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Alle Träume übertroffen

Roger Federer ist mit dem Halbfinal in Rotterdam nach 5 Jahren wieder die Nummer 1.

Roger Federer ist ab Montag wieder die Nummer 1 der Welt.

In seinem Familienalltag, sagte Roger Federer im Verlauf der Woche, gebe es Wichtigeres als die Tennis-Weltrangliste. «Wir haben andere Sorgen als die Nummer 1. Mit vier Kindern haben wir anderes zu tun.» Er wisse nicht einmal, ob seine Girls wüssten, dass er diese Position wieder übernehmen könne. «Sie wissen nur, dass ihr Vater weg ist. Aber ich hoffe, dass wenigstens meine Frau sich freuen würde.»

Diese Aussage war nett, aber aus persönlicher Sicht doch etwas geschummelt. Die Nummer 1 hatte für Federer schon immer eine magische Anziehungskraft, schon als er 17 war und diese Position bei den Junioren erstmals eroberte. Die Faszination ist geblieben, auch zwanzig Jahre später. In Rotterdam trat er nur deshalb mit einer Wildcard an, weil sich ihm die Chance, Rafael ­Nadal noch einmal zu überholen, wie auf dem Silbertablett darbot.

Seit gestern steht fest: Seine jüngste Städtereise war erfolgreich. Mit einem 4:6, 6:1, 6:1 über den Holländer Robin Haase (ATP 42) erreichte Federer die Halbfinals, womit er einmal mehr Tennisgeschichte und eines der spektakulärsten und unerwartetsten Kapitel seiner Karriere geschrieben hat. Mit 36 Jahren und 195 Tagen wird er am Montag die älteste Nummer 1 der Geschichte, nach dem grössten Unterbruch und über 14 Jahre, nachdem er erstmals die Weltrangliste anführte. Das sind Rekorde, die unerreichbar schienen.

«Eine erstaunliche Reise»

Federers Tränen zeigten, wie viel ihm diese Position, dieser Erfolg noch immer bedeuten. In einer sympathischen ­Ehrung sagte der frühere Wimbledonsieger und Turnierdirektor Richard Krajicek, er sei eine «unglaubliche Legende» und dankte ihm dafür, der «grossartige Kerl und gute Botschafter für das Tennis» zu sein, der er sei – und zudem in Rotterdam Geschichte geschrieben zu haben. Federer dankte allen und sprach von einer «erstaunlichen Reise», die er erleben durfte, seit er an diesem Turnier schon 1999 eine Wildcard erhalten (und die Viertelfinals erreicht) hatte.

«Dieser Vorstoss auf Rang 1 bedeutet mir vielleicht am meisten», sagte er. «Mit 36, fast 37 Jahren nochmals zuoberst – das ist für mich unglaublich.» Die Frage, ob er auch wegen seiner Kinder nochmals die Nummer 1 werden wollte, verneinte Federer in Rotterdam aber klar. Er betrachtet diese unerwartete und auch von ihm nicht mehr für möglich gehaltene Krönung seiner späten Karriere als Entschädigung für alle, die ihm seit 2012 – als er letztmals zuoberst stand – halfen, nochmals zurückzukommen. Auch für die Coaches, die ihn seit den frühsten Kinderjahren geschult und motiviert hatten und für die vielen Fans, die ihn auch unterstützten und an ihn geglaubt hatten, als er verletzt war, oder durch Baissen gehen musste und der lange ersehnte 18. Grand-Slam-Titel in immer weitere Ferne zu rücken schien.

Der letzte Schritt zur vierten Gipfelbesteigung fiel ihm relativ leicht. Und doch waren Kohlschreiber im Achtel- und Haase im Viertelfinal gefährliche und unbelastete Gegner, die ihn hart prüften und gegen die er zeigen musste, welche Winnermentalität er besitzt. So liess er sich auch nicht beeindrucken, als ihm Haase mit einer hervorragenden Leistung den ersten Satz abgenommen hatte. Um die Sätze 2 und 3 zu gewinnen, reichten ihm danach 44 Minuten. Bemerkenswert an Federers Rückkehr auf den Thron ist, dass er selber nicht mehr daran geglaubt hatte, es schaffen zu können. Immerhin spielt er nur noch ein reduziertes Programm, liess 2017 die ganze Sandsaison aus, verletzte sich vor dem US Open am Rücken und musste sich am ATP-Finale in London schon im Halbfinal geschlagen geben (gegen Goffin). Immerhin stellt er die Gesundheit nun über alles. Und immerhin war er nicht bereit, Kompromisse einzugehen, um die Nummer 1 zu werden – mit der Ausnahme vom Start in Rotterdam. Doch Federer wäre nicht der erfolgreichste Tennisspieler, wenn er solche Chancen nicht zu packen wüsste.

Der fantastischste der Rekorde

Die grosse Arbeit auf dem Weg zum Gipfel hatte er schon vorher geleistet. Seit seinem Comeback Anfang 2017 bewegt er sich – wie vor zehn Jahren und mehr – in ausserirdischen Sphären, und seine Erfolge, insbesondere seine Grand-Slam-Titel 18, 19 und 20 innert zwölf Monaten, übertreffen die verrücktesten Fantasien und gewagtesten Träume. Dass er nun in so hohem Tennisalter nochmals die Weltrangliste anführt, ist wahrscheinlich der fantastischste seiner vielen Rekorde. Einer für die Ewigkeit.

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