden Franken. Das macht im Durchschnitt Woche für Woche 3,5 Milliarden Franken. Das ist viel mehr als in den letzten Jahren. 2019 waren es im Schnitt pro Woche nur 200 Millionen, selbst im turbulenten Jahr 2015 betrug der Wochenschnitt nur 1,6 Milliarden Franken.

Wegen Covid-Krediten wird Schätzung schwieriger

Bis vor der Corona-Krise lieferten die Sichtguthaben ein zuverlässiges Indiz für die Devisenkäufe der Nationalbank. Seit den Notmassnahmen des Bundesrats Ende März ist das nicht mehr so einfach. Die Nationalbank stellt den Banken für die vom Bund garantierten Covid-Kredite Liquidität als gedeckte Darlehen zur Verfügung. Dies erhöht die Sichtguthaben der Banken. Damit wird es schwieriger, die Höhe der Deviseninterventionen zu schätzen.

Allerdings betragen die gedeckten Darlehen in der SNB-Bilanz Ende Juni erst gut 10 Milliarden Franken. Das erklärt den enormen Anstieg der Sichtguthaben im laufenden Jahr also nur zu einem kleinen Teil. Beobachter schätzen konservativ, dass die Nationalbank im laufenden Jahr Fremdwährungen im Wert von mindestens 75 Milliarden Franken gekauft hat.

Steckt im Dilemma: Nationalbank-Präsident Thomas Jordan in seinem Büro.
Steckt im Dilemma: Nationalbank-Präsident Thomas Jordan in seinem Büro.
Foto: Marco Zanoni

Nationalbank-Präsident Thomas Jordan steckt im Dilemma. Die Krise führt zu einem stärkeren Franken. Tut die Nationalbank nichts, bekommen Exportwirtschaft und Tourismus noch mehr Probleme. Andererseits droht wegen der hohen Devisenkäufen ein Problem mit den USA.

Trump droht mit Verurteilung der Schweiz als Währungsmanipulatorin

Im Januar setzte das US-Finanzministerium die Schweiz auf die Liste potenziell unfairer Währungsmanipulation. Die Schweiz erfüllt bereits zwei der drei von den Amerikanern dazu definierten Kriterien. Beide drehen sich um die Aussenhan­delsüberschüsse. Das dritte ­Kriterium dürfte wegen der Devisenmarktinterventionen der Nationalbank bald ebenfalls erfüllt sein. Ob die Regierung Trump dies zum Anlass für Pressionen gegenüber der Schweiz nehmen würde, ist jedoch nicht klar.

Es gibt keinerlei Anzeichen, dass die Nationalbank in absehbarer Zeit von den Devisenkäufen abrücken wird. Denn als Instrument gegen die Frankenstärke bleibt ihr sonst nur eine weitere Senkung der bereits rekordtiefen Negativzinsen. Das wäre technisch machbar, aber politisch stark umstritten. Damit bleibt die Kauflust der Nationalbank in den USA ungebrochen.