Bei «Mona Lisa» verlieren wir den Kopf

Es ist das berühmteste Kunstwerk der Welt überhaupt. Täglich wollen es 30'000 Menschen im Original sehen. Das macht Stress.

Das Original auf dem Handyschirm. Der Prunksaal im Louvre vor der jüngsten Renovation. Foto: Pedro Fiúza (Getty)

Das Original auf dem Handyschirm. Der Prunksaal im Louvre vor der jüngsten Renovation. Foto: Pedro Fiúza (Getty)

Edgar Schuler@Edgar_Schuler

Wie absurd ist das? Der Pariser Louvre zeigt zurzeit die grösste Ausstellung von Leonardo da Vincis Werk seit Jahrzehnten, versammelt die wichtigsten Originalgemälde aus Museen der halben Welt – aber die «Mona Lisa», sein bekanntestes Werk, ist da nur als elektronischer (wenn auch informativer) Abklatsch zu sehen. Wo doch das Original nur ein paar Gänge weiter im selben Museum hängt.

Der Grund dafür ist allerdings klar. Das Lächeln der Gioconda zieht bis zu 30'000 Menschen an. Nicht jährlich, nicht monatlich, sondern täglich. Die Leonardo-Retrospektive kann maximal 5000 fassen. Und das ist schon sehr, sehr viel: Das Kunsthaus Zürich kommt mit allen Wechselausstellungen und der Sammlung heute auf insgesamt gut 700 täglich.

Das Interesse an «Mona Lisa» sprengt jede Vorstellungskraft. Und es sprengt jeden herkömmlichen Massstab dafür, wozu bildende Kunst gut sein sollte, gut sein könnte: dass man sich als Betrachter einlässt auf ein Erlebnis abseits von Alltag und Nützlichkeit, dass man sich gefangen nehmen lässt von einem schöpferischen Urereignis. Oder, um es mit Goethe noch gestelzter zu sagen: «Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen.»

«Es ist Zeit, die ‹Mona Lisa› abzuhängen»Kunstkritiker der «New York Times» 

Der durchschnittliche «Mona Lisa»-Betrachter hält sich aber bloss drei bis vier Minuten in ihrem Banne auf; 50 Sekunden betrachtet er das Bild. Und davon dürfte noch der grösste Teil dafür draufgehen, dass man sich fürs Selfie mit der geheimnisvollen Unbekannten in Pose setzt. Da steht man endlich vor dem Original, nach Tausenden von Flugkilometern, Stunden des Wartens – und betrachtet es dann durch den Handybildschirm. Grotesk.

Kein Wunder, wird da die Forderung laut, die Kunst vor dem globalisierten Rummel zu schützen. Denn die Seele des Meisterwerks könnte dadurch verraten werden. «Es ist Zeit, die ‹Mona Lisa› abzuhängen», schrieb der Kunstkritiker der «New York Times» stellvertretend für zahlreiche gequälte Freunde der Kunst. Statt im Louvre unter vielen anderen, im Vergleich wenig beachteten Werken sollte die «Mona Lisa» in einem eigenen Pavillon gezeigt werden, verlangt die «Times», abseits vom historischen und kunsthistorischen Zusammenhang des Louvre, dafür ein- und ausgerichtet auf die Touristenmassen.

Kunst konsumieren, wie man will

Im Louvre selbst sieht man das entspannter. Direktor Jean-Luc Martinez lässt keinen Zweifel daran, dass er sich über alle freut, die in sein Museum kommen, ob als tief berührte Kenner oder als Touristen, einzig daran interessiert, die «Mona Lisa» abzuhaken. Martinez hat auch Beyoncé und Jay-Z in seinen Sälen filmen lassen. Das Musikvideo wurde auf Youtube bisher 190 Millionen Mal angeklickt und hat dem Louvre nochmals einen Ansturm von Pop- und Rapfans beschert.

Der Louvre-Direktor hat recht. Es ist nicht Sache von Kritikern und Kuratoren, Vorschriften dafür zu machen, wie Kunst rezipiert oder konsumiert werden soll. Man kann sich von ihrer «völlig traumhaften Wirkung» verzaubern lassen wie Jacob Burckhardt, der eminente Schweizer Kunsthistoriker des 19. Jahrhunderts. Oder man kann der «Mona Lisa» als globalem Popstar gegenübertreten, flüchtig, oberflächlich, aber doch im Bewusstsein, einem unerhörten Phänomen nahegekommen zu sein.

Die «Mona Lisa» lasse alle den Kopf verlieren, meinte Richard Muther, ein anderer bekannter Kunsthistoriker im vorletzten Jahrhundert. Das war damals so wahr, wie es heute ist.

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