Die reichste und ärmste Stadt der Welt

Markus Somm über New York, das zerfällt.

Markus Somm@sonntagszeitung

Wer in Amerika Auto fährt, stellt bald fest, in welch erbärmlichem Zustand sich die Infrastruktur befindet: Mitten in der Strasse klaffen Schlaglöcher von einer Grösse, die man nie für möglich gehalten hätte, der Asphalt ist uneben und von Flicken übersät, Brücken wirken so alt, als ob die Römer sie gebaut hätten. Oft glauben die Europäer, die sich anderes gewöhnt sind, hierin die Armut eines Staates zu erkennen, der von den Konservativen seit Jahren ausgehungert wird. Indem die Reichen dafür sorgen, dass dauernd die Steuern gesenkt werden, so geht die Rede, sehen sich die bedauernswerten Behörden ausserstande, Strassen, Tunnel, Flughäfen oder Schulen in Schuss zu halten.

Befriedigt kehrt der eine oder andere Europäer dann nach Hause zurück und zahlt wieder gerne seine Steuern. Tatsächlich irrt er sich gewaltig. Die Infrastruktur in Amerika zerfällt nicht wegen zu tiefer, sondern trotz hoher Steuern. New York zum Beispiel, eine der reichsten Städte der Welt, boomt, und so boomen die Steuereinnahmen. Seit Jahren nimmt die Stadt jedes Jahr mehr Geld ein, und im amerikanischen Vergleich zahlt man so gut wie nirgendwo höhere Steuern als hier. Mit anderen Worten, es sollte genug Geld vorhanden sein, dass die (öffentlich subventionierte) U-Bahn etwa pünktlich fährt. Doch seit Jahren verschlechtert sich deren Leistung. 2017 erreichten bloss 65 Prozent der Züge ihr Ziel zur vorgesehenen Zeit, fünf Jahre zuvor lag dieser Wert noch bei 86 Prozent. Die Schienen krachen, die Züge quietschen: Weil kaum ins Netz investiert wird, bremsen die Fahrer öfter, als dass sie beschleunigen. Wohin nur fliesst das viele Geld, über das die New Yorker Politiker verfügen?

Wie fast immer, wenn Behörden viel Geld erhalten, nimmt ihre Macht zu, und das äussert sich in vielen, vielen Vorschriften. Das wiederum treibt die Kosten in die Höhe. Nirgendwo ist das Bauen inzwischen so teuer wie in New York. Wenn hier ein Wolkenkratzer hochgezogen wird, muss ein gut bezahlter Ingenieur den Warenlift bedienen, obwohl ­dieser automatisch funktioniert – so will es der Staat. Als ­Sicherheitsvorschriften getarnte Regulierungen zwingen die Bauunternehmen auch dazu, mehr Leute einzusetzen, als nötig wären.

«Eine Minderheit von öffentlichen Angestellten lebt auf Kosten aller anderen.»

Wenn in New York ein Tunnel gebohrt wird, sind 25 Arbeiter erforderlich, um die Maschine zu betreiben – das ist viermal so viel wie etwa in Deutschland. Davon ist am Ende auch die U–Bahn betroffen. Jede Renovation und jede Erweiterung verschlingt astronomische Summen. Einen ­Kilometer Tunnel zu realisieren, kostet in New York um die 1,5 Milliarden Franken, während in der Schweiz, ebenfalls einem der teuersten Standorte der Welt, sich die Kosten für einen Kilometer Neat auf 440 Millionen Franken beliefen. Unlängst stellte ein ­Bericht der amtlichen Rechnungsprüfer fest, dass auf einer Tunnelbaustelle in New York 900 Leute beschäftigt waren, wovon bei 200 unklar blieb, was sie eigentlich zu tun hatten. Sie standen herum, weil die Gewerkschaften das so verlangten.

Das ist der zweite Grund, warum in New York jede Erneuerung der Infrastruktur fast unbezahlbar geworden ist: mächtige, öffentliche Gewerkschaften, die so mächtig sind, dass hier kein Demokrat je in ein Amt gelangt, ohne dass er nachher tut, was die Gewerkschaften für richtig befinden. Die Demokraten sind traditionellerweise eng mit den Gewerkschaften verbunden. Ohne deren Geld und Unterstützung fiele es den Demokraten schwer, einen Wahlkampf zu gewinnen. Einmal gewählt, gilt es, die Versprechen einzu­lösen, die man den Wahlhelfern gegeben hat, und das heisst: höhere Löhne, bessere Sozialleistungen, mehr Stellen.

So zahlt etwa jene Behörde, die die (miserablen) Flughäfen der Region New York betreibt, fast grotesk hohe Saläre. Ein Sergeant der Flughafenpolizei verdient dank grosszügigen Überstundenregelungen durchschnittlich rund 182'000 Dollar im Jahr. Damit gehört die New Yorker Flughafenpolizei zur höchstbezahlten Truppe des Landes. Auch einem Elektriker geht es viel besser, sobald er beim Flughafen angestellt ist: 111'000 Dollar erhält er, was bei weitem mehr ist, als er je bei einem privaten Arbeitgeber bekäme. Wer nun einwendet, das sei doch sozial, übersieht, dass hier eine Minderheit von öffentlichen Angestellten auf Kosten aller anderen lebt – wogegen die Infrastruktur, die allen nützen würde, vor die Hunde geht.

Dass es auch anders ginge, zeigen Bundesstaaten, die weniger Steuern verlangen und wo die Gewerkschaften weniger Macht besitzen, wie etwa Texas. Hier befindet sich die Infrastruktur in tadellosem Zustand. Wer kann, zieht nach Texas.



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