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Berlinale-Gewinner durfte Bären nicht selber entgegennehmen

Der mit einem Ausreise- und Berufsverbot belegte iranische Regisseur Mohammed Rasoulouf gewann den Hauptpreis der 70. Filmfestspiele von Berlin.

Doch ein Lächeln: Baran Rasoulof, Tochter und Hauptdarstellerin des Berlinale-Siegers Mohammad Rasoulof, nimmt den Preis entgegen. (Keystone/Ronald Wittek/29. Februar 2020)
Doch ein Lächeln: Baran Rasoulof, Tochter und Hauptdarstellerin des Berlinale-Siegers Mohammad Rasoulof, nimmt den Preis entgegen. (Keystone/Ronald Wittek/29. Februar 2020)

«Es gibt nichts Böses» heisst der deutsche Titel des diesjährigen Berlinale-Siegerfilms. Aber das iranische Regime meint es nicht gut mit dem Mann, der ihn gedreht hat. Als Jurypräsident Jeremy Irons im Berlinale-Palast am Samstagabend seinen Namen nannte, hielt sich Regisseur Mohammed Rasulof 3500 Kilometer entfernt in der Heimat auf. Weil er nicht ausreisen darf, nahm seine Tochter Baran den Bären entgegen. Sie lebt mit ihrer Mutter in Hamburg und spielt im Film eine Hauptrolle.

Nach dem Willen des Regimes dürfte es den Film «There Is No Evil» natürlich auch nicht geben. Er setzt sich mit der Todesstrafe auseinander, die im Iran häufig vollstreckt wird: Für 2018 dokumentierte Amnesty International 253 Hinrichtungen, nur in China gab es mehr. Im Zentrum stehen aber nicht die Getöteten, sondern die Henker – Staatsbeamte, Soldaten –, welche die Strafe vollstrecken. Oder sich weigern, das zu tun, und mit den Konsequenzen leben müssen.

Als Kurzfilm getarnt, unter falschen Namen

Wie konnte der mit einem zweijährigen Berufsverbot belegte Regisseur so etwas überhaupt drehen? «There Is No Evil» besteht mit einer Laufzeit von zweieinhalb Stunden aus vier verschiedenen Episoden. Jeder Teil sei als eigenständiger Kurzfilm angemeldet worden, immer unter dem Namen eines anderen Regieassistenten, sagten die Produzenten an der Pressekonferenz. Bei Kurzfilmen schaue die Behörde nicht so genau hin. Gedreht wurde ausserdem, ausser der ersten Episode, immer irgendwo in der Einsamkeit der Berge und der Wälder. Und bei der Teheraner Episode war Regisseur Rasoulof auf dem Set nicht dabei.

Entstanden ist ein süffiger Film, der das Thema manchmal subtil, manchmal allerdings auch überdeutlich umkreist. Mit seiner geballten Wucht war er ein logischer Sieger der Berlinale. Zumal er eine Tradition fortsetzt: Vor fünf Jahren gewann Rasoulofs iranischer Freund und Arbeitskollege Jafar Panahi mit «Taxi Teheran» ebenfalls den Goldenen Bären. Und konnte ihn auch nicht entgegennehmen. «There Is No Evil» wurde übrigens in Berlin vom Schweizer Trigon-Filmverleih gekauft. Und wird auch hierzulande zu sehen sein.

Silberner Bär für Schweizer Koproduktion

Leer ging bei der Preisverleihung die Schweizer Produktion «Schwesterlein» aus, bei der Nina Hoss in der Hauptrolle zu den Favoritinnen gezählt hatte. Als beste Hauptdarstellerin wurde Paula Beer ausgezeichnet, im Film «Undine» von Christian Petzold (der zuvor zahlreiche Filme mit Nina Hoss gedreht hatte). Und bester Hauptdarsteller wurde Elio Germano, der in «Volevo Nascondermi» den italienischen Maler Antonio Ligabue spielt. Dieser hat seine Kindheit in Schweizer Heimen verbracht, bevor er von den Behörden nach Italien ausgeschafft wurde.

Die ersten zehn Minuten dieses Films wird schweizerdeutsch gesprochen, aber entstanden ist er ohne Schweizer Gelder. Die italienisch-schweizerische Koproduktion «Favolacce» der Gebrüder D’Innocenzo dagegen gewann den Silbernen Bären für das beste Drehbuch. Und jenseits des Wettbewerbs erhielt die Schweizer Produktion «Saudi Runaway» von Susanne Regina Meures zwei Anerkennungen: den zweiten Publikumspreis der Sektion Panorama sowie eine lobende Erwähnung der ökumenischen Jury. Diese Geschichte einer jungen Frau aus Saudiarabien, die heimlich ihre Flucht aus dem Land filmt, kommt im Herbst auch in die Schweizer Kinos.

Weitere Berlinale-Bären erhielten der amerikanische Film «Never Rarely Sometimes Always» von Eliza Hittman (Grosser Preis der Jury). Der südkoreanische Meister Hong Sangsoo für «The Woman Who Ran» (Regiepreis). Der deutsche Kameramann Jürgen Jürges für seine Arbeit am russischen «Dau»-Projekt. Sowie das französische Regieduo Benoît Delépine / Gustave Kervern für ihre Social-Media-Farce «Effacer l’historique».

Carlo Chatrian überzeugte noch nicht

Das sind gute Filme. Und doch vermochte der ehemalige Locarno-Direktor Carlo Chatrian bei seinem ersten Einsatz als künstlerischer Leiter der Berlinale noch nicht wirklich zu überzeugen. Er präsentierte einen Wettbewerb mit wenig Starpower und Experimenten. Seine wirkliche Liebe, auch bei den Auftritten, schien eher der Filmreihe Encounters zu gelten, die er neu eingeführt hatte. Darin waren in jeder Hinsicht gewagtere Filme zu sehen, die teilweise dem Hauptwettbewerb aber auch gut angestanden wären.

Der Hauptgewinner in dieser Kategorie trägt den Titel «The Works and Days (of Tayoko Shiojiri in the Shiotani Basin)». Er schildert das Leben einer Bäuerin in einem japanischen Bergdorf. Die Chance, dass er die Schweizer Kinos kommt, ist allerdings gering. Er dauert genau acht Stunden.

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