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«Espresso, Porno, Likes – immer geht es um Instantbefriedigung»

Vermisst man die wilden Zeiten, wenn man erwachsen und erfolgreich ist? Ein rasantes Gespräch mit Virginie Despentes.

Fühlt sich der Pariser Bourgeoisie fremd: Schriftstellerin Virginie Despentes.
Fühlt sich der Pariser Bourgeoisie fremd: Schriftstellerin Virginie Despentes.
Jean-Francois Paga/Leemage/imago

Sie betritt das Pariser Café so energisch, als würde sie den Sturm von draussen mit hier reintragen. Die Schriftstellerin Virginie Despentes bestellt sich heisses Wasser mit Ingwer; mit «mehr Ingwer als Wasser bitte, das muss durchputzen». Sie kommt von einer Sitzung für Frankreichs wichtigsten Literaturpreis. «Boah, bin ich müde. Jurysitzung – danach fühl ich mich oft uralt», sagt sie – und redet zwei Stunden lang so temperamentvoll, dass der Kellner dauernd rüberschaut.

Das passt vielleicht ganz gut, ich wollte mit Ihnen über Jugend und Alter reden.

Oha, Jugend. Lange her, aber sehr gutes Thema. Ich glaube, es ist elend schwer, heute jung zu sein.

Meinen Sie, früher war es leichter? Was Sie so über Ihre Kindheit und Jugend erzählt haben, klang meist eher trist.

Ich komme aus Nancy, im Osten von Frankreich. Heute ist das eine angenehme Stadt. Aber damals war es nur öde. Das war ja vor dem Internet. Paris war Lichtjahre weg. Keine Band hatte Lust, bei uns aufzutreten, Bücher gabs kaum, Platten immer erst sehr spät. Das Einzige, was man machen konnte, war, mit Drogen herumzuexperimentieren.

Klingt nach trauriger Kindheit.

Nein, nur nach trauriger Stadt. Wobei – ich bin Einzelkind. Meine Eltern waren sehr jung, als sie mich bekamen. Sie waren beide kleine Postangestellte. Politisch sehr engagiert. So in Richtung Weltrevolution. Wir hatten keine Romane zu Hause, aber es lagen überall Bücher rum über Geschichte und Politik. Das erste Lied, von dem ich alle Strophen konnte, war die «Internationale». Das muss so 72, 73 gewesen sein. Als 1980 François Mitterrand gewählt wurde, waren sie euphorisiert. Ein Sozialist als Präsident! Jetzt wird alles gerecht und besser.

So kann man sich täuschen. Wie geht es Ihren Eltern heute?

Wir reden wenig, die sind vom Modell her eher schweigsame Landbevölkerung, höflich, diskret. Aber über Politik – stundenlang. Was hat Mitterrand falsch gemacht, das kann bis drei Uhr nachts gehen. Sie haben heute das Gefühl, dass sie sich damals in allen Punkten geirrt haben. Das ist schon hart.

Verbindet dieses Grundgefühl Ihre Eltern mit den Figuren aus Ihrer Romantrilogie «Vernon Subutex»?

Ja. «Vernon» ist ein Buch über diesen Schmerz: Wie es sein kann, dass man so voller Idealismus startet und im Rückblick das Gefühl hat, alles falsch angegangen zu sein. Im Grunde hängen alle Figuren in diesem Buch ihrer Jugend nach. Was sie alle eint, so unterschiedlich sie auch sein mögen: Sie altern schlecht. Sie schlittern völlig hilflos ins Älterwerden.

Aber war diese Unfähigkeit zu altern der Kern oder die Grundidee für Ihre «Vernon»-Trilogie?

Nein. Ich hab lange in Barcelona gelebt. Als ich dann nach Paris zurückkam, wunderte ich mich, wie aggressiv und frustriert die meisten hier wirkten. Obwohl es den Leuten ja viel besser ging als den Spaniern, die im Zuge der Krise zu Hunderttausenden aus ihren Wohnungen geflogen sind.

Und warum haben die Spanier Ihrer Meinung nach die Krise besser gemeistert?

Vielleicht weil sie schon immer eine Kultur der Armut kennen. Es gibt in Spanien engere Familienbande. Und sie haben nicht so sehr das Gefühl, persönlich gescheitert zu sein, wenn sie pleite sind oder auf der Strasse landen. Hier in Paris bedeutet so etwas für die allermeisten hingegen die totale, selbst verschuldete Niederlage.

Zurück zu Ihrer Grundidee: Sie wollten also ein Buch über die kollektive schlechte Laune schreiben. Deshalb vertreiben Sie Ihren Helden Vernon zu Beginn der Handlung aus seiner Wohnung und schicken ihn auf der Suche nach Unterkunft quer durch alle Pariser Milieus.

Er schlüpft bei lauter alten Bekannten unter. Aber so unterschiedlich die auch sind, die meisten dieser Figuren einen zwei Dinge: Sie sind Ende 40, Anfang 50. Und Sie haben alle Anfang der Neunzigerjahre die Geburtsstunde eines sehr jungen Lebensgefühls mitbekommen.

Welchen Lebensgefühls?

Einige von ihnen waren dabei, als Nirvana das erste Konzert in Frankreich gab. Ich war da wirklich. Ein historischer Moment. Drei Leute machen Musik. Vor 100 Leuten. Und man spürt: Das ist gerade was wirklich Neues. Ich wollte diesen Moment aus dem Nachhinein erzählen. Wie der Punk und die Indie-Musik plötzlich alles umkrempelten. Und ein ähnlich grosses Versprechen für meine Generation beinhalteten wie Mitterrands Wahl für meine Eltern.

«Ein Buch wie ‹Baise-moi› würde heute gar keinen Verleger mehr finden. Es ist eindeutig ein Buch der Neunzigerjahre.»

Sie waren selbst in Ihrer Jugend Punk. Was bedeutet das für Sie?

Heute nichts mehr. Weil ja alles Punk ist.

Wie meinen Sie das?

Die beiden zentralen Botschaften des Punk – No Future und Destroy – wurden zu Mainstream-Slogans. Selbst der Kapitalismus behauptet von sich, Punk zu sein. Und Trump ist Superpunk. Er jagt einfach alles in die Luft.

Gibt es heute noch eine Gegenkultur?

Glaub nicht, die haben ja gar keine Zeit für so was, weil sie nonstop auf Instagram sind. In meinen Augen war die letzte echte alternative Gegenkultur der Techno.

Danach kam der Rap.

Aber der wollte ja nie Gegenkultur sein, sondern immer den Mainstream erobern, er feiert den Instantreichtum.

Hat die Rockkultur damals ein falsches Versprechen gegeben?

Live hard, die young, das war zu seiner Zeit authentisch. Genau wie der Jazz seine echte Zeit hatte. Bis beides zur blassen Imitation seiner selbst wurde. Der Rock hat nie gesagt, eines Tages werdet ihr 60 sein und den 80-jährigen Stones zujubeln.

Was würden Sie sagen, wann waren Ihre eigenen Jugendjahre zu Ende?

Mit Anfang 40 habe ich an mir selbst diese verminderte Grundenergie wahrgenommen. Gar nicht so unangenehm. Leonard Cohen hat gesagt, die Depressionen werden im Alter weniger intensiv. Das hilft. Man hat nicht mehr dieselbe Power, um jede Stimmungswelle voll mitzureiten. Auch ins Tal runter. Jedenfalls war dieses Altern der Rockkultur für mich ein passendes Bild für den Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert. Ich wollte wissen, was noch übrig ist von unseren Idealen, dem Freiheitsversprechen, der sexuellen Befreiung, dem Mut, einfach draufloszumachen. Ich würde sagen: sehr wenig.

In «Vernon» kommen nur zwei Jugendliche der heutigen Generation vor, der eine ist Fascho, die andere Islamistin. Beide sind also auf ihre Art identitär. Ist das die Gegenkultur, der Protest unserer Zeit?

Beide sind reaktionär und protestieren auf ihre Art gegen den Liberalismus. Gegen eine Zeit, die ihnen ultrapermissiv und viel zu tolerant vorkommt. Und die ihrer Generation keinerlei Aufstiegschancen bietet.

Sie kommen selbst von ganz aussen und haben einen ungeheuren sozialen Aufstieg erlebt. Heute leben Sie in Paris, gehören zur Bourgeoisie und zum Kunstmilieu.

Oh Gott, nein. In die Pariser Bourgeoisie kann man nur geboren werden. Ich werde dort immer fremd bleiben.

Fühlen Sie sich von sich aus fremd oder vermittelt man Ihnen dieses Gefühl?

Beides. All diese Erben sehen ihren Reichtum als ihr eigenes Verdienst an. Die masslose Selbstgefälligkeit dieser Menschen ist mir genauso fremd wie ihre unverhohlene Verachtung für die ärmeren Schichten. Sie lassen einen auch fortwährend spüren, dass man nicht dazugehört. Es gibt einen sehr guten Lektor bei Grasset. Jeder aus den feinen Pariser Kreisen, der von diesem Mann spricht, betont jedes Mal, dass der ja Sohn einer Concierge sei. Man könnte so viel über ihn erzählen, aber nein, er ist der Sohn einer Concierge. Ich bin erfolgreich mit meinen Büchern. Und irgendwie interessant und faszinierend, so in Richtung Skandalnudel. Aber «eigentlich» bin ich bis heute die Tochter des Pöstler-Ehepaars.

Skandalös war ja nur Ihr erstes Buch, «Baise-moi». Sie kommen gerade vom Treffen der Goncourt-Jury. Was glauben Sie, wie würde Ihnen Ihr Debüt-Roman von 1993 gefallen, wenn Sie ihn heute als Jurorin lesen würden?

Ich glaube, sehr gut, wegen der Energie und des wütenden Tons. Na ja, ich bin da als Autorin vielleicht doch befangen. Ich müsste ein heutiges Äquivalent lesen.

Welches Buch wäre das?

Gibt es leider nicht. Nicht weil «Baise-moi» so gut ist. Sondern weil solch ein Buch heute gar keinen Verleger mehr finden würde.

Ernsthaft?

Ja. Zu viel Sex. Das ist eindeutig ein Buch der Neunzigerjahre. In den vergangenen 15 Jahren wurden praktisch keine Bücher mehr veröffentlicht, in denen Sex drastisch und explizit beschrieben wird. Filme, Kunst, Literatur, alles ist so prüde, der Sex wurde ausgelagert in den Porno.

«Ich sehe seit zehn Jahren viele reaktionäre junge Leute. Sie sind zum Teil intelligent, rhetorisch brillant, witzig. Aber wenn es um Politik geht, sind sie mir so fremd, wie sie mir nur sein könnten.»

Vorhin hab ich den neuen Film von François Ozon gesehen, in dem kommen permanent Sexszenen vor.

Dann nehm ich das fürs Kino zurück. Aber in der Literatur gab es seit «Catherine M» nichts mehr. Ich bleibe dabei, «Baise-moi» würde heute nicht rauskommen. Viel zu reaktionäres Klima.

Sind die beiden extremistischen Jugendlichen in «Vernon Subutex» also Figuren unserer reaktionären Gegenwart?

Ja. Ich sehe seit zehn Jahren enorm viele reaktionäre junge Leute um mich herum. Die sind zum Teil sehr intelligent, rhetorisch brillant, witzig. Aber wenn es um Politik geht, sind sie mir so fremd, wie sie mir nur sein könnten. Sie sind nicht faschistisch, aber extrem rechts, Hardcore-Bobos, die mit dem Totalitarismus flirten. Ich kann mit denen einen guten Abend verbringen, aber die Welt, die sie sich vorstellen, da kann ich nur weglaufen.

Wovor genau wollen Sie da weglaufen?

Zum einen hocken sie in einer narzisstischen Falle: Sie denken, sie seien dermassen clever und würden alle Propaganda durchschauen, aber dann gehen sie auf reaktionäre Demos, auf die sie vor zehn Jahren nie gegangen wären, und klingen, als würde ein identitärer Bauchredner aus ihnen sprechen. Noch krasser aber ist das antisemitische Zeug, das sie vom Stapel lassen.

Wer?

Meine Freundin ist 30. Sie und alle ihre Freunde und Freundinnen haben «Zeitgeist» gesehen, das ist ein raffiniert gebauter Film, der subkutan massive antisemitische Propaganda betreibt. So wird das Gift unters Volk gebracht. Ich habe das Gefühl, der Antisemitismus ist das grosse Tabu, an dem gerade von allen Richtungen her gerüttelt wird. Das brodelt richtig. Jeden Tag wird geschaut: Wie weit kann man gehen. Das Netz quillt über von beinharter antisemitischer Propaganda. Und die 20-Jährigen finden das dann irgendwann normal.

Das klingt jetzt alles sehr düster und pessimistisch. «Vernon Subutex» ist aber ja wahnsinnig komisch, das ganze Geschimpfe und Geläster hat grosse Slapstickqualitäten, und man mag sogar die miesepetrigsten Charaktere richtig gern.

Weil es einem im Leben ja auch oft so geht, erst denkt man, was für ein Vollidiot, und am Ende des Abends mag man ihn richtig gern.

Die Romantrilogie folgt mehr als 20 Figuren, die von Kapitel zu Kapitel reihum die Handlung weiter vorantreiben. Es macht auch deshalb so grossen Spass, diese Bücher zu lesen, weil die verschiedenen Figuren so extrem unterschiedliche Stimmlagen haben. Wie gleiten Sie beim Schreiben von einer zur anderen Figur?

Bei einigen Figuren lasse ich mich vorher von Texten anderer Autoren fluten. Am Anfang von Band 2 kommt ein sympathischer Typ vor, Ex-Clochard, jetzt reich geworden, der Vernon diskret hilft. Er heisst Charles. Bevor ich das Kapitel geschrieben habe, hab ich tagelang Briefe von Charles Bukowski gelesen. Eine andere Figur entstand, nachdem ich die Romane von Annie Ernaux noch mal verschlungen hatte.

Da es auch ein Roman über Musik ist: Hören Sie während des Schreibens der unterschiedlichen Kapitel auch unterschiedliche Musik?

Im Gegenteil. Ich höre beim Schreiben immer dieselbe Musik. Monatelang. Das hat eher was von Trance als von Genusshören. Diesmal war das die letzte CD von Björk.

Da in der Trilogie ja so viele Bands vorkommen – welche Musik passt denn Ihrer Meinung nach am besten dazu?

Zum zweiten Band vielleicht Funkadelic, weil er der leichteste und heiterste Teil ist. Insgesamt wahrscheinlich Motörhead, sehr laut gedreht, so richtig BRUUÄÄH!!!!

Noch mal zu Ihrer Ausgangsthese, Ihre Generation tue sich so schwer mit dem Älterwerden: Was braucht es, um gut zu altern?

Dass man früher dran denkt. Aber das setzt komplett andere Werte voraus als die, die wir heute hochhalten.

Welche Werte wären das?

Ich weiss nur eines: Alles in unserer Gesellschaft ist auf das kurze Sofortglück angelegt, Espresso, Zucker, Facebook-Likes, Porno, Alkohol – immer geht es um Instantbefriedigung. Alle Hormone aber, die für echte Zufriedenheits- oder Glücksgefühle zuständig sind, werden bei diesem Verhalten eher runtergefahren als angeregt. Die Sofortbefriedigung hindert uns an tieferem Wohlbefinden. Je mehr man das eine privilegiert, desto schwerer ist es, das andere zu empfinden. Ja. So ist das. Sagt Ihnen eine alte junge Frau, die es wissen muss.

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