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Berühmteste Flipflops der Welt Die Schlappe schlechthin

Havaianas stehen für brasilianische Lebensfreude. Doch sie können noch mehr: In der Corona-Krise erweisen sie sich als überraschend vielseitige Wunderschlappe.

Reis, Bohnen, Flipflops – in Brasilien sind das alles Grundbedürfnisse. Jedenfalls zählt Havaianas, die Mutter aller Zehenlatschen, schon seit den Achtzigerjahren zu den von der Regierung festgelegten «fundamentalen» Produkten, um den Preis in Krisenzeiten vor Inflation zu schützen und staatlich kontrollieren zu können. Fast jeder Brasilianer besitzt ein Paar.

Weltweit werden mittlerweile mehr als 250 Millionen im Jahr verkauft, weil längst überall im Sommer nicht mehr nur die Badehose eingepackt wird, sondern auch diese Schlappe. Havaianas seien zum Inbegriff von brasilianischem «Easy Going» geworden, steht auf der Website. Tatsächlich ist der Bestseller im Ausland das klassische Modell mit der gelb-grünen Fahne drauf – und genau hier kommt das Ganze jetzt vielleicht ein bisschen ins Stolpern.

Ist Brasilien überhaupt noch Easy Going?

Denn so richtig viel Easy Going ist in Brasilien ja gerade nicht. Erst kam Jair Bolsonaro, ein rechtspopulistischer, demokratiefeindlicher Präsident, dann brannte der Regenwald am Amazonas, aktuell zählt das Land zu den am schlimmsten von Covid-19 betroffenen Nationen: Mehr als zwei Millionen Personen haben sich mittlerweile mit dem Virus angesteckt, 84’000 sind bislang daran gestorben.

«Brasilianer haben die glücklichsten Füsse der Welt.»

Havaianas

Füsse sagten viel über die Menschen aus, aber alles über Brasilianer, heisst es bei Havaianas. «Sie haben die glücklichsten Füsse der Welt.» Aber dieses Lebensgefühl, in das die Kunden all die Jahre so lässig hineinschlüpfen wollten, gibt es das überhaupt noch so? Roberto Funari lächelt freundlich in den Computer-Bildschirm hinein, hinter ihm an der Wand hängt ein Trikot der brasilianischen Fussballnationalmannschaft, der anderen grossen Ikone des Landes.

Der CEO von Alpargatas, dem Mutterkonzern von Havaianas, hört die Frage nicht zum ersten Mal, zu sehr ist das Image der Marke mit dem des Heimatlandes verbunden. «Wissen Sie, diese Schuhe haben jetzt schon 58 Jahre überstanden. Mit vielen verschiedenen Phasen und verschiedenen Regierungen», sagt Funari ruhig. «Die Werte der Marke sind letztlich viel grösser als Nationalismus oder Politik, sie sind emotionaler Natur.» Ihre einfache Form, die vielen Farben, ihr geringer Preis – das alles symbolisiere Freiheit, Freude und Hoffnung. Vor allem deshalb werde der Schuh so geliebt.

Aber natürlich weiss auch Funari, dass selbst Herzensangelegenheiten sich schnell ändern können. Man beobachte genau, wie die Marke im In- und Ausland wahrgenommen werde. Und offensichtlich glaubt der Manager, dass so viel Liebe auch eine gewisse Verantwortung mit sich bringt. «Wir haben uns gleich am Anfang der Corona-Krise gefragt, wie wir nach dieser Krise in Erinnerung bleiben möchten», sagt Funari. «Die Antwort war ganz klar: als eine Marke, die sich um die Gesellschaft gekümmert hat.»

Firma engagiert sich in der Corona-Krise

Bevor Funari vor eineinhalb Jahren zu Alpargatas kam, hat er jahrelang Erfahrung in NGOs gesammelt; er engagiert sich noch immer in einer Organisation, die Studenten aus armen Verhältnissen den Zugang zu Universitäten ermöglicht. «Empathie führt zu Empathie, das ist eine der grössten Stärken von uns Brasilianern», glaubt Funari. Gleich zu Beginn der Krise stellte die Firma Hilfsgüter bereit: Schutzmasken, Tests, Beatmungsgeräte, spezielle Schuhe für das Krankenhauspersonal, umgerechnet fast 110 Millionen Franken wurden an die grösste Hilfsorganisation des Landes gespendet.

Vor allem die sozial schwachen Bevölkerungsgruppen hat das Unternehmen im Blick. «Wie sich herausstellte, sind Fake News gerade in den Favelas ein grosses Problem», erzählt Funari. Also wurde eine Radiostation in einem der grössten Armenviertel von Rio de Janeiro mit Lautsprecheranlagen und Geldern unterstützt, um die Einwohner über Hygiene- und Schutzmassnahmen informieren zu können. Ausserdem liess man Grundnahrungsmittel verteilen und einen Sozial-Fonds einrichten, bei dem jede eingegangene Spende von Alpargatas noch einmal verdoppelt wird.

Vorbild war die japanische Zori-Sandale

Die Nähe zur ärmeren Bevölkerung Brasiliens ist keineswegs zufällig, denn im Grunde kommt der Schuh genau von dort her. Als die beiden Chefs von Alpargatas 1962 auf die Idee kamen, eine robuste Gummischlappe nach dem Vorbild der traditionellen japanischen Zori-Sandale zu entwickeln – nur statt mit einer Sohle aus Reisstroh und Stoffriemen eben wasserresistent und reissfest –, schufen sie einen Schuh, den sich so gut wie jeder leisten konnte. Der Name sollte obendrein ein Stück weit nach Paradies klingen.

Die japanische Reisstroh-Sandale diente als Vorbild für die Havaianas.
Die japanische Reisstroh-Sandale diente als Vorbild für die Havaianas.
Foto: PD

Für viele Brasilianer sind Havaianas noch immer das einzige Schuhwerk. Lange Zeit galten sie deshalb als Armen- oder Arbeiterlatsche. Erst in den Neunzigerjahren änderte sich das Image allmählich. Weil die Verantwortlichen merkten, dass auch reiche Brasilianer sehr wohl Havaianas trugen, aber nur daheim, wo sie keiner sah, drehte die Marke einen Spot mit Prominenten. Ein Filmteam besuchte sie in ihren Häusern, die Kamera zoomte auf die Füsse – und schon gewann der Billigschuh im eigenen Land deutlich an Ansehen.

Schneeweisse Exemplare als Hochzeitsgeschenk

Durch den wirtschaftlichen Aufschwung Brasiliens und steigenden Tourismus entdeckte auch das Ausland mehr und mehr die gut gelaunte, bunte National-Ikone, brasilianisches Easy Going eben. In den Nullerjahren, im Zuge immer nachlässiger werdender Dresscodes, wurden Flipflops dann sogar zum Modephänomen, das zu allem und überall getragen wurde. Beim Einkaufen, im Flugzeug, sogar im Büro. Heute gibt es sie mit dünnen Riemen, extradicker Sohle, in Leoparden-Optik oder als Designer-Version, zuletzt zusammen mit der japanischen Marke Mastermind.

Ursprünglich wurden übrigens ausschliesslich blau-weisse Schlappen produziert. Durch einen Produktionsfehler Ende der Sechzigerjahre landeten versehentlich grüne Modelle in den Läden – und die Leute liebten sie so sehr, dass daraufhin immer mehr Farben dazukamen. Mittlerweile werden auf Hochzeiten sogar häufig schneeweisse an die Gäste verteilt, als Geschenk des Brautpaares und als bequemes Schuhwerk fürs spätere Tanzen. Für manche sind Flipflops längst ein Alltagsgegenstand wie Taschentücher oder Coca-Cola.

Deutlicher Anstieg bei Onlineverkäufen

So leicht lasse sich dieser Schuh deshalb nicht aus dem Tritt bringen, meint Roberto Funari. Im Übrigen stünden Havaianas ja ganz allgemein für Sommer, Sonne, Strand – Assoziationen, die viele Menschen in diesen Zeiten besonders brauchten. Bei den Onlineverkäufen verzeichnete die Marke in den vergangenen Monaten bereits einen deutlichen Anstieg.

Seit letztem Sommer erlebt die Schlappe sogar in der Mode ein Revival. Models und Influencer trugen am Rande der Modenschauen die einfachen Modelle als Kontrast zu eleganten langen Kleidern. Einer der aktuell stärksten Trends in der Schuhmode ist womöglich nicht zuletzt deshalb die «barely there», die «Fast nicht da»-Sandale. Schuhe mit wenigen dünnen Schnüren oder nur einem Zehensteg aus Leder, gelegentlich auch mit Absatz. Alles Nachfahren des minimalistischen Flipflop-Designs.

Corona-Patienten erhalten Havaianas

Ein grosser Teil der aktuell produzierten Paare wird allerdings gar nicht verkauft, sondern verschenkt. Denn abgesehen von all den anderen Hilfsgütern in der Corona-Krise hat die Marke natürlich auch mit ihrem eigenen Produkt geholfen: Hunderttausende Schuhe wurden an Favelas und Krankenhäuser gespendet. «Zuerst riefen uns vor allem Ärzte und Krankenschwestern an», erzählt Funari, «weil die Gummisohlen so einfach zu reinigen und zu desinfizieren sind.»

Dann allerdings hätten die Krankenhäuser für Patienten angefragt, weil viele von ihnen ohne Schuhe in den Notfall kommen. Deshalb versucht das Unternehmen jetzt dafür zu sorgen, dass sie, wenn sie das Krankenhaus wieder verlassen können, ein Paar Havaianas zur Verfügung gestellt bekommen. Als kleinen Schritt in Richtung Hoffnung.