Die Sonne im Tank

Bertrand Piccard vermarktet grossartig biedere Umwelttechnologie. Die Herausforderung kommt aber erst nach der Show.

Mit Solarenergie rund um die Welt: Bertrand Piccard bei einem Test im Flugsimulator. Foto: Jean Revillard (Rezo, Solar Impulse)

Mit Solarenergie rund um die Welt: Bertrand Piccard bei einem Test im Flugsimulator. Foto: Jean Revillard (Rezo, Solar Impulse)

Martin Läubli@tagesanzeiger

Es ist, als gehörte es zur grossartigen Inszenierung von Bertrand Piccard und André Borschberg. Als hätte sich die Natur mit den beiden Abenteurern verbündet, um die Dramaturgie eines Traumes zu steigern. Die erste Erd­umrundung mit einem Flugzeug, das die Energie aus der Sonne schöpft. Erwartungsvoll wartet die Welt, bis der viermotorige Flieger in Abu Dhabi endlich abhebt. Mit jeder neuen ­Verspätung erhält das Projekt Solar Impulse zusätzlich Spannung. Heute in einer Woche ist der nächste Termin.

Ein Projekt der grossen Zahlen

Das passt zum Brimborium, das der Westschweizer Piccard seit Jahren in der Schweiz und noch viel mehr im Ausland veranstaltet. Träume kann der studierte Psychiater wie kein zweiter verkaufen. Zehn Jahre erhielt er die Spannung in der Öffentlichkeit durch geschicktes Marketing aufrecht. Solange brauchten Ingenieure und Wissenschaftler, um den Solarflieger zu entwickeln. Zahlreiche Unternehmen waren daran beteiligt, mit ihrem Wissen – und viel Geld.

Der bevorstehende Flug ist schon ein Superlativ, bevor er geglückt ist. 150 Millionen Franken kostet das Abenteuer, davon allein 400'000 Franken der Transport des Fliegers von Payerne VD nach Abu Dhabi. Die Tragfläche ist länger als die eines Jumbo-Jets. 17'000 Solarzellen verwandeln Sonnenenergie in elektrischen Strom, der wiederum vier Elektromotoren antreibt. Die Piloten Piccard und Borschberg trainierten hart, um in der engen Kabine den Flug über den ­Pazifik ohne Stopp, während fünf Tagen und fünf Nächten, zu überstehen.

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Beeindruckende Logistik

Die grosse technische Leistung liegt nicht darin, grundlegend Neues ­er­funden zu haben. Schon lange Vorhandenes wurde massgeschneidert und clever für den grossen Auftritt optimiert. Die Logistik mit einem ­mobilen Hangar und dem Hightech-Kontroll­zentrum in Monaco beeindruckt.

Solche Auftritte braucht es, um die Politik hin zu einer umweltschonenden Welt zu bewegen, glaubt Piccard. Tatsächlich lassen sich Politiker gern vor das Flugzeug stellen. Vor dieser Kulisse lässt sich leichter über Klimaschutz und Energiesparen sprechen. Schliesslich ist die Solar Impulse der Beweis, dass es die ­Technologie dafür schon längst gibt. Faszination und Bewunderung haben aber noch nie zu politisch grundlegenden Veränderungen ­geführt. Das wird auch bei diesem Projekt nicht der Fall sein, trotz des grossen persönlichen Netzwerks von Piccard und Borschberg.

Intelligente Technik

Die Stärke von Solar Impulse liegt im Marketing. Der Flug ist eine Art Product-Placement für eine Zukunft mit erneuerbarer Energie und ­intelligenter Technik, losgelöst von klima­schädlicher Kohle, von Erdöl und Gas.

Der Flieger präsentiert auf dem fünfmonatigen Flug einem Millionenpublikum «grüne» Technik, die bisher als wenig sexy galt: hocheffiziente Solarzellen, effektive Elektromotoren, starke Batterien, ein Hightech-Cockpit.

Einen Boom wird das Abenteuer nicht auslösen. Aber vielleicht die Einsicht bringen, dass Sonnen- und Windenergie und viele andere ­Umwelttechnologien für eine moderne Gesellschaft stehen und damit auch die jüngere, digitale Generation ­ansprechen.

Sollte den beiden Abenteurern der Weltrekord gelingen, beginnt für Piccard und Borschberg erst die ­eigentliche Heraus­forderung: Der Verkauf des Traums, den Planeten Erde zu retten – ohne die fantastische ­Geschichte zweier ­wagemutiger ­Männer.

Tages-Anzeiger

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