«Authentischer hätte es nicht sein können!»

Susanne Meures und Jan Gassmann erzählen in ihren Dokumentarfilmen «Raving Iran» und «Europe, She Loves» von illegalen Partys im Iran und jungen Menschen im Krisen-Europa.

«Du beschreibst Lebenssituationen, tauchst da ein»: Susanne Meures und Jan Gassmann. Foto: Esther Michel

«Du beschreibst Lebenssituationen, tauchst da ein»: Susanne Meures und Jan Gassmann. Foto: Esther Michel

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«Raving Iran» handelt von der Flucht zweier DJs aus dem Iran, «Europe, She Loves» von vier jungen Paaren in Städten wie Sevilla oder Thessaloniki. Zweimal politische Virulenz – ist das Absicht?
Gassmann: Für mich steht ein Film sowieso in einem politischen Kontext, wenn man ihn heute dreht. Oft geht man bei Dokumentarfilmen von einem Thema aus, aber in «Europe, She Loves» wollte ich hin zu den Menschen, um von der Liebe während der Krise zu erzählen. Die Frage war: Kann das ein Dokumentarfilm? Oder bleibt das der Fiktion vorbehalten? Manche Zuschauer erkennen nun sofort die Muster des Spielfilms, weil es im Film um Intimität geht. Wir haben die Paare auch beim Sex gefilmt, im Spielfilm ist das immer die Kulmination aller Gefühle. Bei mir sollte es aber etwas Alltägliches sein.
Meures: «Raving Iran» ist subversiv, weil ich Dinge filme, die man gar nicht filmen dürfte. Ich habe von Technopartys in der iranischen Wüste gelesen, in einem der repressivsten Staaten der Welt. Da dachte ich: Das ist ein Thema. Anfangs wollte ich ein Generationenporträt drehen. Ein Drehbuch gab es aber nicht. Ich habe dann die zwei DJs Arash und Anoosh gefunden, die Technomusik produzieren und illegale Partys veranstalten. Eine Motivation war sicher auch, den Iran zu entmystifizieren, hinter die nebligen Medienbilder zu blicken. Ich wollte dieser jungen, unsichtbaren Generation eine Stimme und ein Gesicht geben. Das gibt ihnen Macht. Und schwächt dadurch das System.

Beide Filme scheinen sich um die Perspektivlosigkeit zu drehen. Ist das das Thema unserer Zeit?
Meures: Die DJs waren einfach sehr zerrissen, was ihre Zukunft betraf. Verständlicherweise. Ständig umgetrieben von der Frage, ob der Ort, an dem sie leben, der richtige sei. Und immer wieder dieses Streben, diese Illusionen, dass das Gras grüner ist auf der anderen Seite. Bei dir ist die Situation vielleicht nicht ganz so schwerwiegend. Dein Film ist ja mehr eine Art Meditation auf ein Lebensgefühl in Europa.
Gassmann: Es stimmt, die Zukunft meiner Protagonisten ist verbaut. Ich wollte wissen: warum? Durch sie habe ich dann die Institution EU anders kennen gelernt. Vor dem Dreh war ich ihr gegenüber zu idealistisch – auf der Reise habe ich dann gemerkt: Es bringt nichts, meine Protagonisten in mein Konzept stecken zu wollen. Sie überleben während der Krise, so gut sie können, und sind dabei teilweise sogar erstaunlich frei. Und die EU trägt nicht allein die Schuld an der Krise. Zwischen den Menschen und Europa steht noch immer der Nationalstaat, stehen die alten Regierungsparteien und der weltweite Finanzmarkt. Und unten hat man einfach Menschen, die mit den Konsequenzen der EU-Politik konfrontiert sind.
Meures: Europa ist also nicht der Antagonist in deinem Film?
Gassmann: Die EU? Das wäre zu einfach. Meine Paare können die Träume, die sie hatten, nicht weiterverfolgen. Alle suchen einen Job. Die Krise hat aber viele Gesichter: Die Spanier können auch über sich selbst lachen, über die Zeit des Baubooms, als sich alle zum Bauleiter umschulen liessen. Nun stehen sie vor den Ruinen und sagen sich: Was waren wir dumm!
Meures: Ich finde den Film wunderschön. Aber ich habe das Gefühl, dass ich dem Lebensgefühl, welches du beschreibst, gerade entwachsen bin.
Gassmann: Ja, es ist die Zeit zwischen 20 und 30. Hierzulande gibt es viele, die in diesem Alter nicht wissen, was sie wollen – und dann schliessen sie plötzlich ihr Jusstudium ab. Sie können es sich leisten. Bei meinen Paaren war aber genau das nicht mehr möglich. Der Anwalt Niko aus Thessaloniki ist jetzt Pizzakurier. Und allgemein sind Utopien sowieso Mangelware. Man definiert sich eher übers Private, sucht dort nach Halt. Fällt auch dieser weg, fehlt das Selbstbewusstsein weiterzukommen.

Der Trailer zu «Raving Iran». Video: Christian Frei (Vimeo)

Wie liefen die Drehs im Iran und unterwegs in Europa ab?
Meures: Ich war während eines Jahres fünfmal im Iran und habe die DJs immer wieder gefragt, was ihr Plan sei. Und je nach Antwort entschieden, ob ich drehe oder nicht. Oft gab es dann Momente der Leere, in denen nichts geschah.
Gassmann: Die gab es bei mir auch. Ich kannte aus der Recherche die Tagesabläufe meiner Paare. Dennoch war ich überrascht von der Menge an leerer Zeit. Was geschieht, wenn nichts geschieht? Da wird es spannend. Normalerweise hat ein Protagonist ein äusseres Ziel. Wenn das Ziel nicht zu erreichen ist, bietet das Platz, dem Protagonisten im Intimen sehr nahe zu kommen. Denn jeder hat einen Traum.
Meures: Du beschreibst Lebenssituationen, tauchst da ein. Die Geschichte meiner DJs ist eher eine Reise: vom Untergrund des Iran in die Schweiz. Dadurch spannt sich bei mir ein Handlungsbogen, es gibt eine viel klassischere Dreiaktstruktur: Start, Ziel und Hürden, die überwunden werden.
Gassmann: Was ja auch ein Geschenk ist für jeden Dokumentarfilm. Jeder Film benutzt aber diese Bögen. Ich habe mir Geschichten vor dem Dreh ausgemalt, natürlich kam dann alles anders. Das ist eben das Schöne und das Grausame am Dokumentarfilm.
Meures: Oft genügt es, wenn man auf das vertraut, was vor der Kamera geschieht. Wenn man dem Leben, das sich abspielt, genügend Raum gibt.
Gassmann: Das finde ich auch das Berührende an deinem Film. Diese zwei DJs könnten auch meine Freunde sein. Man kann sich mit ihnen identifizieren. Weniger, weil es iranische Technofans sind, sondern weil es junge Menschen sind. Aber der Blick auf sie ist sehr westlich.

Waren diese Trips auch Ausbrüche aus dem Alltag in der Schweiz?
Meures: Das klingt so nach Abenteuer, und das war es sicher nicht. Ich wollte herausfinden: Wie funktioniert der iranische Staat? Wie stellt sich die junge Generation dagegen? Und dann auch die Abstraktion davon. Ich hatte das Gefühl, dass so etwas auch mehr Leute interessieren könnte. Man macht ja einen Film nicht für sich selbst.
Gassmann: Ich bin ja nicht nach Spanien gefahren, um Leute zu filmen, die auf der Toilette koksen. Ich wollte wissen, wie es den Leuten in der Krise geht, von denen ich vermutete, dass sie mir nahe sind. Das war die Grundfrage: Gibt es einen gemeinsamen Nenner? Etwas, das uns verbindet? Ich war vorher noch nie in diesen Städten, für uns war es ein Abenteuer: 20'000 Kilometer durch Europa zu fahren. In «Raving Iran» gibt es eine Szene, in der die DJs ins Ministerium für Kultur und islamische Führung gehen, um eine Bewilligung für ihr Konzert anzufragen, die sie natürlich nicht bekommen ...
Meures: ... authentischer hätte ein Dokumentarfilm nicht sein können! Ich habe das minutiös vorbereitet und für einen meiner Protagonisten auf dem Basar ein Hemd nähen lassen, in dem ich das iPhone verstecken konnte.

Aber wären die DJs wirklich da hingegangen, wenn kein Film über sie gedreht worden wäre?
Meures: Ja, das war ihr Plan. Sie wollten wissen, was eigentlich alles erlaubt ist und was nicht. Dazu kam, dass man nach der Wahl von Rohani zum Präsidenten auf eine Besserung gehofft hatte.
Gassmann: Es ist ja auch eine sehr lustige Szene, weil die Bürokratin selber lacht über die Fragen. Aber ich dachte auch: So, wie die DJs gefragt haben, haben sie die Antworten schon erwartet.

Und dass die DJs ausgerechnet von der Lethargy in Zürich eingeladen worden sind – hat man da nicht eigene Beziehungen spielen lassen?
Meures: Sie haben sich weltweit an Festivals beworben, und ich wäre ihnen überallhin gefolgt. Aber wenn man eine Geschichte erzählen will, läuft diese halt irgendwann auf ein Ziel zu. Was ich gemacht habe: Ich habe bei den Festivals angerufen, bei denen sich die DJs beworben haben, und gefragt, ob das Album, das sie als Bewerbung eingeschickt hatten, überhaupt angekommen sei. Und manchmal habe ich ihre englischen E-Mails korrigiert.

Bei «Europe, She Loves» hat man dafür das Problem, dass sich Paare für einen solchen Dreh melden, die vielleicht eine Profilneurose haben.
Gassmann: Man braucht sicher ein gewisses Sendungsbewusstsein, um mitzumachen. Aber immer, wenn wir das Gefühl hatten, es beginne eine Show, haben wir uns verabschiedet. Ihre Intimität ist aber ein Geschenk.
Meures: Die Kamera führt automatisch zu Selbstreflexion. Aber die grossen Wendungen in der Geschichte, die kamen nicht durch meine Anwesenheit zustande. Da wäre die Magie der Authentizität auch weg.

Der Trailer zum Film «Europe, She Loves». Video: Outside The Box (Vimeo)

Beide Filme setzen Stilmittel ein, die man eher aus dem Spielfilm kennt: sei es der dominante Musikeinsatz, der Suspense oder das Sounddesign. Machen Sie keinen Unterschied mehr zwischen Fiktion und Dokumentarfilm?
Gassmann: Die Unterscheidung interessiert mich nicht sehr, aber die Zuschauer machen sie noch immer.
Meures: Kürzlich haben Berufsschüler «Raving Iran» gesehen und gefragt: «Ist das ein Spielfilm?» Bei mir ist es im Grunde ja Direct Cinema, ich war die Topfpflanze im Raum. Und obwohl das eine etablierte filmische Sprache ist, wird sie nicht immer verstanden.
Gassmann: Das ist auch ein Hauptunterschied zwischen unseren beiden Filmen. Heute hat man hier «Transformers», also Kino, und dort das Leservideo, das als echt gilt. Dazwischen ist es schwierig, einen Dokumentarfilm zu machen, der authentisch wirkt. Viele Leute sind es gar nicht mehr gewohnt, einen gestalteten Dokfilm zu sehen. Sobald man Offstimme und Interviews einsetzt, ist allen klar: Ist ein Dokfilm. Essayistische Formen von Gestaltung dagegen sind viel schwieriger zu vermitteln. Nach der Premiere von «Europe, She Loves» haben einige Journalisten geschrieben: «Great actors, great performances.» Das hat mich fast gefreut, sie hielten es für einen guten Spielfilm.

Beide Filme gehen auf Festivaltour und scheinen überhaupt auf reges Medieninteresse zu stossen.
Meures: «Raving Iran» trifft den Zeitgeist: Flüchtlinge und Popkultur. Es ist mein erster langer Film, er läuft weltweit an Festivals, die Kinos in Deutschland sind ausverkauft. Ich freue mich sehr, die Auswertung ist enorm wichtig: Erst dann wird Filmemachen sinnvoll.
Gassmann: Der Film wird international gesehen, aber im Kino ist es nicht einfach. Ich liebe das Kino, nur wird es immer weniger als Ort der Auseinandersetzung verstanden. Filme, von denen man nicht noch ein Happy End mitnehmen kann, haben es immer schwerer. Aber ich will das halt nicht bieten, dass die Leute alles lässig finden und zufrieden nach Hause gehen.

Erstellt: 10.10.2016, 18:21 Uhr

«Raving Iran»

Tanzen im Gottesstaat

Als habe sie ihn direkt aus den Schlagzeilen über Flüchtlinge und Freiheitsträume gerupft, so dringlich wirkt der ZHDK-Abschlussfilm der 1977 in Mönchengladbach geborenen Regisseurin Susanne Regina Meures. Das Porträt des jungen DJ-Duos Blade&Beard, das seine westlichen House-Tracks nur im Versteckten aufnehmen und Partys höchstens unter Geheimhaltung organisieren kann, bietet unterhaltsame, teils mit versteckter Kamera gedrehte Einblicke in Schwarzmarkt und bürokratische Absurdität im Iran. Das Debüt hat bereits eine steile Festivalkarriere hinter sich: wegen der zwei sympathischen DJs, aber auch wegen des Soundtracks und der effektvollen Montage. Vieles daran ähnelt dem Film «Sonita» über die Flucht einer Rapperin aus Afghanistan. Doch wo dieses Porträt seine Eingriffe transparent machte, weiss man bei Meures nicht immer so genau, wo der dokumentarische Glücksfall endet und der Plot zum Happy End beginnt. (blu)

Ab 20. Oktober im Kino.

«Europe, She Loves»

Warten im Krisenland

Dublin, Tallinn, Sevilla, Thessaloniki: An vier Ecken Europas haben der 1983 geborene Zürcher Jan Gassmann («Chrigu») und sein Kameramann Ramòn Giger während Wochen junge Paare beobachtet – beim Aufstehen, beim Streiten, beim Sex. Verbunden wird das dokumentarische Ensembledrama über eine 500-Euro-Generation in der Warteschleife durch eine essayistische Montage, die anhand von vorbeiziehenden Ruinen und Radionewsfetzen über die EU-Sparpolitik ein gespenstisches Bild eines Kontinents zeichnet. Die kollektive politische Zukunft scheint da verloren gegangen, dafür wird die Intimität zum gemeinsamen Gestaltungsraum: melancholische Alltagspraxis. Richtig entschieden zwischen Konzept und Beobachtung, zwischen Form und Style wirkt das nicht immer. Aber es ist eine feine Komposition aus Momentaufnahmen und «Europe, She Loves» eine filmisch versierte Collage aus dem Leben der verlorenen Kinder Europas. (blu)

In Zürich im Kino Riffraff.

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