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ZDF-Journalistin muss Reportage abbrechenDie Unerschrockene knickt ein

Die deutsche Moderatorin Dunja Hayali scheut als Politikjournalistin keine Konfrontation und begibt sich selbst in heikelste Situationen. Eine Corona-Demo in Berlin war jedoch selbst ihr zu viel.

Dunja Hayali (links) musste ihre Reportage über die Grossdemonstration in Berlin aus Sicherheitsgründen abbrechen.
Dunja Hayali (links) musste ihre Reportage über die Grossdemonstration in Berlin aus Sicherheitsgründen abbrechen.
Foto: ZDF

Es ist so etwas wie Dunja Hayalis Markenzeichen, sich in unangenehme Situationen zu begeben. Die ZDF-Moderatorin hat schon viele schwierige Zeitgenossen konfrontiert: Neonazis, Internet-Trolle, Verschwörungstheoretiker, Frauenhasser, Ausländerhasser. Mit allen versucht die Politikjournalistin jeweils das direkte Gespräch zu suchen, egal, wie gegenteilig deren Meinung ist. Egal, wie sehr sie selber deren Zielscheibe ist als Frau, als Person mit Migrationshintergrund – Hayali wurde als Tochter irakischer Einwanderer in Deutschland geboren –, als Medienvertreterin.

Sie legte sich mit einem Pöbler an

Alles bieten lässt sich die Journalistin aber nicht. Vor drei Jahren legte sie sich auf Facebook mit einem Unter-der-Gürtellinie-Pöbler an, indem sie dessen Ausdrucksweise imitierte: «Emre . . . du endgeiler Ficker warum so ein hass auf deutsche??», schrieb sie unter anderem. Später löschte sie den Beitrag und entschuldigte sich dafür. Ihr Motto: «Verstehen wollen, ohne unbedingt und zwangsläufig Verständnis zu haben.» Für ihr Engagement gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit wurde die 46-Jährige 2018 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Dieses Wochenende jedoch musste selbst sie sich geschlagen geben und eine Reportage von einer Grossdemonstration in Berlin aus Sicherheitsgründen abbrechen. Rund 20’000 Personen hatten dort gegen Corona-Massnahmen protestiert. Weil die Hygiene- und Abstandsregeln nicht eingehalten wurden, liess die Polizei den Demonstrationszug am Nachmittag abbrechen.

«Verstehen wollen, ohne unbedingt und zwangsläufig Verständnis zu haben.»

Dunja Hayali

Im 37-minütigen Video, das Dunja Hayali auf ihr Instagram-Profil gestellt hat, ist zu sehen, wie sie sich zusammen mit ihrem Kamerateam und Sicherheitspersonal einen Weg durch die Menschenmassen bahnt. Immer wieder wird sie von Demonstrierenden angehalten. Sie hört geduldig zu, kontert hartnäckig die abstrusesten Behauptungen. Sie trägt eine schwarze Stoffmaske, von den Demonstrierenden so gut wie niemand.

Dann branden «Lügenpresse! Lügenpresse!»-Skandierungen auf. Das Reporterteam läuft weiter durch die Massen, als wären sie auf dem «Walk of Shame», einem peinlichen Bussweg. Eine aufgebrachte Frau stellt sich Hayali in den Weg: «Wir sind sauer! Ihre Berichterstattung ist nicht ehrlich. Wir werden seit Wochen und Monaten verarscht von den öffentlich Rechtlichen und nichts anderes. Das ist keine Behauptung, das ist Tatsache.» Die Journalistin versucht zu kontern, im Hintergrund Guggenmusikklänge, Familien mit Kindern und immer wieder «Lügenpresse! Lügenpresse!».

«Schäm dich! Schäm dich!»

«Dass sich die Leute nicht mal etwas anderes ausdenken», sagt sie aus dem Off. «Aber ich soll ja auch ausgebürgert werden.» Sie läuft weiter, die Stimmung wirkt angespannt. «Dunja, jetzt ist Schluss», ermahnt sie ein Sicherheitsmitarbeiter, als sie sich gerade mit einem Demonstranten unterhält. «Warum lügt ihr!?», schreit ein Mann, und eine Frau ruft: «Schäm dich! Schäm dich!» Und dann brechen sie den Dreh offiziell ab, «zu gefährlich».

Es ist nicht das erste Mal, dass Dunja Hayali einen Rückzieher machen musste. Vor einigen Jahren war sie für einen Betrag über Rechtsextremismus an einem Rechtsrockfestival, bis es zu bedrohlichen Szenen kam und ihr Team von der Polizei gebeten wurde, das Areal zu verlassen. An der Corona-Demonstration in Berlin wurde sie zwar nicht körperlich angegangen, zumindest ist auf ihrem Instagram-Video nichts dergleichen zu sehen, aber die Bedenken waren offenbar nicht unbegründet. Mehrere Polizisten waren an der Demo verletzt worden.

«Ich bin es gewohnt, verbal angefeindet zu werden. Deshalb gehen das Team und ich zu solchen Veranstaltungen mittlerweile nicht mehr ohne Sicherheitspersonal hin. Traurig genug, aber alles andere wäre leichtsinnig», sagte sie später in einem Interview, das auf der ZDF-Webseite aufgeschaltet ist. Sie habe ja schon die schwierigsten Gesprächspartner erlebt, aber die Situation in Berlin sei aussergewöhnlich gewesen. «Ich persönlich fand diesen Mix an Menschen erschreckend. Ein Mix, der nicht nur die extremen Ränder, Verschwörungsideologen und Diktatur-Rufer gezeigt hat, sondern auch Teile aus der Mitte unserer Gesellschaft.»

Als Presse dürfe man sich aber auf keinen Fall einschüchtern lassen. «Wir müssen hier hingehen. Man braucht ein dickes Fell, ich habe eins, das wartet zu Hause. Es ist kuschelig, stinkig und dreckig, aber es ist meins», sagte sie im Video und meinte damit ihren Hund. Auf Instagram schrieb sie später: «Bleiben Sie friedlich, ertragen Sie Widerspruch, seien Sie meinungsstark, mischen Sie sich ein, zeigen Sie Gesicht, halten Sie Abstand und tragen Sie die Maske, wann immer sie notwendig ist.»