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Umstrittene Vorlage in LangnauDie Pläne von Aldi und Co. spalten das Volk

Am 27. September kommt die Planvorlage «Am Ilfiskreisel» an die Urne. Die Gegner wehren sich heftig. Dass Aldi sowieso kommt, wollen sie nicht glauben.

Heute ein Parkplatz, morgen ein markantes, mehrgeschossiges Wohn- und Geschäftshaus? Das Volk entscheidet.
Heute ein Parkplatz, morgen ein markantes, mehrgeschossiges Wohn- und Geschäftshaus? Das Volk entscheidet.
Visualisierung: PD

In Langnau läuft gerade ein engagierter Abstimmungskampf um die Zukunft des Areals «Am Ilfiskreisel». Das Parlament hatte die Planungsvorlage im Oktober 2019 zwar einstimmig genehmigt. Man könnte also meinen, die Pläne für die Überbauung seien breit akzeptiert. Aber eine Interessengemeinschaft aus Anwohnern ergriff das Referendum und hatte innert Kürze 521 gültige Unterschriften beisammen. Deshalb muss nun das Volk darüber befinden.

Für das Pro-Komitee, das sich aus Vertretern der Wirtschaft zusammensetzt, nimmt Bernhard Gerber Stellung. Als ehemaliger SVP-Gemeinderat hat er die Planungsvorlage massgeblich mitgestaltet. Für die Gegner argumentieren Renato Vögeli und Bruno Widmer. Und das sind die wichtigsten Themen, die im Zusammenhang mit der Vorlage diskutiert werden:

Der Umgang mit Bauland

Bernhard Gerber wirbt für ein Ja.
Bernhard Gerber wirbt für ein Ja.
Foto: Beat Mathys

Für die Befürworter wie Bernhard Gerber steht im Vordergrund, dass das Projekt das vorhandene Bauland stark ausnützt. Ressourcenschonend sei es, sagt er. Als Aldi im Frühling 2016 die Absicht kundtat, auf dem Areal einen Neubau zu erstellen, wollte es der Gemeinderat nicht bei einem normalen Baubewilligungsverfahren bewenden lassen. Ihm graute vor einem eingeschossigen Aldi-Laden an dieser prominenten Lage am Dorfeingang.

Im November 2016 wurde zwischen der Aldi Suisse AG und der Gemeinde Langnau eine Planungsvereinbarung abgeschlossen. Unter Einbezug verschiedener Experten entstand dann das vorliegende Richtprojekt: ein Geschäftshaus, das auf der Seite zum Ilfiskreisel vier Geschosse, Richtung Burgdorfstrasse zwei umfasst. Im Erdgeschoss ist Platz für den Detailhandel, darüber gibt es Gewerberäume, und im dritten und im vierten Stock sollen Wohnungen entstehen. Parkplätze müssen unterirdisch in einer zweigeschossigen Einstellhalle geschaffen werden.

Wer ist Bauherr?

Das Land gehört dem Langnauer Bauunternehmer und BDP-Parlamentarier Hannes Stämpfli respektive dessen Ferienpark Immobilien AG. Nach der Abstimmung werde er es einem Investor verkaufen, der das Vorhaben finanzieren werde. Wer das sein wird, dürfe er noch nicht verraten. Sicher ist: Es ist nicht die Firma Aldi, die als Bauherrin auftreten wird, obwohl sie im Erdgeschoss ihre langersehnte Filiale realisieren will. Denn wegen der Lex Koller dürften ausländisch beherrschte Firmen in der Schweiz keine Wohnungen besitzen, erklärt Stämpfli. Umgesetzt werde das ganze Projekt dann von der Firma Halter aus Bern.

Der Verkehr

Renato Vögeli (links) und Bruno Widmer bekämpfen die Vorlage unter anderem, weil sie stehende Autokolonnen befürchten.
Renato Vögeli (links) und Bruno Widmer bekämpfen die Vorlage unter anderem, weil sie stehende Autokolonnen befürchten.
Foto: Marcel Bieri

Es ist vor allem der erwartete Mehrverkehr, der die Bewohner des Gebiets um den Ilfiskreisel bewog, das Referendum gegen die Planungsvorlage zu erheben. «Ein Teil des Mehrverkehrs soll aktiv durch Passierstrassen gelenkt werden, ein Teil wird sich seinen Weg durchs Dorf suchen, um Stau zu umgehen», sagt Renato Vögeli. Ihre Bedenken bezüglich Verkehr seien in der Mitwirkung vom Gemeinderat nicht berücksichtigt worden, doppelt Bruno Widmer nach.

Immerhin hat das Parlament dafür gesorgt, dass auf der Burgdorfstrasse Tempo 30 eingeführt wurde. Doch im Allgemeinen stützte sich der Gemeinderat auf Berechnungen von Verkehrsingenieuren und Fachleuten des kantonalen Tiefbauamtes, laut denen der Ilfiskreisel den anfallenden Verkehr bewältigen können wird. Doch die Gegner wollen verhindern, dass am Rand des Dorfes Langnau eine «Einkaufsmeile» entsteht.

Profitiert das Dorf?

Die Gegner sind klar der Meinung, dass Langnau im Moment weder einen weiteren Grossverteiler noch neue Ladenflächen und Wohnungen nötig habe. Damit kämen die Besitzer leer stehender Geschäfte und Wohnungen im Dorf bloss unnötig unter Druck. Sie befürchten, dass Läden verschwinden und sich das Zentrum entleeren wird. Denn daran, dass Aldi-Kunden auch im Dorf Einkäufe tätigen werden, glauben sie schon gar nicht. Bernhard Gerber hingegen ist überzeugt, dass das Projekt einen Mehrwert biete für die Gemeinde. Aldi bringe mehr Leute nach Langnau, davon könne das übrige Gewerbe profitieren, wenn es diese Chance mit guten Angeboten nutze.

Kommt Aldi auch bei einem Nein?

Ja. Aldi baut Druck auf und schreibt auf die entsprechende Anfrage: «Wir werden auch bei einer Ablehnung der ZPP ‹Am Ilfiskreisel› in Langnau eine Filiale eröffnen.» Der Bau eines Ladens mit 1000 Quadratmetern am Standort Ilfiskreisel sei dabei «ein sehr wahrscheinliches Szenario».

Anders als vor vier Jahren würde das Unternehmen nicht mehr Hand bieten für eine Planungsvereinbarung und ein Baugesuch gemäss dem aktuell gültigen Baureglement einreichen. Und somit wäre auch ein einstöckiges Verkaufsgeschäft mit oberirdischen Parkplätzen möglich. Die Gemeinde könnte nicht erneut zusätzliche Auflagen machen und bei der Planung mitreden. Das bestätigt auch die Regierungsstatthalterin Claudia Rindlisbacher: «Die Gemeinde muss in der Folge ein Baugesuch entgegennehmen, dieses nach den geltenden Vorschriften prüfen und, wenn es diese einhält, auch bewilligen.»

Unzulässiges Killerargument?

Die Gegner finden, es sei unredlich, wenn nun behauptet werde, im Falle einer Ablehnung der Vorlage verliere die Gemeinde bei einem neuen Baugesuch ihr Mitspracherecht. Sie verweisen auf die Tatsache, dass das Dorf Langnau im Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz aufgeführt ist, weshalb der Planung besondere Beachtung zu schenken sei. Sie schreiben in der Abstimmungsbotschaft: «Bei Ablehnung der Zonenplanänderung ist die Gemeinde in der Verantwortung, für dieses besondere Stück Land eine neue geeignete und ästhetisch gute Lösung zu finden.»

Laut dem Regierungsstatthalteramt liegt das besagte Areal in der sogenannten Umgebungszone, grenzt also an erhaltenswerte Bebauungen an. Hier dürften deshalb im Baubewilligungsverfahren etwa der Heimatschutz oder die kantonale Kommission zur Pflege der Orts- und Landschaftsbilder Stellungnahmen einreichen. Das Statthalteramt erklärt: Dabei handle es sich um eine Fachbeurteilung zuhanden der Baubewilligungsbehörde, sie sei aber nicht bindend.

Die Zukunft

Sowohl für die Befürworter als auch für die Gegner geht es in der Vorlage um eine grundsätzlich zukunftsweisende Entscheidung. «Wenn wir hier eine Abfuhr erleben – wer will dann noch in Langnau investieren?», stellt Bernhard Gerber die rhetorische Frage. In seinen Augen gewinnt die Gemeinde bei einem Ja an Attraktivität, was die Chance erhöhe, bessere Steuerzahler anzuziehen. Für die Gegner ist das kein erstrebenswertes Ziel: «Wir wollen, dass Langnau das schöne Dorf im Emmental bleibt», sagt Bruno Widmer. Gerade mit Blick auf die jüngere Generation sei Nachhaltigkeit wichtig, doppelt Renato Vögeli nach. «Mehr und grösser bauen, um Wachstum zu generieren, darf heute nicht mehr die Maxime sein.»