Zum Hauptinhalt springen

Analyse zu Djokovics Corona-DebakelFür den Tennis-König wird das Folgen haben

Nun wurde sogar Novak Djokovic nach seinem Turnier positiv auf Covid-19 getestet. Gut möglich, dass seine Karriere dereinst überschattet wird von dieser Dummheit – als Spielerratspräsident ist er jetzt schon nicht mehr tragbar.

Novak Djokovic (links) und Grigor Dimitrov bei einer Pressekonferenz der Adria-Tour.
Novak Djokovic (links) und Grigor Dimitrov bei einer Pressekonferenz der Adria-Tour.
Foto: Getty Images

Vielleicht hätten einige Spielerkollegen stutzig werden sollen, als Novak Djokovic im Mai bei einem seiner Instagram-Livechats im Zwiegespräch mit seinem «Meister» Chervin Jafarieh behauptete, mit positiven Gedanken könne man verschmutztes Wasser reinigen. Doch der aktuell weltbeste Tenniscrack tritt eben nicht nur auf dem Court, sondern auch daneben sehr überzeugt auf von sich und dem, was er tut. So konnte er für seine Adria-Tour, dem ersten internationalen Tennisturnier zu Zeiten von Covid-19, ein Staraufgebot zusammentrommeln: Topspieler wie Dominic Thiem, Alexander Zverev, Grigor Dimitrov, Marin Cilic oder Andrei Rublew machten mit.

Inzwischen bereuen es alle, Djokovic vertraut zu haben. Diverse Spieler (Dimitrov, Coric, Troicki) und ihre Angehörigen haben sich im kroatischen Zadar mit dem Coronavirus infiziert. Und nun sind also auch die Tests von Djokovic und seiner Frau Jelena positiv ausgefallen. Nach ihrer Rückkehr nach Belgrad liessen sie sich testen, immerhin sind ihre beiden Kinder negativ. Bei Viktor Troicki steckte sich sogar die schwangere Frau an. Und in Kroatien ist das Ausmass der Ansteckungswelle noch gar nicht abzuschätzen. Denn die Tenniscracks mischten sich unters Volk.

Social Distancing? Ein Fremdwort: Novak Djokovic mit den Volunteers der Adria-Tour.
Social Distancing? Ein Fremdwort: Novak Djokovic mit den Volunteers der Adria-Tour.
Foto: Keystone

Djokovic war lange immun gewesen gegen die Ratschläge, wenigstens ein Mindestmass an Sicherheitsmassnahmen (wie Desinfektionsmittel) zu berücksichtigen. Nun zeigt er sich reuig. So liess er in einem Statement verlauten: «Wir organisierten die Tour in einem Moment, als das Virus am Abflauen war, und dachten, es wäre eine gute Zeit dafür. Leider ist das Virus immer noch präsent, und es ist eine neue Realität, dass wir immer noch lernen müssen, damit umzugehen und damit zu leben. Es tut mir extrem leid für jeden einzelnen Infektionsfall. Ich hoffe, dass niemand Komplikationen bekommt und sich alle gut davon erholen.»

Diese Entschuldigung kommt ­allerdings erst ganz am Schluss, nachdem Djokovic wortreich erklärt hat, dass er nur das Beste gewollt habe. Er habe «mit reinem Herzen» gehandelt, beteuerte er, «und eine Botschaft von Solidarität und Mitgefühl in der Region» aussenden wollen. ­Geboren sei die ­Adria-Tour «mit einer philanthropischen Idee», die Erträge ­würden ja wohltätigen Zwecken gespendet. Und es habe sein Herz erwärmt, dass so viele seiner ­Initiative gefolgt seien. Einsicht klingt anders.

Es schwang bei seiner Adria-Tour auch stets die Komponente mit, dass er beweisen wollte, der ganze Hype um Covid-19 sei übertrieben.

Böse Absicht kann man Djokovic gewiss nicht unterstellen. In Zadar animierte er die Zuschauer noch dazu, sich von ihren Sitzen zu erheben und der Opfer von Covid-19 zu gedenken. Ende März hatte er eine Million Euro gespendet für den Kauf von Atemschutzmasken und medizinischen Geräten in Serbien. Er tut viel Gutes. Doch eben: Man hatte bei seiner Adria-Tour stets das Gefühl, als wolle er beweisen, der ganze Hype um Covid-19 sei übertrieben. Diese zur Schau gestellte Sorglosigkeit war stossend, ja fahrlässig.

Nun ist Djokovic eines Besseren belehrt worden. Das Coronavirus ist noch nicht weg, so wie man auch kein Wasser heilen kann. Und so wie 5G nichts zu tun hat mit der Verbreitung des Virus, wie in seinem Umfeld auch kolportiert wurde. Das Desaster seiner Adria-Tour zeigte einmal mehr, dass mit dem Coronavirus nicht zu spassen ist, dass es noch viel zu früh ist, um zu leben wie vorher. Selbst wenn die offiziellen Fallzahlen tief sind wie in Serbien und Kroatien.

«Es ist wie bei Kindern. Sie tragen auch erst einen Helm beim Velofahren, nachdem sie gestürzt sind.»

Andreas Gaudenzi, ATP-Chairmain

Die Lehren aus der Djokovic-Tour können für andere (Sport-)Veranstaltungen wertvoll sein. So sagte ATP-Chairman Andrea Gaudenzi gegenüber der New York Times: «Es ist ein bisschen so, wie wenn du deinen Kindern sagst, sie müssten einen Helm tragen, wenn sie mit dem Velofahren beginnen. Sie sagen zuerst: nein, nein, nein. Dann fahren sie ohne, und nachdem sie gestürzt sind, tragen sie den Helm.» Es könne gut sein, dass die Sicherheitsmassnahmen, wie sie etwa das US Open durchsetzen möchte, jetzt von den Spielern besser verstanden würden.

Für jene, die sich an der nun abgebrochenen Adria-Tour angesteckt haben, könnte diese aber verheerend sein. Und Djokovic wird auf jeden Fall Schaden nehmen, selbst wenn ­Covid-19 bei ihm glimpflich verlaufen sollte. Als Präsident des Spielerrats ist er nun definitiv nicht mehr tragbar. Und es ist gut möglich, dass seine Karriere, so viele Titel er auch noch gewinnt, dereinst überschattet wird von dieser Dummheit.