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Analyse zur Macht der SymboleDie Politik der Gummistiefel

Wenn Donald Trump auf einem seiner Golfplätze über das Leiden der Amerikaner redet, missachtet er ein Prinzip der Politik: Die Inszenierung.

Ausgerechnet von einem seiner vielen Golfplätze aus erklärte er, wie er den armen und kranken Amerikanern helfen möchte: US-Präsident Trump.
Ausgerechnet von einem seiner vielen Golfplätze aus erklärte er, wie er den armen und kranken Amerikanern helfen möchte: US-Präsident Trump.
Foto: Keystone

Seine erneute Kandidatur als Präsident will Donald Trump im Süden erklären, in einer einst umkämpften Stadt des Sezessionskrieges. Damit wird Ideologie zur Geografie: Make White America Great Again. Darauf sind seine Rhetorik, seine Handlungen und die ganzen Auftritte hin angelegt. Der schwindenden weissen Mehrheit im Land, die schon bald von den Schwarzen, Latinos und anderen Bevölkerungsgruppen minorisiert wird, das Herrschaftsprimat zu garantieren.

Noch vor wenigen Tagen bewies Trump, der grosse Selbstinszenierer, erstaunliches szenisches Ungeschick: Ausgerechnet von einem seiner vielen Golfplätze aus erklärte er, wie er den armen und kranken Amerikanern helfen möchte. Und dass beim Umgang mit der Corona-Pandemie alle Schuld trügen ausser ihm.

Sie haben eine enorme Wirkung auf die Einschätzungen der Wählerschaft: die politische Geste, der achtlos sorgfältig geäusserte Satz, die Umarmung, der Händedruck, der Kniefall, die Garderobe. Selbst bei einem Fernsehduell, in dem vor allem geredet wird, entscheidet die Körpersprache zu achtzig Prozent über den Eindruck, den ein Kandidat oder eine Kandidatin beim Publikum hinterlässt.

Der damalige Deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder im August 2002 bei der Besichtigung von Flutschäden im Bundesland Sachsen.
Der damalige Deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder im August 2002 bei der Besichtigung von Flutschäden im Bundesland Sachsen.
Foto: DPA/Keystone

Gerhard Schröder gewann die Bundestagswahl von 2002 gegen Edmund Stoiber vermutlich in dem Moment, in dem er in Gummistiefeln das von der Elbe geflutete Deutschland durchwatete, während Stoiber sich die Katastrophe vom Helikopter aus ansah. Richard Nixon verlor gegen John F. Kennedy auch deshalb, weil er bei der Debatte schwitzte, das wirkte überfordert. Adolf Ogi schadete seinem Einsatz gegen die Alpeninitiative am meisten selber; er wirkte in der «Arena» vom 4. Februar 1994 unbeherrscht und arrogant, während der Urner Regierungsrat Hansruedi Stadler, zum ersten Mal im Fernsehen, den schlauen Bergler spielte. Ogi wurde zum Gessler.

Unvergessen der Handschlag von Helmut Kohl und François Mitterrand vor den Gräbern von Verdun. Bewegend der Kniefall von Willy Brandt beim ehemaligen Warschauer Ghetto. Erschütternd das «Amazing Grace» von Barack Obama, gesungen an der Trauerfeierlichkeit für die neun Afroamerikaner, die von einem 21-Jährigen weissen Rechtsextremen in einer Kirche erschossen worden waren. Kalkuliert frech die Turnschuhe, in denen sich Joschka Fischer als erster grüner Minister vereidigen liess (er trug sie nur dieses eine Mal, sie stehen seither im Ledermuseum von Offenbach). Von einer Ovation gefeiert das «Ich bin ein Berliner» von John F. Kennedy, ein Satz, der im letzten Moment in seine Rede eingefügt worden war und dessen Aussprache Kennedy mehrmals üben musste.

John F. Kennedy hält am 26. Juni 1963 seine Rede mit dem berühmten Ausspruch «Ich bin ein Berliner» in Berlin.
John F. Kennedy hält am 26. Juni 1963 seine Rede mit dem berühmten Ausspruch «Ich bin ein Berliner» in Berlin.
Foto: AP/Keystone

Man kann es mit der Überkonkretisierung der Politik auch übertreiben. Angewidert erinnert man sich an «Joe the Plumber» beim Wahlkampf zwischen Barack Obama und John McCain. Samuel Joseph Wurzelbacher, wie der kahle Klempner heisst, ein Republikaner mit politischen Ambitionen, bekam 2008 seine 15 Minuten Ruhm, als er Obama mit dem Vorwurf konfrontierte, dessen Steuerpolitik würde ihm als kleinem Unternehmen schaden. Barack Obama antwortete umständlich, dafür entdeckten John McCain, Sarah Palin und die Republikaner ihre Liebe zur Klempnerei. Joe wurde medial zum Stellvertreter Amerikas gestemmt.

Dann noch lieber ein Berliner.

12 Kommentare
    Claire Deneuve

    Oder der gute alte Ludwig Erhard, der auch eher unfreiwillig zum Vater der sozialen Marktwirtschaft wurde, war er doch als Ordoliberaler für eine freie Marktwirtschaft. Nach der Währungsreform von der Reichs-& der Rentenmark zur D-Mark am 20. Juni 1948 begannen die Preise rasch zu steigen, im August kam es zu ersten Protestaufmärschen, in Teilen der CDU hatte man ab 1947 noch Vorstellungen von einem "Christlichen Sozialismus". Dass sich die "soziale Marktwirtschaft" im Gegensatz zur "unsozialen Planwirtschaft" schlussendlich durchsetzte dürfte dem ersten Generalstreik in D überhaupt am 12. November 1948 zu verdanken sein mit über 9 Millionen Streikenden gegen die Politik von Ludwig Erhard.

    Und so rückte auch Ludwig Erhard von seinen ursprünglichen Vorstellungen einer Wirtschaftsordnung für Nachkriegsdeutschland ab und wurde dann als der Vater der sozialen Marktwirtschaft bekannt. Er hat dann seine "Vaterschaft" auch anerkannt